Die Premiere ist für sie zum Schnuppern
Wann sie letztmals so viele Tage hintereinander nicht mehr auf dem Schlitten sass? Natalie Maag kann sich nicht daran erinnern. Aber es ist mit Sicherheit lange her.
In den vergangenen drei Monaten war die Wernetshauserin ständig auf Achse, das Weltcup-Programm mit neun Stationen in sechs Ländern dicht. Die einwöchige Pause vor dem Abflug nach Asien genoss die einzige Schweizer Toprodlerin darum – trotz freiwilliger Isolation.
Endlich hatte sie wieder einmal viel Zeit für alltägliche Dinge. Wie Wäsche zu machen, lange mit Freundinnen zu telefonieren oder «einfach ein wenig rumzuhängen».
Die ruhigen Tage gehören mittlerweile der Vergangenheit an. Seit Ende letzter Woche weilt Maag in China. Die 24-Jährige feiert da ihre Olympia-Premiere. Ohne besonders angespannt zu sein.
Maag wusste sehr genau, was in Yanqing, rund 70 km nordwestlich von Peking, auf sie zukommt. Schliesslich ist sie zum bereits dritten Mal da und erblasst beim Anblick der gigantischen Anlage nicht mehr.
Im Herbst 2020 war die Oberländerin bei der Homologierung der Olympia-Bahn dabei. Als einzige Einzelfahrerin neben der Deutschen Julia Taubitz. Im November erfolgte dann der Weltcup-Start im fast komplett überdachten Eiskanal.
1600 m ist er lang, besteht aus 16 Kurven, enthält Aufwärtspassagen und einen Kreisel – also eine 360-Grad-Kurve. Maag ist von der Bahn begeistert. Und sagt: «Man muss hier sehr präzise fahren.»
Der zähe Winter hat Folgen
Die seit Jahren ins deutsche Weltcup-Team integrierte Rodlerin ist erst die vierte Schweizerin überhaupt, die an Winterspielen startet, seit die Sportart 1964 ins Programm aufgenommen wurde. Die Oberländerin ist überrascht, als sie davon hört. «Das wusste ich nicht.»
Dass sie mit ihrer Teilnahme eine Serie fortsetzt, ist sie sich hingegen bewusst. Seit 2006 in Turin war immer eine Schweizer Rodlerin dabei. Oder um genau zu sein, immer dieselbe: Martina Kocher. Bei drei ihrer vier Teilnahmen erreichte die 2018 zurückgetretene Fahrerin die Top Ten
Das hat sich Maag ursprünglich auch vorgenommen. Unmittelbar vor den Spielen aber buchstabiert sie zurück, spricht jetzt davon, ohne konkretes Rangziel anzutreten. Was hat sie vorsichtiger werden lassen?
«Alle sind so stark», sagt sie über ihre Konkurrenz, die in Yanqing aus 34 Fahrerinnen besteht. Die Zurückhaltung hat aber vor allem mit den eigenen Leistungen zu tun. Maag hat eine zähe Saison hinter sich mit lange Zeit ernüchternden Resultaten ausserhalb der Top 20.
«So gut lag ich diese Saison noch nie auf dem Schlitten.»
Natalie Maag nach der Olympia-Hauptprobe in St. Moritz
«Die Wettkampfstabilität war nicht da», hat sie als einen zentralen Grund ausgemacht. Dazu kam der selber auferlegte Druck der fehlenden Olympia-Qualifikation. Mit dem 13. Platz löste Maag im Dezember nicht nur das Ticket, sondern gleich auch die mentale Handbremse.
Im neuen Jahr fuhr sie regelmässig in die Nähe der Top Ten. Zuletzt klassierte sie sich beim Weltcup-Final in St. Moritz mit zwei soliden Läufen auf Platz 12. Die Olympia-Hauptprobe sei gelungen, findet Maag: «So gut lag ich diese Saison noch nie auf dem Schlitten.»
Den Sprung zurück in die Gesetztengruppe hat sie gleichwohl verpasst – zwei Punkte fehlen ihr, um eine der ersten zwölf Startenden in Yanqing zu sein. «Bitter» sei das.
Wobei die Startnummer keine entscheidende Rolle spielen dürfte. Die Kühlung des Eises ist ideal, die Bedingungen für alle Fahrerinnen sind wohl immer gleich. Maag hat
sich dennoch vorgenommen, die Startnummer 13 zu erobern. Dafür muss sie den Qualifikationslauf gewinnen.
Fehler sind verboten
Dass sie auf der Olympia-Bahn schnell sein kann, hat sie schon einmal gezeigt. Im Abschlusstraining zum Weltcup-Auftakt fuhr sie auf den 3. Rang. Im Rennen erlitt Maag dann allerdings Schiffbruch (22.).
Sie habe den ersten Lauf «abgewürgt», erinnert sie sich. Die Bahn weist denn auch mehrere Stellen auf, die keine Schnitzer vertragen. Zum Beispiel den Kreisel. «Macht man da einen Fehler, kann man gleich aussteigen.»
Im Gegensatz zum Weltcup, wo die Rodlerinnen zwei Läufe am selben Tag absolvieren, sind es an den Olympischen Spielen an zwei Tagen deren vier. Konstanz ist entsprechend wichtig. Und schwierig hinzukriegen. «Vier gerade, gute Läufe hinunterzubringen, wird hart.»
Maag kann unbeschwert antreten. Ihre Karriereplanung ist langfristig ausgelegt. Die Spiele in Peking sind nicht als sportlicher Höhepunkt vorgesehen, sondern ein Zwischenschritt auf dem weiteren Weg. Unter dem Motto «reinschnuppern, diese ganze Aufregung einmal erleben», wie Maag sagt.
Und vor allem auch von diesen Erfahrungen profitieren. Denn die Wernetshauserin hat ein ehrgeiziges Ziel im Hinterkopf: An den Spielen 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo will sie in den Medaillenkampf eingreifen.
