Es gefällt ihm, nicht beachtet zu werden
Reisestrapazen ist er sich gewöhnt. Kevin Kuhn tönt darum auch tiefenentspannt, als er sich am Montag aus Deutschland meldet.
Am Sonntag hatte er beim Weltcup-Final im holländischen Hoogerheide vergebens um einen Platz in den Top Ten gekämpft, war danach heimgekehrt ins Winterdomizil im belgischen Geel. Um tags darauf die rund vierstündige Fahrt zum Flughafen Frankfurt zurückzulegen und Richtung USA abzuheben.
Der Endpunkt seiner Vier-Länder-Tour: Die ungefähr in der Mitte zwischen den Metropolen Dallas und St. Louis liegende Stadt Fayetteville. Da findet am Sonntag mit der WM der Höhepunkt der Quersaison statt.
Kuhn packt das Rennen zuversichtlich an. Die Hauptprobe in Holland glückte ihm mit Platz 14 zwar nicht wie erhofft, obwohl er nur 1:35 Minuten hinter dem siegreichen Gesamtweltcup-Gewinner Eli Iserbyt (BEL) ins Ziel kam. «Ein wenig schwere Beine» sowie kleine technische und taktische Fehler sieht er als entscheidende Faktoren.
«Mein Gefühl war weit weg von gut», sagt er. Ohne sich darüber auch nur im Ansatz Sorgen zu machen.
Die vergangenen Wochen haben Kuhns Glauben gestärkt, dass an der WM für ihn etwas drin liegt. Die Formkurve stimmt. Dazu hat er die stressige Weihnachtszeit mit zahlreichen Wettkämpfen gut überstanden. Mental fühlt er sich jetzt «so gut wie noch nie».
Er sei ein paar gute Rennen gefahren, fasst die Nummer 13 der Weltrangliste den bisherigen Winter zusammen. Zu den Höhepunkten zählt er den in Steinmaur souverän verteidigten Schweizermeistertitel, mehr Gewicht aber haben die zwei Top-Ten-Plätze auf höchster Stufe.
«Wenn ich einen Supertag habe und alles für mich läuft, kann ich ein richtig gutes Resultat herausfahren.»
Kevin Kuhn
In Val di Sole zeigte der bald 24-Jährige mit dem 7. Platz seine Qualitäten auf schneebedeckter Strecke, beim Weltcup in Flamanville (FRA) fuhr Kuhn gar auf Rang 5. Es ist nicht nur sein Karriere-Bestresultat, so weit vorne war seit fast acht Jahren kein Schweizer mehr klassiert in der von Belgiern und Holländern dominierten Sportart.
Dieser 5. Rang von Mitte Januar hat beim Tösstaler fürs WM-Rennen Begehrlichkeiten geweckt. Die Rechnung ist für ihn schnell gemacht. «Wenn ich das im Weltcup schaffe, ist das an der WM auch möglich.»
Zwei Gratisplätze dank zwei Stars
In die Hände spielt ihm das Fehlen von Mathieu van der Poel (NED) und Wout van Aert (BEL), die seit 2015 alle WM-Titel unter sich ausmachten. Van der Poel plagen Rückenprobleme, Van Aert bereitet sich bereits auf die Strassensaison vor.
«Das sind zwei Gratisplätze für mich», sagt Kuhn scherzhaft, bevor er wieder ernst wird. Er müsse nicht auf andere schauen, sagt das Schweizer Aushängeschild selbstbewusst. Und sieht sich im trotz dieser Absagen stark besetzen WM-Feld in einer idealen Ausgangslage.
«Niemand achtet auf mich. Wenn ich einen Supertag habe und alles für mich läuft, kann ich ein richtig gutes Resultat herausfahren», ist der beim belgischen Team Tormans unter Vertrag stehende Gibswiler sicher.
Gehört zum Leben als Querprofi dazu – Weihnachten mit dem Teamkollegen zu feiern statt mit der Familie. (Quelle: Youtube)
Kuhns Sportdirektor Bart Wellens hat unlängst gesagt, technisch habe der Schweizer alles drauf. Er müsse aber den Motor vergrössern, also noch leistungsfähiger werden. «In meinem Alter ist das einfacher, als sich technisch zu verbessern.»
Im zweiten Jahr in der Elite hat sich Kuhn weiterentwickelt, ist der Weltspitze nähergekommen. «Die Schritte werden aber kleiner.» In der Gesamtwertung beendete er die Weltcup-Saison auf Platz 12. Rundum zufrieden ist er damit nicht. Dafür umso motivierter.
«Ich weiss, ich kann noch mehr.» Beim WM-Rennen in Fayetteville erhält Kuhn die nächste Möglichkeit, das zu zeigen.
