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Steiler hätte sein Aufstieg nicht sein können

Vor vier Jahren wurde Thomas Appenzeller per Zufall Trainer. Jetzt ist er bereits Headcoach bei einem der besten Frauenteams der Welt.

Auf Augenhöhe: Thomas Appenzeller pflegt ein gutes Verhältnis zu seinen Spielerinnen., Zügig unterwegs: Thomas Appenzeller arbeitete sich als Trainer innert kürzester Zeit nach oben., Seine Trainerkarriere startete Thomas Appenzeller bei den Floorball Riders (Iris Brünn, Mitte).

Archivfoto: Christian Merz

Steiler hätte sein Aufstieg nicht sein können

Mutig ist Thomas Appenzeller zweifelsohne. Im letzten Herbst hat er sich kopfvoran von der 220  Meter hohen Verzasca-Staumauer in den Abgrund gestürzt. In der Dunkelheit, das hat den Sprung anspruchsvoller gemacht.

«Das war cool», schwärmt der Egger. Und gibt zu: «Der ­Adrenalinspiegel war hoch.» 

Mumm hat der Oberländer auch im Sommer bewiesen, als er bei den Kloten-Dietlikon Jets als Headcoach der Frauen unterschrieb. Es war der nächste Schritt einer Trainerkarriere, die nicht steiler hätte verlaufen können. Innert kürzester Zeit ist der 33-Jährige bis auf den Chefposten in einem der weltweit besten Frauenteams hochgeklettert.

Die jüngste Beförderung hatte auch zur Folge, dass er sich ein paarmal der Frage stellen musste, ob er nur ein «Notnagel» sei. Nach etwas mehr als der Hälfte der Qualifikation sind diese ­Stimmen verstummt.

Die Jets führen die Tabelle an. Der Headcoach ist zufrieden. «Der erste Platz ist eine Visitenkarte für die gute Arbeit in den Trainings und Spielen.»

Appenzeller ist ein «Unihockeybegeisterter», wie er sich nennt. Rund 20 Jahre spielt er schon beim UHC Pfannenstiel in einem Kleinfeldteam – mit geringen Am­bitionen.

Dazu hat er im letzten Jahrzehnt jede Unihockey-­WM live erlebt und zahlreiche schwedische Superfinals besucht. Erst 2018 aber hob Appenzeller erstmals als Coach ab, um ein Bild zu verwenden, das zu seinem aktuellen Verein passt.

Der Zufall hilft mit

Auslöser war eine zufällige Begegnung mit Sarah Altwegg, der Sportchefin der Floorball Riders Dürnten-Bubikon-Rüti, die auf der Suche nach einem U21-Coach war. Altwegg überzeugte Appenzeller, bei den Riders einmal im Training der U21 mitzuhelfen. Nach wenigen Minuten in der Halle realisierte dieser: «Das macht Spass.» 

Damit war der Grundstein gelegt. Nach einem Jahr als U21-Coach der Riders gehörte «Api» in der darauffolgenden Saison dem NLB-Staff der Riders-­Frauen an. Wiederum eine Saison später wechselte er mit dem vormaligen Riders-Head­coach Ursin Spescha als Assistent zu den Jets.

«Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.»

Thomas Appenzeller, Trainer Kloten-Dietlikon Jets

Und nun sitzt er bereits auf dem Chefposten. Den schnellen Aufstieg kommentiert er nüchtern: «Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.»

Ein Flair dafür scheint er jedenfalls zu haben. Zupass kommt Appenzeller sicherlich auch, dass der Trainermarkt in der Schweiz völlig ausgetrocknet ist. Ohne die entsprechenden fachlichen und menschlichen Qualitäten hätte er es aber dennoch kaum so weit nach oben geschafft. 

Doch was zeichnet ihn aus? Appenzeller wird als engagierter, unaufgeregter Trainer beschrieben, der sich selber gut einschätzen ­könne und kaum je seine ­Stimme erhebe. «Wenn es sein muss, kann ich schon lauter werden», sagt er. Weiss aber auch, dass sich dieses Mittel schnell einmal abnutzt. Deshalb setzt er es spärlich ein. 

Eine Frage der Wirkung 

Der Egger hat sich Gedanken über seine Wirkung gemacht. Beim Coachen versucht er etwa, Ruhe auszustrahlen. «Die Spielerinnen sind ja schon angespannt.»

Er selber eigentlich auch. Das sieht man zwar nicht, äussert sich aber dennoch. «Ich habe einen relativ hohen Kaugummiverbrauch in Spielen», sagt er und lacht.

Appenzeller gilt als versierter Kommunikator, der einen guten Draht zu den Spielerinnen hat. Beobachter sagen, er führe viele Einzelgespräche und sei der ­erste Cheftrainer der Jets seit Langem, der wirklich versuche, den eigenen Nachwuchs zu integrieren.

«Er gab sich voll in die Aufgabe hinein.» 

Sarah Altwegg, Sportchefin Floorball Riders

Appenzeller ist überzeugt: «Kom­munikation ist das A und O. Man muss alle Spielerinnen abholen, deren Erwartungshaltung kennen.»

Seine «Entdeckerin» Sarah Altwegg sagt derweil über den Jets-Headcoach, er sei eine ruhige Person. «Kollegial, wissbegierig, er war immer zur Stelle, wenn man jemanden brauchte. Und er gab sich voll in die Aufgabe hinein.» 

Trainer Thomas Appenzeller verfolgt das Spiel seiner Equipe.

Um die 30 Stunden investiert der als Haushaltgerätemonteur in ­einem Vollpensum arbeitende Oberländer für die Aufgabe im Unterländer Klub – pro Woche. Die Anspruchshaltung bei den mit acht Meistertiteln, neun Cup-­Siegen und zwei Europacup-Siegen dekorierten Jets ist gross.

Der Umbruch im Kader des Titelverteidigers war es auf diese Saison hin allerdings auch. Mehrere ­Internationale, darunter die Nä­niker Rekordnationalspielerin Tanja Stella (33), verliessen das Team. Dazu eine Handvoll anderer Routiniers. Die Qualität im Kader ist dennoch weiterhin überdurchschnittlich gut. 

«Der Druck ist hoch. Aber ich wollte den Druck auch.»

Thomas Appenzeller, Kloten-Dietlikon Jets

Manch einer hätte wohl trotzdem die Finger von dieser kniffligen Aufgabe gelassen. Für den letztjährigen Jets-Assistenztrainer aber war genau diese Kon­stellation, sich nicht in ein gemachtes Nest setzen zu können, ein ganz besonderer Ansporn.

Das Team neu erfinden zu müssen? Und herauszufinden, ob die eigenen Ideen funktionieren? Genau das reizte Appenzeller. «Der Druck ist hoch», hat er festgestellt. «Aber ich wollte den Druck auch.»

Ganz nach seinem Motto «seek discomfort». Was freihändig übersetzt heisst: Verlass die Komfortzone. Für gewöhnlich reicht dafür der Posten als Cheftrainer bei den Jets. Manchmal braucht es dazu aber auch einen Sprung von einer Staumauer aus in die Tiefe. 

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