Der Rückschritt spornt Natalie Maag an
Natalie Maag ist seit Anfang November da, wo sie in vier Monaten auch wieder sein will: in Yanqing. Rund 85 Kilometer entfernt vom Pekinger Stadtzentrum finden im Februar an den Olympischen Spielen 2022 die Rodel- und Bobwettbewerbe statt. Bis dahin wird die Weltcup-Saison nach neun Stationen in sechs Ländern bereits beendet sein, die am Wochenende mit dem Rennen in China den Anfang nimmt.
Für Maag ist es eine Rückkehr nach Yanqing. Im Oktober 2020 genoss sie neben der Deutschen Julia Taubitz als einzige Einzel-Fahrerin das Privileg, den neu gebauten Eiskanal der Superlative testen zu können. Schon beim ersten Mal fasziniert von der beinahe komplett überdachten Anlage, sagt Maag: «Der Wow-Effekt ist noch immer da.»
Sie schwärmt vom geschlossenen Aufwärmbereich, der die Athletinnen und Athleten vor dem bissigen Wind und der Kälte schützt. Und vom grossen Panoramafenster, durch das man aufs Olympische Dorf blickt.
«Kommt man quer aus der Kurve 2, könnte man eigentlich gleich aussteigen.»
Natalie Maag
Gegenüber der Konkurrenz ist die einzige Schweizer Weltcup-Rodlerin leicht im Vorteil: Sie hat viele Fahrten Vorsprung und kann darum bereits an Feinheiten arbeiten. Etwa an der Fahrlage. Oder daran, die perfekte Linie für die zentralen ersten Kurven zu finden.
«Kommt man quer aus der Kurve 2, könnte man eigentlich gleich aussteigen», unterstreicht Maag die Bedeutung der Anfangsphase. Die anderen Fahrerinnen müssen sich erst an die lange Bahn gewöhnen, die mit keiner anderen vergleichbar ist. «Viele haben extrem Mühe mit ihr. Man muss sie erst verstehen.»
Die unerfreuliche Premiere
Maag ist froh, geht es am Sonntag endlich los. «Voll motiviert» ist sie, mit der mehrmonatigen Vorbereitung ist die dem deutschen Kader angegliederte und in Oberhof stationierte Rodlerin zufrieden. «Es lief gut, ich konnte überall meine Werte verbessern.» Ende November wird die Profiathletin erst 24. Und packt dennoch bereits ihre sechste komplette Saison in der Elite an.
Seit sie «bei den Grossen» fährt, wie Maag die höchste Kategorie bezeichnet, hat sie sich stetig weiterentwickelt. Zuletzt aber musste sie erstmals einen Rückschritt im Gesamtweltcup hinnehmen. Platz 12 belegte sie. Das Gefühl habe von Anfang nicht gestimmt, sagt Maag. Das hatte Folgen.
Die Oberländerin konnte sich nie nachhaltig in der zwölfköpfigen Gesetztengruppe halten, musste sich stattdessen ein halbes Dutzend Mal via Nationencup für die Rennen qualifizieren. Maag ist sich im Klaren: Auch weitaus erfahrenere Athletinnen fallen immer wieder aus der Gesetztengruppe. Dennoch hatte sie arg daran zu beissen. Und verlor auf der Suche nach einem Erfolgserlebnis bisweilen den Fokus. «Ich habe mich zwischendurch selber bemitleidet.»
Den schwierigen letzten Winter sieht sie jetzt als Ansporn. Maag steigt zuversichtlich ins Olympia-Jahr, das Selbstvertrauen ist zurück. Auch dank ihrem Exploit in St. Moritz. Dritte wurde sie beim finalen Weltcup-Rennen der Saison 2020/2021 auf ihrer Heimbahn. Ein Schlüsselmoment für Maag, die sagt: «Ich hoffe, ich kann diesen mitziehen.» Der Erfolg kam, als sie nicht mehr mit einem solchen rechnete. Und hat ihr mental extrem gutgetan. Der Glaube an die Fähigkeiten ist zurück. «Ich muss mich nicht verstecken. Jetzt gilt es, das in den Rennen zu beweisen.»
Nebenschauplatz Olympia
Das Ziel ist selbsterklärend – Maag will in China ihre Olympia-Premiere erleben. Noch hat sie das Ticket dafür nicht im Sack. Druck will sie sich dadurch trotzdem keinen machen. Olympia soll auf keinen Fall ihren Alltag dominieren, hat sich die Oberländerin vorgenommen. Sie fokussiert bewusst auf den Weltcup.
53 Tage am Stück wird sie nun von zu Hause weg sein, hat Maag ausgerechnet. Und sieht dem dichten Programm völlig entspannt entgegen. «Ich denke, das geht gut.» Bis Weihnachten stehen an fünf aufeinanderfolgenden Wochenenden jeweils Rennen an. Wobei zum Bedauern von Maag der Abstecher nach Nordamerika wie im Vorjahr entfällt.
Die Olympia-Hürde sollte für sie derweil problemlos überspringbar sein. Nachdem sie im vergangenen Winter die Hälfte der Limite erfüllte, muss sie bis zum Ende des Selektionszeitraums am 10. Januar 2022 noch einmal in die Top 18 fahren. Die Wernetshauserin hat andere Ansprüche, will im Gesamtweltcup «endlich in die Top Ten kommen». Dafür braucht sie regelmässig gute Resultate. Ein gelungener Saisonauftakt in Yanqing wäre ein Anfang.
