Jetzt hat er gelernt, zu gewinnen
Die Festivitäten? «Nichts Wildes», sagt Simon Marquart und muss lachen. Er ass mit anderen BMX-Fahrern in einem Steakhouse, später liess der Oberländer den Abend an der Hotelbar ausklingen.
Dabei hätte der 25-Jährige am Sonntag in der Türkei viele Gründe gehabt, ausgelassen zu feiern. Den Triumph im Gesamtweltcup etwa. Die insgesamt drei Weltcup-Siege, die ihm gelangen, nachdem er heuer nach vielen vergeblichen Anläufen erstmals überhaupt in einen Final einziehen konnte. Den starken 4. Platz an der WM. Oder auch die auf den letzten Drücker realisierte Olympia-Premiere.
Marquart blickt auf die beste Saison seiner Karriere zurück – inklusive dramatischem Abschluss. Der aus Mönchaltorf stammende BMX-Profi brauchte im letzten Rennen ein Topresultat, um den in der Gesamtwertung führenden Kolumbianer Ramirez Yepes abfangen zu können.
Verschiedene Szenarien hätten zum Ziel geführt. Marquart verzichtete aber gleich ganz darauf, sie durchzuspielen. Er hatte nur einen Plan im Kopf: «Ich wollte unbedingt gewinnen. Es wäre komisch gewesen, als Fünfter ins Ziel zu kommen und dann über den Gesamtweltcupsieg zu jubeln.»
Yepes blieb im Halbfinal hängen, Marquart hingegen hielt dem Druck stand. Er setzte sich im Final früh an die Spitze und gab sie nicht mehr preis.
Der Final beim letzten Weltcup mit Simon Marquart – ab 1:23:30. (Quelle: Youtube)
Zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Monaten gelang dem 25-Jährigen Historisches. Er ist der erste Schweizer, der in seiner Disziplin den Gesamtweltcup holte. So wie er im Frühling schon der erste BMX-Fahrer von Swiss Cycling war, der ein Weltcup-Rennen gewann.
Dieser Sieg Anfang Mai in Verona ist für Marquart zentral. «Das löste den Knopf bei mir, nahm mir den Druck.»
«Ich kann auf der Piste jetzt auch überholen.»
Simon Marquart
Schon vor sieben Jahren hatte Marquart auf höchster Stufe debütiert. Man attestierte ihm viel Potenzial. Erst jetzt aber vermochte er dieses im Ernstkampf auch konstant abzurufen. Sechs der acht Weltcup-Rennen bestritt er 2021, immer stiess die aktuelle Nummer 2 der Weltrangliste in den Final vor, dreimal gewann er.
Marquart hat sich zum Siegfahrer entwickelt, weshalb Trainer Liam Phillips mehrfach zu ihm sagte: «Du hast in diesem Jahr gelernt, zu gewinnen.»
Der neue Teamkollege wird zum Glücksfall
Marquart ist ein kompletterer Fahrer geworden. Er hat das Selbstvertrauen gesammelt, das für Erfolge nötig ist. Vor allem aber kann er auf einen Start, – dieser ist im BMX extrem wichtig, – nun reagieren, sollte ihm dieser missglücken. «Ich kann auf der Piste jetzt auch überholen.»
Verschiedene Faktoren spielen bei seiner Entwicklung eine wichtige Rolle. Der für das Team des internationalen Radsportverbands UCI startende Mönchaltorfer wohnte an dessen Hauptsitz in Aigle. Und fand im Weltradsportzentrum eine ideale Trainingsinfrastruktur vor. Zudem blieb er lange verletzungsfrei.
Enorm profitiert hat Marquart davon, dass Niek Kimmann auf diese Saison hin zu seiner Trainingsgruppe stiess. Der Niederländer ist einer der erfolgreichsten BMX-Profis überhaupt. Er wurde im Sommer in Tokio Olympiasieger, kurz darauf gewann er auch WM-Gold.
«Die Arbeit mit Niek half mir», sagt Marquart. Die Trainingsgruppe des Briten Liam Phillips, dem Weltmeister von 2013, beschreibt er als extrem professionell.
«Wir setzen alles daran, Erfolg zu haben.»
Die USA lockt
Marquarts Genugtuung über die erzielten Resultate ist gross. Auch wenn der Gesamtweltcupsieger findet, er brauche noch etwas mehr Zeit, um alles richtig sacken zu lassen.
Der Hunger ist derweil längst nicht gestillt. Trotz kräftezehrender Monate denkt er nicht daran, vorerst kürzer zu treten. Im Gegenteil. In wenigen Tagen fährt Marquart nach Holland, um weiter zu trainieren.
Von dort aus fliegt er danach mit Niek Kimmann in den US-Bundesstaat Oklahoma, wo das Duo Ende November an den Grands in Tulsa teilnimmt. Marquart brennt darauf, erstmals an der weltweit grössten Indoor-BMX-Veranstaltung zu starten, die zugleich das Finale der US-National-Series ist.
In jener Rennserie werden Marquart und Kimmann nächstes Jahr häufiger fahren. Der Oberländer dürfte dann weiterhin dem UCI-Team angehören. Seine Zelte in Aigle aber bricht er trotzdem ab. Marquart plant, jeweils mehrere Wochen am Stück in den USA zu verbringen. Ist er zurück in Europa, wird Holland seine neue Basis sein.
