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Selenati will zeigen, dass er es noch drauf hat

Sein letzter internationaler Einsatz auf der Bahn ist lange her. An der EM kann sich Nico Selenati jetzt wieder einmal im Oval zeigen.

Saisonhöhepunkt mit Fragezeichen: Nico Selenati (links) weiss vor der Bahn-EM nicht, wie gut er in Form ist.

Foto: Ulf Schiller

Selenati will zeigen, dass er es noch drauf hat

Kompliziert war sie bisher, die Saison von Nico Selenati. Aus organisatorischer Sicht. Vor allem sportlich aber lief sie nicht wie erhofft.

Auf der Strasse musste er bisweilen mehrere Wochen ohne Rennen überbrücken. Und auf der Bahn, wo der Wolfhauser zu den stärksten Schweizer Fahrern zählt, kam ihm eine Startmöglichkeit nach der anderen abhanden. Verständlich also, freut sich Selenati auf die am Dienstag beginnende Bahn-EM in Grenchen. 

Den Saisonhöhepunkt nimmt er nicht mit konkreten Rangzielen in Angriff, sondern mit der Hoffnung, die bestmögliche Leistung abrufen zu können. «Ich will zeigen, dass ich es noch drauf­habe. Und so auf mich aufmerksam machen.»

Welche Rennen er bestreitet, erfährt der Oberländer kurzfristig. Im Punkterennen, im Scratch und im Ausscheidungsfahren ist er gemeldet.

«Wo stehe ich international?»

Nico Selenati

Selenati hat sich schon länger nicht mehr mit der internationalen Konkurrenz gemessen. Den Sprung an die Olympischen Spiele ver­passte er, weil der 25-Jährige nicht Teil des Schweizer Bahn-Mannschaftsvierers war. Zu diesem gehört er auch in Grenchen nicht.

Und seit seinem letzten Weltcup-Einsatz in Milton (CAN) sind 20 Monate vergangen. Eine ­lange Zeit. «Wo stehe ich international?», fragt er sich darum.

Nirgends dabei

In den kommenden Tagen erhält Selenati die Antwort. Auf einer Bahn, die er gut kennt. Eigentlich hätte die EM im Juni in Minsk stattfinden sollen. Doch der ­Kontinentalverband entzog dem weissrussischen Verband die Wettkämpfe aus politischen Gründen.

Die Verschiebung der Titelkämpfe war für Selenati damals ein Tiefschlag. Einer von mehreren, die diese Saison für ihn zur Herausforderung machten. 

Der sprintstarke Fahrer wäre zwischen Mai und Juli gerne am Nachfolgewettbewerb des Bahn-­Weltcups, dem Nations Cup, in Cali, St. Petersburg und Hongkong gefahren. Gestartet ist er allerdings nirgends.

«Das Strassenteam konnte nicht ständig auf mich warten. Die haben ihr Programm gemacht.»

Nico Selenati

Der Anlass in Kolumbien wurde wegen Unruhen im Land abgesagt – und fand Anfang September ohne Sele­nati statt. Auf St. Petersburg verzichtete er aus beruflichen Gründen, die Reise nach Hongkong wäre zu teuer geworden.

Er habe jeweils auf diese Bahnwettkämpfe fokussiert, sagt der Wolfhauser. Kurzfristig musste er dann doch immer wieder umplanen. «Sehr schwierig» waren jene Momente für Selenati. Und sie hatten Auswirkungen auf seinen restlichen Sommer-Fahrplan. «Das Strassenteam konnte nicht ständig auf mich warten. Die haben ihr Programm gemacht.» 

Erst auf den letzten Drücker fand Selenati bei der Continental-Mannschaft Cogeas Unterschlupf, nachdem sein bisheriger Rennstall Akros im Dezember 2020 den Betrieb eingestellt hatte. «Zu diesem Zeitpunkt hat man eigentlich keine Chance mehr, irgendwo unterzukommen.»

Selenati war froh über den Platz bei Cogeas. Zugleich waren die Bedingungen für ihn beim neu formierten Team nicht ­ideal. Der Fokus der Westschweizer liegt auf der Förderung von U23-Fahrern. Letztlich trainierte Selenati viel, fuhr aber nur we­nige Rennen. Darunter litt ab und zu die Motivation. «Aber ich ­sagte mir: Mach das Beste daraus.» 

Die Schienen sind gelegt

Die Heim-EM ist für Selenati nun die Chance, der Karriere wieder Schwung zu verleihen. Für die Saison 2022 hat er noch keinen Vertrag bei einem Strassenteam. Und gute Resultate in Grenchen dürften ihm helfen, wenn Swiss Cycling das Aufgebot für die Bahn-WM in Roubaix (20. bis 24.  Oktober) zusammenstellt.

Selenati hätte also durchaus Grund, sich unter Druck zu fühlen. Der Oberländer wirkt allerdings völlig locker. Das hat seinen Grund. Die Balance zwischen Leistungssport, Ausbildung und Arbeit stimmt für ihn.

«Ich muss mir ­keine Sorgen machen, was in der Zukunft passiert.»

Nico Selenati

Mitte Jahr er­höhte er das Pensum als Hauswart wieder von 10 auf 50 Prozent. Dazu arbeitet er jetzt ­daran, die Berufsmatura zu erlangen. «Meine Schienen sind gelegt», ist er zufrieden. «Ich muss mir ­keine Sorgen machen, was in der Zukunft passiert.» 

Die Unbeschwertheit hilft dem erfahrenen Bahnfahrer vielleicht, in Grenchen Aussergewöhnliches zu leisten. «Ich weiss, was möglich ist», gibt er sich selbstbewusst und verweist auf seine ­Erfolge.

Im Bahn-Weltcup hat er immer wieder gute Resultate erzielt, und im Nachwuchs gewann er sechs EM-Medaillen. Fein säuberlich hängt jede Einzelne davon an einem kleinen Nagel an der Wand.

Es habe noch Platz für weitere Nägel. Selenati lacht vergnügt, als er das erzählt. Dann fügt er hinzu: «Jede Medaille ist willkommen.» 

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