Das Wetter war sein härtester Gegner
Das Leiden ist ihm anzusehen, als er im Zielbereich aufkreuzt. Eine letzte Kurve noch. Jens-Michael Gossauer ballt kurz die Fäuste, klatscht mit Maskottchen Bernie ab.
Immer langsamer wird der durchnässte Bäretswiler, dann hört er auf zu rennen, schreitet langsam über die Ziellinie. Einmal noch hebt er kurz die Arme zum Jubel. Dann übermannen ihn die Emotionen, er muss sich vornüberbeugen.
Gossauer kommen die Tränen – vor Erleichterung, selbstverständlich aber auch vor Freude. Zwei Jahre, nachdem er an den Langstrecken-Weltmeisterschaften in Zofingen überraschend auf den 2. Platz gelaufen ist, wird er am Sonntag am selben Ort erneut Vizeweltmeister.
Für den Erfolg hat er sich völlig verausgabt, ist ans Limit und bisweilen auch etwas darüber hinaus gegangen. Sechs Stunden und 19 Minuten braucht er bei sehr schwierigen Wetterbedingungen mit Dauerregen und tiefen Temperaturen für die zwei Laufstrecken (10 und 30 km) sowie die 150 km lange Radstrecke.
In einer ersten Reaktion sagt Gossauer, er habe noch an keinem Tag im Leben so gelitten. 24 Stunden später hat sich das Mitglied des Schweizer Duathlon-Nationalkaders von den Strapazen bereits sehr gut erholt. «Aber ich habe wahnsinnig Muskelkater.»
Rund zwei Wochen dürfte er für die Regeneration benötigen. Braucht er länger, spielt das keine Rolle. Der 28-Jährige hat dieses Jahr keine weiteren Einsätze geplant.
Die Langdistanz-WM war der Höhepunkt. Auf diese hat er sich monatelang intensiv vorbereitet. Es war dieses eine Rennen, von dem er wusste: Hier muss ich liefern.
«Ich war extrem nervös vor dem Rennen.»
Jens-Michael Gossauer
Anders als 2019, als er unbeschwert in Zofingen antreten konnte, weil ihn im internationalen Feld niemand kannte, spürte Gossauer heuer den Druck. «Ich war extrem nervös vor dem Rennen.»
Mit Titelverteidiger Diego van Looy (BEL) und dem Franzosen Gaël Le Bellec fielen zwei Topathleten aus. Und Gossauer wusste: Im besten Fall kann er sogar gewinnen.
Der fliegende Belgier
Der beste Fall traf nicht ein. Im Gegenteil. Gossauer sagt, er habe körperlich nicht das abrufen können, was er sich vorgestellt hatte. Er kämpfte zudem mit Magenkrämpfen.
Darum hadert er nicht damit, dass der WM-Titel ausser Reichweite lag. Sondern sagt über Silber: «Ich freue mich extrem darüber.»
Der Belgier Seppe Odeyn, der vor fünf Jahren schon einmal triumphiert hatte, knüpfte seinem ersten Verfolger über zwölf Minuten ab. «Er war überlegen, flog förmlich», zollt ihm Gossauer Respekt. Und sagt, er hätte wohl auch dann keine Chance gegen ihn gehabt, hätte er selber einen Toptag eingezogen.
Gossauers härtester Gegner am Sonntag war aber sowieso nicht Sieger Odeyn oder einer der anderen Duathleten, sondern das Wetter.
Nach dem ersten Lauf stürzte der Oberländer auf dem Weg in die Wechselzone auf der rutschigen Wiese aus und prallte mit dem Kopf in ein Absperrgitter. Er zog sich dabei eine blutende Wunde an der Augenbraue zu.
Diese nahm er im Wettkampf nicht wirklich wahr. Dafür fror Gossauer auf dem Velo extrem. Er zitterte in den Abfahrten am ganzen Körper und hatte Mühe, den Lenker zu halten. Das war ungewohnt, hatte er mit garstigen Bedingungen, wie sie auch am WM-Rennen vor zwei Jahren herrschten, doch noch nie Probleme gehabt.
Eine mögliche Erklärung: Gossauer war heuer extrem austrainiert. Im Vergleich zum Rennen 2019 wog er vier Kilogramm weniger, der Körperfettanteil war geringer. «Das war sicher kein Vorteil.»
Die hohe Ausfallquote
Gossauer sagt, es sei ihm im Rennen «teilweise recht übel ergangen». Wie vielen anderen. Die Ausfallquote war hoch. Nur etwa die Hälfte der gestarteten Frauen und Männer in den zwei Elite-Feldern erreichte das Ziel.
Wie oft dachte der Oberländer daran, den Bettel hinzuschmeissen? «Kein einziges Mal. Das ist eigentlich erstaunlich», sagt der 28-Jährige, der bei der Siegerehrung das Podest nur mit Mühe besteigen konnte.
Gossauers Erfolgsrezept ist seine mentale Stärke: «Ich war von Anfang bis zum Schluss auf mich fokussiert und hatte eine positive Einstellung.»
