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Die Sprungkraft ist ihr grosser Trumpf

Für Shirin Sieber ist es ein Karrierehöhepunkt – die 18-Jährige feiert in Spanien ihr WM-Debüt.

Konzentration, Kraft und Geschicklichkeit braucht Shirin Sieber, um die Hindernisse zu überwinden.

Foto: PD

Die Sprungkraft ist ihr grosser Trumpf

Die Spielwiese von Shirin Sieber ist attraktiv. Weil ihre Arbeitsstelle mitten in der Zürcher Altstadt liegt. Hat die 18-jährige Köchin jeweils eine mehrstündige Pause, schwingt sie sich gerne aufs Rad.

Dieses ist sehr tief gebaut, dafür extrem stabil, nur rund 8 Kilogramm schwer, und der Sattel fehlt. Damit hüpft sie über Hindernisse, balanciert auf Geländern, Treppen oder Brunnenrändern.

«Es gibt fast keine Grenzen. Man kann überall trainieren.» Mit ihren Fertigkeiten zieht sie in der Stadt schnell die Blicke auf sich.

Passanten bleiben stehen, manch einer zückt das Handy und filmt die Sportlerin. «Man könnte einen Hut hinlegen, um Geld zu sammeln», sagt sie und lacht.

«Ich bin ein wenig nervös.»

Shirin Sieber

Seit etwa fünfeinhalb Jahren schlägt ihr Herz für die Randsportart Trial, die in der Schweiz nur knapp 100 Lizenzierte ausüben. Sieber ist nicht nur begeistert davon und trainiert ernsthaft, sondern ist auch talentiert. Seit Längerem gehört das Mitglied des Velo Trial Clubs Stäfa dem Schweizer Nationalkader an.

Nun steht Sieber vor einem Karrierehöhepunkt. Erstmals startet sie an einer WM. Zusammen mit 13 anderen Schweizer Trial-Spezialistinnen und -Spezialisten – darunter vier Junioren – fliegt sie nach Spanien, wo ab Donnerstag in Vic die Titelkämpfe ausgetragen werden. 

Der Ehrgeiz verschwindet 

Sieber sagt, die Selektion sei für sie recht überraschend gekommen. Dass Swiss Cycling bei den Frauen neben der überaus erfahrenen Debi Studer (36) auch Sheyla Wipf (16) und sie nominierte, hätte die Oberländerin nicht gedacht.

Sie spricht von einer grossen Herausforderung. Und gibt zu: «Ich bin ein wenig nervös.»

Die WM packt sie nicht mit übertriebenen Erwartungen an. Die Chancen auf den Einzug in den WM-Final der besten sieben Fahrerinnen schätzt sie als «ehrlicherweise nicht sehr gross ein. International fahren sie krass gut.»

Vergleichen kann sie sich nur mit jenen Fahrerinnen, die sie aus ihren etwas mehr als einer Handvoll Weltcup-Einsätzen kennt. Wobei die Eindrücke schon etwas älter sind. Pandemiebedingt fanden in den vergangenen zwei Jahren kaum internationale Wettkämpfe statt.

Im Oktober 2019 fuhr Sieber, deren Bestresultat im Weltcup ein 11. Platz ist, letztmals auf höchster Ebene. Mit dieser Zwangspause umzugehen, war nicht einfach. «Es gab nichts, worauf man trainieren konnte. Der Ehrgeiz ging darum etwas verloren.»

Jetzt ist die 18-Jährige umso motivierter, die Nationaltrainer Pascal Benaglia als seriöse, engagierte Fahrerin und sympathische Person beschreibt. Benaglia sagt, er erwarte, dass Sieber an der WM ihre bestmögliche Leistung abrufe. «Und für die Zukunft Erfahrungen sammelt.» 

Die Rütnerin hofft, sich in den Top 15 klassieren zu können. Und sie würde sich selbstverständlich über einen Einsatz im Team-Wettkampf freuen, mit dem die Titelkämpfe eröffnet werden. Aus sechs Fahrerinnen und Fahrern besteht die Equipe da. Die Schweizer gehören zu den Medaillenkandidaten, gewannen an der letzten WM 2019 in China Silber. 

Zu Fuss auf Erkundung

Ob Sieber einen Platz im Team erhält, ist offen. Es hängt auch von der Charakteristik des Parcours ab, den man vor dem Wettkampf jeweils nur zu Fuss abgehen darf, um sich darauf vorzubereiten.

Sind mehr Hindernisse vorhanden, in denen das Gleichgewichtsgefühl die entscheidende Rolle spielt? Oder solche, die vor allem viel Sprungkraft erfordern?

«Ich habe lieber Handwerk und Vollgas. Und nicht klein und fein wie bei Gleichgewichtshindernissen.»

Shirin Sieber

Letzteres würde für einen Einsatz von Sieber sprechen. Nationaltrainer Benaglia sagt: «Die Sprungkraft ist sicherlich ihre ausgeprägte Stärke.» Laut Sieber ist das schon immer so gewesen.

«Ich habe lieber Handwerk und Vollgas», heisst das in ihren Worten, wenn sie über ihre Vorliebe für hohe und weite Sprünge spricht. «Und nicht klein und fein wie bei Gleichgewichtshindernissen.» 

Sieber freut sich auf die WM. Und ist sich zugleich bewusst: Will sie in Katalonien die Ziele erreichen, muss sie ihre Anspannung im Griff haben.

«Fokussiert sein, immer positiv bleiben», so lautet die Devise der jungen Sportlerin, auf die im Herbst Weltcup-Einsätze warten. Da kann die Rütnerin dann weiter an jenen Bereichen arbeiten, in denen Nationaltrainer Benaglia das grösste Entwicklungspotenzial sieht: «Genauigkeit und mentale Stärke.»

Sie sind unabdingbar, um an die internationale Spitze vorzustossen. Zentral ist auch das technische Niveau. Gut für Sieber: Daran kann sie nicht nur in Zürich, sondern praktisch überall feilen. 

Kontakt ist unerwünscht 

Trial ist eine Radsportdisziplin, in der die Sportlerinnen und Sportler auf Velos mit geringer Rahmen­höhe und ohne Federung und Sattel einen Parcours absolvieren. Sie versuchen zonenweise und in einer vorgegebenen Zeit natür­liche Hindernisse wie Baumstämme oder künstliche wie Paletten und Betonelemente mit möglichst wenig Kontakt zum Untergrund zu überwinden. Müssen die Fahrerinnen und Fahrer auf dem Hindernis oder auf dem Boden zur Wiedererlangung des Gleichgewichts abstützen, sei es mit einem Teil des Körpers oder einem Fahrradteil (mit Ausnahme der Reifen), erhielten sie bisher in nationalen Wettkämpfen Strafpunkte. Seit Kurzem aber sind in der Schweiz die Regeln angepasst. Neu wird dasselbe System angewendet wie an internationalen Anlässen wie etwa an den Weltmeisterschaften oder im Weltcup. Dabei sammeln die Startenden pro fehlerfrei absolviertes Tor Punkte. 

Trial geht ursprünglich auf den Motorsport zurück und begann in den 1970er Jahren in Europa Fuss zu fassen. Seit 1985 veranstaltet der internationale Radsportverband UCI Wettkämpfe, ein Jahr später fand die erste UCI-Trials-WM statt. Zuletzt war diese dreimal in Serie in China. (zo)

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