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«Nici» und «Thöme» – zwei Freunde auf der virtuellen Spielwiese

Nicolai Kern und Thomas Affolter bespielen die Social-Media-Kanäle des FC Gossau. Die Rollen sind dabei klar verteilt.

Ein harmonisches Duo: Thomas Affolter (links) und Nicolai Kern.

Foto: Christian Merz

«Nici» und «Thöme» – zwei Freunde auf der virtuellen Spielwiese

Erstellt wurde er schon 2017. Danach aber schlummert der Instagram-Kanal des FC Gossau vor sich hin. Wobei schlummern das falsche Wort ist. Denn während das soziale Netzwerk 1,2 Milliarden aktive Nutzer hat, liegt das Gossauer Profil erst einmal zwei Jahre lang im Tiefschlaf.

In diesem sollte um drei oder vier Uhr in der Früh jeweils auch Nicolai Kern sein. Doch er ist halt einer, aus dem mitten in der Nacht die Ideen nur so sprudeln können. Wie im vergangenen Jahr, als Kern weit vor dem Morgengrauen aus dem Bett springt.

Getrieben von der Idee, in der Pandemie, die das gesellschaftliche Leben lähmte, «seinen» FC Gossau den Mitgliedern wieder näherzubringen. «Auf dem Insta-Kanal, da muss wieder was gehen», sagt er sich. Und sofort ist ihm klar, wen er für dieses Projekt an der Seite haben will: «De Thöme!»

Thomas Affolter, wie «Thöme» mit bürgerlichem Namen heisst, findet Kerns Idee von Anfang an «cool». An jenem besagten Morgen erschrickt er aber beim Blick aufs Smartphone. Und fragt sich, ehe ein Anruf Klärung bringt, wegen Kerns vielen Sprachnachrichten: «Was ist jetzt passiert?»

Hier die Quelle, da die Fassung

Passiert ist seither viel – auf dem Gossauer Facebook-Profil und dem Instagram-Kanal, die sie mit denselben Inhalten bespielen. «Nici» und «Thöme» haben sie mit Leben gefüllt. Man kann sogar sagen: Sie haben in den vergangenen Monaten so richtig Gas gegeben. Notabene, ohne übers Ziel hinauszuschiessen. Was in der fiebrigen Social-Media-Welt keine Selbstverständlichkeit ist.

Das Duo ist sich dieser Gefahr durchaus bewusst. Und agiert entsprechend umsichtig. Wobei es die Posts vorgängig in eine WhatsApp-Gruppe stellt, der auch Vereinspräsident Christoph Brülisauer angehört, um sich so vor unliebsamen Überraschungen zu schützen. «Mir gefällt sehr gut, was sie machen», sagt Brülisauer. «Sie sind mit extrem viel Herzblut dabei. Was sie an Zeit investieren, das kann man kaum genug ästimieren.»

«Man muss sich vorstellen: Da kommt wirklich viel. Auch Sachen, zu denen ich sage: Nein, wenn du das willst, kannst du es allein machen.»
Thomas Affolter

Die Rollen sind dabei klar verteilt: Kern besetzt die Kreativabteilung, wirft Idee um Idee in die Runde. «Ich bin dann derjenige, der darlegt, wie man es umsetzen könnte», erklärt Affolter seinen Part. Und schiebt nach: «Man muss sich vorstellen: Da kommt wirklich viel. Auch Sachen, zu denen ich sage: Nein, wenn du das willst, kannst du es allein machen.»

Kern lacht bei dieser Aussage. Und pflichtet ihm bei: «Er holt mich häufig runter. Das ist auch gut so.» Trotz einem gelegentlichen «Njet» von Affolter produzieren die zwei eine Fülle an Material. Mit Videointerviews, Geburtstagswünschen, Wettbewerben, allgemeinen Klubnews, Spielvorschauen und Resultaten sorgen sie für einen stetig fliessenden Strom von Posts. Kern sagt: «Einige haben sich wohl gedacht, wir würden was anreissen und dann nicht weitermachen.»

Dieses Szenario ist längst widerlegt. Und der Effort des Duos, das auch als FCG-Speaker gemeinsame Sache macht, hat sich ausbezahlt. Aus dem einstigen Social-Media-Tiefschläfer ist ein Vorreiter geworden.

Vergleicht man die Instagram-Kanäle der Oberländer Zweitligisten, finden sich auf jenem des FCG über 20-mal mehr Beiträge als bei den virtuellen Kellerkindern Dübendorf und Effretikon. Und noch immer mehr als doppelt so viele Posts wie beim zweitfleissigsten regionalen Zweitligisten, dem FC Uster.

Die Klicks als Nebenprodukt

Beim FCG läuft also nicht nur auf dem Rasen etwas, sondern auch auf der virtuellen Spielwiese. Das ist nicht unbemerkt geblieben: Innerhalb weniger Monate ist die Zahl der Follower auf dem Gossauer Instagram-Kanal von 180 auf über 500 gestiegen. Eine durchaus ansehnliche Zahl für einen verhältnismässig kleinen Verein wie den FCG. Haben Affolter und Kern ihr Ziel also erreicht? Oder stehen die Jagd nach Klicks und die Steigerung der Bekanntheit gar nicht im Fokus?

Über die gestiegenen Nutzerzahlen freuen sie sich selbstverständlich. Wer hätte auch keine Freude daran, wenn die Arbeit Früchte trägt? Im Zentrum ihrer Bemühungen stehen die Zahlen trotzdem nicht. «Ich bin da sehr entspannt», sagt Affolter. Und lehnt sich auf der Festbank im Riet etwas zurück – wie um den Satz zu unterstreichen.

Ihm gehe es nicht um Klicks und Follower-Zahlen, sagt er mit seiner rauen Stimme. «Mir macht die Sache Freude. Je mehr uns dann followen oder liken, oder wie das heisst, ist das eine Genugtuung.»

Affolter kokettiert nicht etwa. Er kennt die fachspezifischen Begriffe tatsächlich nicht genau. Denn: Privat lässt er von den sozialen Medien komplett die Finger. Auch wenn es um die technische Umsetzung der Projekte geht, ist «Thöme» raus, wie er lachend sagt. «Diesbezüglich bin ich eine völlige Nülpe. Es reizt mich auch nicht.»

«Ich bin quasi 20 von 24 Stunden am Natel.»
Nicolai Kern

Den technischen Part hat darum immer Kern inne. Er ist in Sachen Social Media das pure Gegenteil seines Kollegen, postet privat sehr viel: «Ich bin quasi 20 von 24 Stunden am Natel.»

Die Idee von der Liveübertragung

Die beiden unterscheiden sich nicht nur in diesem Bereich. Allein schon der Altersunterschied ist erheblich. 49 ist der in Bertschikon wohnende, dreifache Vater Affolter. Also 16 Jahre älter als der kinderlose Kern, der im Herbst jene Frau heiratet, wegen der er einst aus dem solothurnischen Büsserach nach Gossau zog.

Ein paar Minuten zusammen mit «Nici» und «Thöme» am selben Tisch reichen völlig aus, um zu realisieren: Sie ergänzen sich perfekt. Da sitzen zwei Freunde, die sich schätzen. Die miteinander oder übereinander lachen, aber auch über sich selber. Kein einziges Mal fällt einer dem anderen ins Wort. Oder korrigiert die Darstellung des Gegenübers. So harmonisch verlaufen ihre Treffen zwar nicht immer. Aber Affolter sagt: «Wir sind an einem Punkt angekommen, da mag es Reibereien leiden.»

Ihre Arbeit wird geschätzt. Präsident Brülisauer lobt, diese belebe den ganzen Verein. «Ich habe bisher ausnahmslos positive Feedbacks gehört.» Kern wirft derweil ein: «Manchmal wird man sogar in der Migros darauf angesprochen.» Im Schnitt einmal pro Monat hocken die Social-Media-Verantwortlichen zusammen – neu ist auch der 17-jährige Giles Schneider dabei.

Ein paar Ideen haben sie noch in der Hinterhand. Die Spektakulärste: Sie wollen ein Spiel komplett live übertragen – mit Kommentar. Eine enorme Herausforderung. Kern plant dafür, mehrere Handys zu koppeln. Letztlich aber wollen sie den Aufwand so klein wie möglich halten. Und die Kosten tief. Eine perfekte Übertragung streben sie gar nicht erst an. Sie ist auch nicht realisierbar.

Affolter ist überzeugt: «Das eine oder andere wird in die Hose gehen.» Das sei egal, findet er. «Man darf sehen, dass wir ein Amateurverein sind.» Einer aber, auf dem wie bei den Profiklubs ganz viel Betrieb auf den Social-Media-Kanälen herrscht.

Beständigkeit als grosses Plus

Auf Platz 4 beendete Gossau die letzte Saison und war damit das zweitbeste Team aus der Region. Forsche Sprüche klopft Andreas Häsler deswegen dennoch keine. «Die wären auch fehl am Platz», findet der Trainer. Man wolle in der Vorrunde so viele Punkte sammeln, um sich viel Luft nach hinten zu verschaffen, sagt er. In einer zweiten Phase könne man sich dann neu orientieren. Er grenzt das Ganze dann doch noch etwas genauer ein: «Die Top 7 sind das Ziel.»

Die Gossauer befinden sich in einer komfortablen Ausgangslage. Und können tiefenentspannt in die Saison steigen. Die homogene Mannschaft ist zusammengeblieben. «Ein Vorteil, ganz klar», ist Häsler überzeugt. Den Abgang von Anthony Migliore in der Innenverteidigung habe der FCG mit dem Zuzug von Youssouf Ouattara «eins zu eins kompensiert», so Häsler. Systemtreue und defensive Disziplin fordert er vom Team. Und legt in der Vorbereitung viel Wert auf die Arbeit an der Fitness. Sie soll ein wichtiges Puzzleteil sein. «Wir müssen mehr laufen als die Gegner. So, wie letzte Saison.» (ome)

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