Er ist der Nationalspieler vom FC Greifensee
Er hütet sie nicht gerade wie einen Schatz, aber sie sind eben doch eine Art Trophäen. Yves Oehri packt den Rucksack aus und breitet vor der Garderobe auf dem Sportplatz Grossriet in Greifensee ein paar Trikots aus. «Schweinsteiger» steht auf dem deutschen, «Xavi» auf dem spanischen, und es sind nicht etwa gekaufte, sondern getauschte Leibchen: Oehri ist diesen Stars auf dem Rasen begegnet.
Die Geschichte des Yves Oehri ist die eines Spielers, dem der grosse Durchbruch im Club verwehrt geblieben ist – und der in seiner Karriere doch so viel gesehen hat, dass er sagen kann: «Diese Erlebnisse kann mir niemand mehr nehmen.»
Oehri wächst in Nürensdorf auf, wird Junior beim FC Winterthur und bringt Talent mit. Mit 18 gehört er zur U21 und steht im erweiterten Kader der ersten Mannschaft. Er absolviert eine Maurerlehre und ist körperlich robust, «so fit wie kaum einmal mehr danach», sagt er.
In Winterthur kommt er allerdings nicht im gewünschten Tempo voran, den Sprung in die Challenge League schafft er nicht. Also zieht er weiter ostwärts und kommt beim FC St. Gallen in der U21 unter. Am 25. Mai 2009 debütiert er bei den Profis, die in jener Saison aufsteigen – Trainer Uli Forte lässt Oehri beim 1:3 gegen Lugano durchspielen.
Den «Fussballgott» vor sich
In der Super League erhält der Verteidiger noch 55 Einsatzminuten: 7 gegen Basel, 48 gegen Zürich. Es ist sein Pech, dass er auf seiner Position namhafte Konkurrenz hat. An Marc Zellweger, den sie in St. Gallen als «Fussballgott» feiern, gibt es kein Vorbeikommen. Auch wenn der Routinier damals auf das Ende seiner Laufbahn zugeht.
Im Sommer 2010 wechselt Oehri nach Vaduz, zum Rekordmeister im Land, dem er sich eng verbunden fühlt. Er ist zwar in Zürich geboren, hat aber auch den liechtensteinischen Pass, weil sein Vater aus Ruggell stammt. Und wer wie Oehri nicht nur über fussballerische Qualitäten, sondern eben auch über die Staatsbürgerschaft verfügt, kann sich gute Chancen auf eine Einladung des Nationaltrainers ausrechnen.
Als Oehri den Vertrag im Ländle unterschreibt, hat er seinen Einstand für die Auswahl des Fürstentums längst hinter sich. 2006 ist es gewesen, als Martin Andermatt den damals 19-Jährigen gegen Österreich in der Abwehr aufgestellt hat. Von Anfang an.
Es fühlt sich richtig gut an, obwohl der Test 1:2 verloren geht. Er sagt: «Es bedeutet mir wahnsinnig viel, die Farben von Liechtenstein vertreten zu dürfen.» Er lernt viel, vor allem von Profis wie Mario Frick, den er als «besten Mitspieler» bezeichnet, den er je hatte.
Handshake mit Ibrahimovic
Viele weitere Abenteuer folgen, so manche unvergessliche Reise, Auftritte auf Bühnen, die er sonst nur aus dem Fernsehen kennt, vom Hampden Park in Glasgow («eine fantastische Ambiance») über die Arena in Leipzig bis zum Windsor Park in Belfast.
Er steht Fussballern gegenüber, die in den grössten Ligen Europas ihr Geld verdienen, Bastian Schweinsteiger, Xavi oder Zlatan Ibrahimovic, der ihm nach den Hymnen zwar – gezwungenermassen – die Hand reicht, dabei aber demonstrativ wegschaut.
«Als Defensiver traf ich oft auf überragende Stürmer.»
Yves Oehri
In der WM-Qualifikation 2010 bekommt es Oehri mit Gareth Bale zu tun, dem aufstrebenden Waliser, der mit seiner Schnelligkeit jeden Abwehrspieler in Verlegenheit bringen kann. Oehri, der im Verein auf der rechten Seite verteidigt, wird in der Nationalmannschaft meist auf der linken Seite eingesetzt – «und als Defensiver traf ich oft auf überragende Stürmer».
Oehri zählt nicht zu den Trikotjägern, die schon zur Pause mit dem Gegenspieler den Tausch vereinbaren. Aber nach dem Match fragt er, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Schweinsteiger sagt ihm: «Kein Problem, komm zu uns in die Kabine.» Das macht der Liechtensteiner, erhält ein Shirt und von vielen Deutschen ein aufmunterndes Wort. «Das sind Eindrücke, die sich eingebrannt haben», sagt er, «die Deutschen, die einem kleinen Liechtensteiner Mut machen …»
53-mal spielt Oehri für Liechtenstein, das letzte Mal im Juni 2017 gegen Finnland. Es ist das Los des Kleinstaats, dass Niederlagen die Normalität sind. 3-mal geht er als Sieger nach einem Länderspiel vom Platz.
Besonders schmerzhaft ist das 1:8 gegen Bosnien-Herzegowina in der WM-Qualifikation, aber eine positive Erinnerung an jenen Abend im September 2012 hat er doch: Er bereitete den einzigen Treffer vor. Einen zweiten Skorerpunkt durfte er sich ein Jahr später mit dem Assist gegen Kroatien (2:3) notieren lassen.
«Ich habe nicht immer alles dem Fussball untergeordnet. Mir war auch das Leben neben dem Platz wichtig.»
Yves Oehri
Wenn Yves Oehri zurückblickt und darüber nachdenkt, warum es ihm nicht ganz für die Super League gereicht hat, sagt er offen: «Ich habe nicht immer alles dem Fussball untergeordnet. Mir war auch das Leben neben dem Platz wichtig.» Dann fügt er an: «Ich hätte eventuell mehr erreichen können.»
Über den Promotion-League-Klub YF Juventus und Zweitligist Bassersdorf ist er bei Greifensee gelandet. Nicht zuletzt wegen Simon Schaich, der schon beim FCG spielte und einst ein Weggefährte von Oehri bei Bassersdorf war. Priorität hatte für ihn in den vergangenen Wochen zwar die Ausbildung zum Technischen Kaufmann, aber mit Fussball ganz aufhören, das wollte er dann doch nicht.
Der Ehrgeiz ist geblieben
Er hat unverändert Spass an diesem Sport, er schätzt das Zusammensein mit Kollegen, die Atmosphäre vor einem Match und danach, und eines behält er auch in der 2. Liga bei: den Ehrgeiz. «Wenn ich auf dem Rasen stehe, will ich gewinnen», sagt er, «nur der Sieg zählt.»
Er sammelt seine Trikots auf dem Sportplatz Grossriet zusammen, verstaut sie in seinem Rucksack und sagt mit einem Augenzwinkern: «Wenn Liechtensteins Nationaltrainer Martin Stocklasa mich braucht, darf er sich jederzeit melden.» (Peter M. Birrer)
Gefangen im Mittelmass
Seit genau zehn Jahren spielt der FC Greifensee ununterbrochen in der 2. Liga. Und hat sich in dieser Zeitspanne den Ruf eines unangenehmen Gegners erworben. Er klassierte sich nie besser als auf Rang 5, geriet aber ebenso selten in Abstiegsnot.
Der 9. Platz in der letzten Saison war die schlechteste Klassierung. Ein Grund für viele Wechsel ist es nicht. Sportchef Rolf Imhof sagt: «Wir wollen junge Spieler fördern, die in die Fussstapfen der älteren treten.» Auch mit dem Wissen, dass einige verdiente Kräfte die 30-Jahre-Grenze überschritten haben. Der FCG steht vor einem Umbruch. Und doch ist man im Klub auch Realist genug. Die eigene Juniorenabteilung gibt derzeit zu wenig her, um langfristig in der 2. Liga bestehen zu können.
Greifensee soll deshalb eine attraktive Adresse für Talente aus der Region sein, auch weil mit Drazenko Lakic ein Trainer am Werk ist, der Erfahrungen aus dem Nachwuchs-Spitzenfussball mitbringt. In dieses Bild passt, dass im letzten halben Jahr etwa zwei junge Pfäffiker dazustiessen. (dsc)