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Wenn das Dessert zur Hauptspeise wird

Europa statt USA: Nicole Reist hat nach einer grossen Enttäuschung umdisponiert. Ihre Pläne sind deshalb nicht weniger ehrgeizig.

Die Weisslingerin Nicole Reist sorgt im Ultracycling seit Jahren für Aufsehen.

Foto: Urs Nett

Wenn das Dessert zur Hauptspeise wird

Sie ist tagelang auf dem Renn­velo. Kämpft sich im Wiegetritt Steigungen hoch. Sitzt Stunde um Stunde im Sattel.

Bei jedem Wetter. Ob Tag oder Nacht. Und reduziert den Schlaf aufs Minimum.

Nicole Reist legt dabei Strecken von mehreren tausend Kilometern am Stück zurück. So schnell wie keine andere Frau. Seit Jahren ist die in Weisslingen lebende Oberländerin im Ausdauer-Radsport das Mass aller Dinge. Hat immer wieder Grenzen verschoben und Wettkampfkombinationen absolviert, die als unmöglich galten. 

Reists Palmarès: beeindruckend. Seit 2012 hat sie jedes Jahr immer mindestens ein bekanntes Ultracycling-Rennen für sich entschieden.

So ist sie unter anderem vierfache Weltmeisterin, Europameisterin und hat zweimal das legendäre Race Across America (RAAM) gewonnen, bei dem die Fahrerinnen und Fahrer von der West- zur Ostküste der USA fast 5000 Kilometer nonstop zurücklegen. 

Mehrere Rekorde im Blick

Eigentlich wollte Reist im Juni ihre aussergewöhnlichen Fähigkeiten unbedingt ein drittes Mal am RAAM unter Beweis stellen. Doch die Pandemie machte ihr wie im Vorjahr das Vorhaben zunichte.

Obwohl sie alle Hebel in Bewegung setzte, durfte sie nicht in die USA einreisen. Die Enttäuschung darüber war enorm. Reist musste ein Projekt beerdigen, in das sie enorm viel investiert ­hatte. Und umdisponieren. 

Statt über dem grossen Teich geht sie nun in Europa auf Rekordjagd. Und was eigentlich als Dessert nach dem prestigeträchtigen RAAM gedacht war, wird jetzt halt zur Hauptspeise.

Am Dienstagmorgen rollte Reist in St. Georgen im Salzkammergut von der Startrampe und nahm das Race Around Austria in Angriff. Die über 2200 Kilometer lange Strecke mit rund 35 000 Höhenmetern führt entlang der österreichischen Grenze.

Reist will nicht nur ihren fünften Sieg bei den Frauen realisieren, was sie zur alleinigen Rekordhalterin machen würde. Die Ultracyclerin hat sich auch zum Ziel gesetzt, den eigenen Streckenrekord von 2019 zu unterbieten. Bei vier Tagen und neun Stunden liegt er. 

«Wenn alles optimal läuft, könnte in Österreich sogar eine Zeit unter vier Tagen drinliegen.» 

Nicole Reist

Die Vorzeichen für ein weiteres Ausrufzeichen seien durchweg positiv, findet Reist. Zwei Hauptargumente führt sie dafür ins Feld. Sie befinde sich seit 2018 im Trainingsaufbau für ihre grossen Ziele in Amerika und sei demnach noch besser in Form, «als ich es je war».

Zudem fällt heuer die schwierig einschätzbare Regeneration weg, da Reist ja noch gar keines der kräftezehrenden Rennen fahren konnte. 

Die Vier-Tage-Marke 

Ihre Ausgangslage lässt sie gar etwas träumen. «Wenn alles optimal läuft, könnte in Österreich sogar eine Zeit unter vier Tagen drinliegen.» 

Lediglich drei Männer haben dies 2020 geschafft. Sieger Christoph Strasser, Robert Müller und Ralph Diseviscourt. Keiner aus dem Trio ist heuer beim härtesten Radrennen Euro­pas, wie die Veranstalter den Wettkampf bezeichnen, am Start.

Das weckt zusätzliche Begehrlichkeiten. Reist dürfte denn auch das Potenzial haben, in der Gesamtwertung ebenfalls ganz vorne mitzumischen. 

So, wie im Vorjahr am Adriatic Cycling Marathon. Da schrieb sie mit dem Overall-Sieg Ge­schichte. Reist bestreitet das 1200 Kilometer lange Rennen im September erneut. Mit der Absicht, zu gewinnen und den eigenen Overall-Stre­ckenrekord von 43 Stunden und 40 Minuten zu unterbieten.

Weiterfahren, wenn die Beine nicht mehr wollen

Wie all ihre Einsätze wird sie auch diesen mit ihrem Team akribisch planen. Das ist dennoch keine Garantie für den Erfolg.

«Ein Ultracycling-Rennen beinhaltet trotz der Erfahrung von mir und der Crew immer wieder viele Unbekannte», sagt Reist. Was möglich sei, hänge jeweils stark von äusseren Bedingungen ab.

«Ich weiss aber, dass ich die körperlichen Vor­aussetzungen für meine ­Ziele habe und auch mental stark bin.» Es ist letztlich die Basis dafür, dass Reist es immer wieder schafft, auch dann noch weiterzufahren, wenn die Beine eigentlich nicht mehr wollen.

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