Langsam bahnt sich der Stolz seinen Weg
Sie ist unter Zugzwang. Muss etwas riskieren, da sie mit einer kleinen Wertung im Hintertreffen liegt. Die Zeit verrinnt unerbittlich. Fabienne Kocher greift an.
Doch die Britin Chelsie Giles kontert. Sekunden später liegt die Riedikerin auf der Matte. Blitzschnell dreht sie sich auf den Bauch, blickt zum Schiedsrichter, wobei sie längst realisiert hat: Der Kampf ist vorbei.
Die Hoffnung auf eine Olympia-Medaille ist geplatzt. Kocher hat in der legendären Kampfsport-Halle Nippon Budokan in Tokio auch ihre zweite Chance nicht nutzen können. Ihre Augen werden feucht, ungläubig blickt sie ins Leere.
Die Enttäuschung überdeckt am Sonntag im ersten Moment alles. Dass sie sich in der Kategorie bis 52 Kilogramm durch ein hochkarätiges Tableauviertel in den Halbfinal vorgekämpft hat, in dem neben ihr die Nummern 1 bis 3 der Welt standen, dass sie mit Rang 5 so gut platziert ist wie noch nie eine Schweizer Judoka an Olympia, dass sie ein Diplom gewann – alles bedeutungslos.
«Wenn man im Halbfinal steht und ohne Medaille nach Hause muss, ist das der Worst Case», sagt sie in einer ersten Reaktion.
Leiden und feiern in einem
Knapp 10 000 Kilometer Luftlinie von Tokio entfernt fieberte der Judoclub Uster mit. In einem dezentralen Public Viewing quasi. Mehrere kleinere Gruppen sind per Zoom miteinander verknüpft.
«Wir haben zusammen gelitten, vor allem aber gefeiert», sagt Robert Wakiyama. Der JCU-Präsident sieht sich die Kämpfe unter anderen zusammen mit David Sigg und Thilo Pachmann an, den Gründern des Ustermer Leistungszentrums. Sigg und Pachmann waren beide früher Trainer von Kocher.
«Eigentlich wären wir nach Tokio gereist. Nun mieteten wir uns zu zwölft in einem Hotel ein und machten die Nacht durch», sagt Wakiyama.
Es ist ein sehr emotionales, aber auch lohnendes Wochenende für die Ustermer, wie es der Klubpräsident formuliert: «Es ist besonders für alle Trainer, dass ihre ehrenamtliche Arbeit in einem Olympia-Erfolg gipfelt. Und es gab offenbar viele Tränen der Kinder – für sie war es speziell, dass sie die Vorbilder aus dem Klub plötzlich live am TV mitverfolgen konnten», sagt Wakiyama.
Von Enttäuschung ist bei ihm nichts zu hören, obschon Kocher sehr nahe an einer Medaille war. «Sie leistete einen unglaublichen Effort. Sie war Aussenseiterin und hat mit dem Halbfinaleinzug mehr erreicht als erwartet.»
Eine Flut an Nachrichten
Zurück in ihrem Zimmer im Olympischen Dorf, dauert es nach dem verlorenen Bronze-Kampf derweil ausgesprochen lange, bis Kocher zur Ruhe findet. «Dafür schlief ich dann tief und fest», meldet sie aus Japan.
Unzählige Rückmeldungen in Form von Gratulationen und aufmunternden Nachrichten hat sie in der Zwischenzeit erhalten. «Auch von vielen Leuten, die ich nicht kenne. Das hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert», sagt Kocher. Das ändert nichts daran, «dass im Moment die Wunden noch grösser sind».
«Hätte mir Anfang Jahr jemand gesagt, ich würde ein Olympia-Diplom gewinnen – ich hätte ihm nicht geglaubt.»
Fabienne Kocher
Das werde vorerst wohl so bleiben, vermutet Kocher, die sich am Montag den Wettkampf ihres Klubkollegen Nils Stump live in der Halle ansieht. Doch schon jetzt drücken bei ihr bisweilen die positiven Gefühle durch.
«Zwischendurch realisiere ich, was ich erreicht habe. Hätte mir Anfang Jahr jemand gesagt, ich würde ein Olympia-Diplom gewinnen – ich hätte ihm nicht geglaubt.»
Der Kick in der Startrunde
Kocher hat aufregende Wochen hinter sich. Anfang Juni schnappte sie sich dank WM-Bronze in Budapest das Olympia-Ticket bei letzter Gelegenheit. Ihr Wettkampftag im Mutterland des Judos verläuft emotional anstrengend für den Olympia-Neuling.
Kocher startet mit dem Coup gegen die Spanierin Ana Perez Box, gegen die sie zuvor sechsmal hintereinander verlor. Der Sieg gegen die Weltranglistensechste ist auch Revanche für die Niederlage im WM-Halbfinal. «Der Motivationskick hat mich beflügelt.»
Danach surft die Weltranglisten-15. weiter auf der Erfolgswelle, indem sie Sosorbaram Lkhagvasuren aus der Mongolei sowie die Ungarin Reka Pupp ausschaltet.
Dem Höhenflug aber folgen die Enttäuschungen. Der Kampf ums Finalticket hat kaum begonnen, ist er schon wieder vorbei. Kocher unterliegt der topgesetzten Amandine Buchard nach nur 16 Sekunden. Die Französin sei zusammen mit der Japanerin Uta Abe ein Level besser als alle anderen, findet sie.
Die Riedikerin hat nicht viel Zeit, um sich vor dem Duell um Bronze zu sammeln. Kurz analysiert sie zusammen mit dem Trainer nochmals ihre Gegnerin. Vor sieben Wochen an der WM bezwang sie Chelsie Giles, nun unterliegt sie ihr in Tokio.
Die Britin habe ihre Hausaufgaben gemacht, zollt Kocher Respekt. Und fragt sich, ob sie zu vorsichtig agiert habe. «Darüber lässt sich jetzt trefflich philosophieren.»
Viel mehr beschäftigt sie allerdings die Tatsache, dass sie bei sich den letzten Zwick vermisst. «Am meisten enttäuscht mich, dass mir leider der Killerinstinkt fehlte. Doch wieso?»
Kocher wird darauf kaum eine Antwort finden. Sie geht aber davon aus: In wenigen Tagen, wenn sie nach der anstrengenden Saison am Strand entspannt, wird sie über diese Frage lächeln können.
«So eine will ich holen»
Schon vor dem aufregenden Wettkampf in Tokio hatte sie beschlossen, die Karriere fortzusetzen. Ob sie allerdings noch einmal einen ganzen Olympia-Zyklus anhängen würde, hatte sie offengelassen.
Jetzt sind die Würfel in dieser Hinsicht gefallen. Kocher blickt bereits Richtung Olympia 2024. Dass es nur noch drei Jahre bis Paris sind und sie so nahe an der Medaille gewesen ist, hat ihr einen «Extrakick» verpasst. Sie lacht vergnügt und sagt dann: «So eine will ich auch holen.» (Oliver Meile und Florian Bolli)
Stump scheitert am Europameister
Nach Fabienne Kocher wollte am Montag auch Nils Stump zu einem Olympia-Höhenflug ansetzen. Doch für den EM-Dritten in der Gewichtsklasse bis 73 Kilogramm waren die Spiele schon nach dem ersten Kampf vorbei. Nach einem Freilos scheiterte der 24-Jährige Ustermer im Sechzehntelfinal an Europameister Akil Gjakova aus dem Kosovo.
Nach verheissungsvollem Start verletzte sich Stump an der Lippe, blutete stark und kehrte nach einer Pause mit einem dicken Verband auf die Matte zurück. Gjakova, der Stump bereits an der EM bezwungen hatte, war danach stärker und siegte nach 3:52 Minuten mit Ippon.
Für JCU-Präsident Robert Wakiyama ist klar: «Das wäre machbar gewesen. Die Pause gab dem Gegner die Möglichkeit, seine Strategie zu überdenken.» Er ist überzeugt: «Nils wird seinen Weg machen; der saugt Wissen auf und verbessert sich jede Woche. Er hat noch ein, zwei Olympische Spiele vor sich.»
Und der Judoclub möglicherweise einen Boom. «Wir werden die Erfolge sicher nutzen, um darauf aufmerksam zu machen, wie cool Judo ist», sagt Wakyiama. (zo)