Nur nichts Verrücktes mehr machen
Die EM in Belgien hat er sausen lassen. Eine reine Vorsichtsmassnahme nach der Impfung, die ihn müde gemacht hatte.
«Dann ist man anfällig», sagt Simon Marquart. Und krank zu werden, ist das Letzte, was der BMX-Profi so kurz vor den Olympischen Spielen in Tokio brauchen kann.
Der in Aigle lebende Mönchaltorfer trauert der verpassten Hauptprobe nicht nach. Warum sollte er? Die Aussagekraft des Rennens wäre beschränkt gewesen. Das Niveau war nicht sonderlich hoch, die EM mässig besetzt.
Von den zwölf europäischen Olympia-Startern in Tokio hatte kein einziger den Weg nach Zolder auf sich genommen.
Marquart sagt, er wäre sowieso nur gestartet, um im Rennrhythmus zu bleiben. Das Resultat wäre sekundär gewesen. Nach dem Verzicht liegen seine letzten Wettkämpfe rund zwei Monate zurück.
Der 24-Jährige nimmt es locker. «Wegen ein paar Wochen ohne Rennen weiss ich doch nicht plötzlich nicht mehr, wie man fährt», sagt er.
Detailpflege ist angesagt
Überhaupt wirkt der Oberländer tiefenentspannt. Dabei hat die Olympia-Mission für ihn streng genommen bereits begonnen. Marquart ist im holländischen Papendal. Da gibt er sich den Feinschliff mit Trainingspartner Niek Kimmann, dem Weltranglistendritten.
Marquarts Taschen sind gepackt, in seine Westschweizer Wohnung kehrt er vor dem Saisonhöhepunkt nicht mehr zurück. Am 22. Juli fliegt er von Amsterdam via Zürich nach Tokio.
Die Anzahl der Trainings hat Marquart mittlerweile deutlich reduziert, dafür ist die Intensität in diesen höher. «Jeder einzelne Effort soll präzise sein», sagt der BMX-Fahrer.
«Die grosse Arbeit ist gemacht. Wenn man jetzt was aufholen will, ist es zu spät.»
«Viele haben das Gefühl, sie müssten auf Olympia hin was Spezielles machen. Man hört da abenteuerliche Sachen.»
Simon Marquart
Marquart packt seine ersten Olympischen Spiele gelassen an, will den langjährigen Weg, der ihn Anfang Mai zum besten Weltcup-Wochenende der Karriere mit einem Sieg und einem zweiten Platz führte, nicht verlassen.
«Viele haben das Gefühl, sie müssten auf Olympia hin was Spezielles machen. Man hört da abenteuerliche Sachen», wundert er sich.
Marquart hingegen spult sein ganz normales Programm ab. Ja nichts Verrücktes mehr machen. Anders als viele der Konkurrenten verzichtet er auch auf ein spezielles Olympia-Velo.
Dem Plan voraus
Die Dinge simpel halten, sich nicht zu fest in etwas hineinsteigern – so verfährt Marquart. Zu dieser Haltung passt, dass er von Druck überhaupt nichts spüren will. Diesen sieht er von Verbandsseite her bei seinem Teamkollegen David Graf (31), der schon seit mehreren Jahren zu den Top-Fahrern gehört.
«Von ihm erwartet man eine gute Platzierung.» Er sei vielmehr in Tokio, um Erfahrungen zu sammeln, um an Olympia 2024 in Paris «gross aufzutrumpfen».
Der Oberländer ist sich aber bewusst: Diesem Plan ist er voraus. Nach dem Vorstoss in die Weltspitze zählt er schon in Tokio zu den Medaillenkandidaten.
«Wenn alles optimal klappt, ist ein Podestplatz möglich», weiss die Nummer 5 der Welt um ihre Chance. Marquart hält sich verbal dennoch zurück: «Ich fokussiere nicht auf ein Resultat. So banal es klingt, ich konzentriere mich darauf, die bestmögliche Leistung abzuliefern.»
Die Bahn liegt ihm
Zuversichtlich reist Marquart in den Fernen Osten. Die Topresultate in Verona im Frühling haben ihm zusätzliches Selbstvertrauen verschafft.
Zudem liegt ihm die Olympia-Strecke mit dem schwierigen ersten Sprung. An jenem hat er zuletzt gearbeitet – ohne in Japan zu sein. In Papendal hat man den ersten Viertel der Olympia-Strecke nachgebaut.
Die Länge sei deren Hauptmerkmal, findet Marquart. «Das Wichtigste ist, die Geschwindigkeit hoch zu halten. Nach einem Fehler ist es schwierig, zurückzukommen.»
Mit Marquarts Trainingspartner Niek Kimmann auf der Olympia-Bahn. (Quelle: Youtube)
Vor rund zwei Jahren klassierte sich der BMX-Profi beim Testwettkampf im Ariake Urban Sports Park auf Platz 7. Zentral war für Marquart dabei: «Ich habe ein gutes Gefühl mitgenommen.»
Davon will er nun am 29. Juli profitieren, wenn er in Tokio als einer von nur 24 Fahrern aus 17 Nationen zu den Viertelfinals antritt. Gleich die Hälfte der Konkurrenten weist Olympia-Erfahrung auf. In Tokio dabei sind auch Titelverteidiger Connor Fields aus den USA und Carlos Ramirez, der kolumbianische Bronzegewinner von 2016.
Marquart gibt sich dennoch unbeeindruckt. Und sein Argument überzeugt: «An einem Weltcup sind die Besten ja jeweils auch alle da.»
