Fertig fahren ist schon schwer genug
Das Wetter bei ihren vier Rennen im Frühling in Spanien? Bescheiden. Es regnete oft. An einem einzigen Tag kletterte das Thermometer über die 20-Grad-Marke.
Das ist nicht prickelnd für ein Afrika-Wüstenkind, wie sich Vera Looser selber nennt.
Die letzten paar Tage in Tokio? Auch keine Offenbarung. Looser verfolgt das Wetter in Japans Hauptstadt genau: «Es ‹seicht› jeden Tag.» Obwohl im Vorfeld der Olympischen Spiele häufig über die zu erwartende Hitze debattiert wird, stellt sich die Radsportlerin auf ein nasses Strassenrennen am 25. Juli ein.
Insofern ist es nur konsequent, was beim Treffen mit ihr in Seegräben passiert. Der Fotograf schafft es knapp, die Bilder zu schiessen. Dann beginnt es stark zu regnen, sodass man sich fürs Gespräch unter ein grosses Vordach verziehen muss.
«Man muss einfach flexibel bleiben. Das können wir Afrikaner gut.»
Vera Looser
Lächelnd zieht Looser eine leichte Jacke an, setzt sich hin. Ihr erster Sommer hier sei sehr schlecht gewesen, erinnert sich die mit dem Hinwiler Bike-Profi Konny Looser verheiratete Namibierin.
Seit drei Jahren wohnt sie im Zürcher Oberland, hat sich längst ans Klima in der neuen Heimat gewöhnt.
Flexibel sein – das kann sie
Am 17. Juli startet die Wahl-Hinwilerin mit dem Flug nach Japan ihr Olympia-Abenteuer. Sie wird Teil des namibischen Radsportquartetts sein. Alex Miller und Michelle Vorster sind im Mountainbike im Einsatz, Dan Craven und Looser fahren das Strassenrennen.
Das Olympische Komitee ihres Heimatlands hat alle Ausgaben übernommen, vom nationalen Radverband gab es «ä bitzeli Geld für die Vorbereitung».
Namibische Beträge zwar, wie sie betont, «aber es ist cool». Looser schätzt die Unterstützung. Alles Organisatorische hat sie derweil selber erledigt.
Was sie im Fernen Osten erwartet, weiss sie nicht im Detail. Viele Fragen sind offen. Im Zusammenhang mit der Besichtigung der selektiven Strecke. Oder was die pandemiebedingten Vorschriften betrifft.
Die 27-Jährige hat kein Problem mit der Ungewissheit. «Man muss einfach flexibel bleiben. Das können wir Afrikaner gut.»
Ein wenig zur Gelassenheit trägt auch bei, dass Looser kein Olympia-Neuling ist. Schon 2016 in Rio de Janeiro war sie im Strassenrennen am Start. Damals stand sie aber an einem anderen Punkt der Karriere.
«Ich war mental schon vor dem Rennen völlig fertig».
Vera Looser
Sie sei sehr jung gewesen. Und in jenem Jahr kurz vor Olympia erstmals überhaupt in Europa auf Elitestufe Radrennen gefahren. «Das war ein ganz anderes Niveau da.»
Ihre Olympia-Premiere endete nicht wie erhofft. Looser setzte sich stark unter Druck, «ich war mental schon vor dem Rennen völlig fertig». Früh fiel sie ab, fuhr danach in einem Grüppchen abgeschlagener Fahrerinnen, erreichte das Ziel aber nicht.
Der Grund? Der Rückstand gegenüber dem Feld wurde zu gross. «Wir wurden bei Kilometer 100 oder so runtergezogen.»
Knacknuss Kuchenverzicht
In Tokio soll ihr nicht dasselbe passieren. Dafür hat Looser in den letzten anderthalb Jahren nochmals alles in die Waagschale geworfen. Die in der Betriebsbuchhaltung einer Ingenieurfirma angestellte Afrikanerin hat ihr Arbeitspensum auf 40 Prozent reduziert. In der restlichen Zeit steht der Radsport im Zentrum.
«Ich fing an, strukturiert zu trainieren, keine Einheiten mehr auszulassen, war seriös.» Letzteres heisst auch, auf vieles zu verzichten. Looser muss lachen, als sie erzählt, was für sie das Härteste in der unmittelbaren Olympia-Vorbereitung ist: «Keinen Kuchen zu essen.»
Im Herbst 2019 begann die Radfahrerin, deren Herz eigentlich fürs Biken schlägt und die zuletzt nur wegen der neuerlichen Olympia-Chance konsequent aufs Rennvelo setzte, mit Christian Eminger zusammenzuarbeiten. Seither ist sie täglich mit ihrem Trainer in Kontakt.
Eminger nahm einst als Eisschnellläufer dreimal an Olympischen Spielen teil, sattelte später aufs Rennvelo um. Noch mit 43 war der heute 56-Jährige, der bisweilen mit Looser Velotrainings bestreitet, für ein Team auf dritthöchster Stufe im Einsatz.
«Ich bin jetzt 100-mal besser vorbereitet. Dafür liegt mir die Strecke 100-mal weniger gut.»
Vera Looser
Die Zusammenarbeit mit ihm hat sich ausbezahlt. Looser hat deutliche Fortschritte gemacht. Das macht sie zuversichtlich.
Sie sei für ihre Verhältnisse sehr gut drauf, schätzt Looser die Form ein. Um auf Nachfrage hin, was das bedeute, zu konkretisieren, sie sei so stark wie nie. Auf Rio 2016 bezogen sagt sie: «Ich bin jetzt 100-mal besser vorbereitet. Dafür liegt mir die Strecke 100-mal weniger gut.»
Die Fluchtgruppe als Traum
Auf den 137 Kilometern von Tokio zum Ziel auf der Motorsport-Rennstrecke in Fuji gilt es knapp 2700 Höhenmeter zu absolvieren. Das ist ganz schön happig für jemanden wie Looser, die von sich sagt, sie sei nicht die beste Kletterin der Welt. «Eine flachere Strecke würde mir sicher besser liegen.»
Sie schmunzelt, als sie hört, dass Verbandspräsident Axel Thiessen darauf hofft, dass sich einer der namibischen Radsportler in den Top 30 klassiert. «Da hat er ja hohe Vorstellungen.»
Die gegenüber ihrer Olympia-Premiere erheblich erfahrenere und international etabliertere Fahrerin, die nach Abschluss ihres Studiums im südafrikanischen Stellenbosch ein Jahr lang Mountainbike-Profi war, schätzt ihre Möglichkeiten realistischer ein. «Ich möchte sicher fertig fahren. Mit den Höhenmetern ist selbst das schwierig.»
Dann träumt sie doch noch kurz laut: «Mal in eine Fluchtgruppe zu kommen, wäre der Hammer.»
Die gemischten Gefühle
Unabhängig vom Ausgang des Wettkampfs ist klar, dass die Nummer 67 der Weltrangliste ab September ihr Arbeitspensum deutlich erhöhen wird. Das Rennen in Tokio dürfte das wohl letzte wichtige der Karriere der neunfachen namibischen Strassenmeisterin sein.
Looser hat beim Gedanken daran gemischte Gefühle. Sie freut sich auf den neuen Lebensabschnitt, das schon. Findet es nach der jüngsten sportlichen Entwicklung zugleich aber schade, «einfach so aufzuhören».
Etwas Gutes hat das Ende der Leistungssportkarriere: Hat sie Lust auf Kuchen, kann sie künftig bedenkenlos zugreifen.
