Der Kaltstart und eine offene Rechnung
Es ist wie der berühmte Sprung ins kalte Wasser. Keinen einzigen Vorbereitungswettkampf hat Stephan Wenk in den Beinen, als er am Sonntag zum kräftezehrenden Traillauf L`Olla de Nuria antritt. Der Bertschiker weiss darum nicht, wo er leistungsmässig steht.
Die Eckdaten des Rennens in den Pyrenäen sind derweil imposant: Die Halbmarathonstrecke weist 2000 m Aufstieg auf, wobei der Start in Santuari de Nuria schon auf 1900 m Höhe ist. 72 Prozent des Wettkampfs liegen danach oberhalb von 2700 m.
Auf Platz 22 beendet der erfahrene Bergläufer den stark besetzten Wettkampf, der zur prestigeträchtigen sechsteiligen Golden-Trail-Series gehört. Zufrieden ist er damit nicht. «Ich habe wohl unterschätzt, dass man sich in der Höhe weniger ans Limit bringen darf.»
Nach dem ersten Aufstieg liegt Wenk nahe an den Top Ten. Und fühlt sich okay. Der anvisierte Platz in den Top 15 scheint möglich.
Doch in den flacheren Passagen und vor allem abwärts lässt der 38-Jährige auf dem schwierigen Terrain gegenüber der Konkurrenz Zeit liegen.
«Er konnte in solchen Passagen laufen lassen», sagt Wenk etwa über den einstigen OL-Läufer Marc Lauenstein, mit dem er teilweise unterwegs ist. Der Romand ist solches Gelände seit langem gewohnt, Wenk hingegen kommt vom Duathlon, bei dem man auf Asphalt läuft.
Die abwärtsführenden Passagen seien für ihn ein Stressfaktor gewesen. «Ich hatte immer eine Hemmung im Laufschritt drin.» In den Gegensteigungen versucht Wenk jeweils, wieder Boden gut zu machen. «Am Schluss aber ist mir die Kraft ausgegangen.»
Verzicht auf den Final
Noch am Renntag reiste der Oberländer aus Spanien zurück in die Heimat. Mit einem ersten Eindruck, wo er formmässig steht. Und der Aussicht auf intensive Wochen.
Vier kräftezehrende Wettkämpfe hat der frühere Spitzenduathlet in den nächsten zweieinhalb Monaten geplant. Zwei in der Schweiz, zwei in Frankreich.
In etwas mehr als zwei Wochen nimmt Wenk den Marathon du Mont-Blanc in Chamonix unter die Füsse. Dieser zählt ebenfalls zur Golden-Trail-Series, die dem Berglauf-Weltcup das Wasser abgegraben hat.
Die von einem Sportartikelhersteller gesponserte Serie ist gut vermarktet und für die Athletinnen und Athleten finanziell attraktiv. 160000 Euro an Preisgeld wird ausgeschüttet. Nach den sechs Qualifikationsrennen und dem Final, zu dem nur die Top 11 der Wertung zugelassen sind, erhalten die Gesamtsieger 10000 Euro.
War der abschliessende Wettkampf letztes Jahr ein Etappenrennen auf den Azoren, das Wenk verletzungsbedingt nicht fertig laufen konnte, ist das Finale 2021 der K42 Adventure Marathon in Patagonien.
Der Oberländer wird Anfang November in Argentinien sicher nicht dabei sein, auf der Berglauf-WM-Strecke von 2019, auf der Wenk Zwanzigster geworden war.
Es sind jedoch nicht etwa negative Gedanken ans damalige Rennen, die ihn sagen lassen, er verzichte in jedem Fall auf einen Abstecher nach Südamerika. Dem im Januar zum zweiten Mal Vater gewordenen Ausdauerathlet ist der Aufwand schlicht zu gross.
Der Schnellste wird Dritter
Die Qualifikation für den Golden-Series-Final fällt als Ziel für ihn darum heuer weg. Sportliche Ambitionen hat der Osteopath gleichwohl. Beispielsweise bei Sierre–Zinal, das ebenfalls Teil der Golden-Trail-Series ist.
31 km lang ist das Rennen, das zu den ältesten seiner Art zählt. 1974 erlebte der «New York Marathon» der Bergläufe, wie er genannt wird, seine Erstauflage. Für Wenk ist es seit Jahren der wichtigste Wettkampf der Saison. Mit persönlicher Bestzeit belegte er letztes Jahr den 4. Platz.
Neben dem Walliser Rennen nimmt auch der Swiss Alpine Marathon in Davos (24. Juli) einen speziellen Platz ein. 2020 sorgte Wenk an diesem für Schlagzeilen. Nach drei Siegen über die zweitlängste Strecke trat er erstmals über die Hauptdistanz von 68 Kilometern an. Und bog als deutlich Führender falsch ab.
Er war so schnell unterwegs gewesen, dass die Streckenposten den Parcours an der betreffenden Stelle noch gar nicht ausgeschildert hatten. Wenk verlor beim Missgeschick viel Zeit. Er wurde schliesslich Dritter. Und sagt: «Diese Rechnung würde ich gerne begleichen.»
