Die zweite Etappe ist speziell für sie
Sie ist wirklich etwas ganz Besonderes für Lukas Rüegg. Um an Etappen der Tour de Suisse live dabei sein zu können, hat er als Bub in der Schule jeweils Jokertage eingezogen. Und versucht, möglichst viele der von den Profis weggeworfenen Bidons einzusammeln.
Später ist er immer wieder Teilstücke nachgefahren. Es ist in Rüeggs Fall darum nicht einfach eine Phrase, wenn der Madetswiler davon spricht, dass ein Traum in Erfüllung geht.
Ein wenig ehrfürchtig sagt er: «Ich habe viele Erinnerungen an die Tour de Suisse. Jetzt fahre ich sie selber.»
Und das mit dem Schweizer Kreuz auf dem Trikot. Zum zweiten Mal nach 2019 ist Swiss Cycling mit einer Auswahl des Nationalteams an der Landesrundfahrt vertreten.
Die Teilnahme soll den Fahrern die Chance geben, sich auf höchstem Niveau zu präsentieren. Sie ist eine Fördermassnahme im Hinblick auf die Strassen-WM 2024 in Zürich. Als einen Mix aus Erfahrung und Jugend bezeichnete der Verband das siebenköpfige Aufgebot, in dem neben Lukas Rüegg auch Kevin Kuhn aus Gibswil steht.
Der Plan nach dem Sturz
Der 24-jährige Rüegg und der um ein Jahr jüngere Kuhn gehören im Schweizer Team zur Sektion «Jugend», um bei den Begriffen des Verbandes zu bleiben.
Dass sie am Sonntag zur viertgrössten Rundfahrt der Welt starten, um sich mit illustren Namen wie Weltmeister Julian Alaphilippe oder Ausnahmefahrer Mathieu van der Poel zu messen, ist alles andere als selbstverständlich. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Bei Rüegg spielte die Gesundheit das Zünglein an der Waage. Der beim Continentalteam Swiss Racing Academy engagierte Fahrer zog sich Anfang April bei einem Sturz einen Trümmerbruch des rechten Schulterblatts zu und trug fünf gebrochene Rippen davon.
Die Verletzungen zerstörten nicht nur seine Hoffnungen, Teil des schweizerischen Olympia-Bahnvierers zu sein. Es stellte sich auch die Frage, ob er rechtzeitig auf die Tour de Suisse hin wieder fit werden würde.
«Ich konnte mir ein gutes Gefühl holen.»
Lukas Rüegg
Rüeggs ambitionierter Zeitplan ist aufgegangen. Er konnte vor seinem Karrierehöhepunkt sogar noch ein Vorbereitungsrennen absolvieren. Und überzeugte nach der mehrwöchigen Rennpause bei der viertägigen Tour de la Mirabelle in Frankreich.
Er beendete sie an 5. Stelle – nur zehn Sekunden hinter dem Gewinner. Hadern mag Rüegg über den knapp verpassten Sieg nicht. Wichtiger für ihn ist: «Ich konnte mir ein gutes Gefühl holen.»
Neuling auf der Strasse
Kuhn startete mit seinem Continentalteam Nippo am selben Rennen. Und auch der Tösstaler, der es in der zweiten Etappe in die Fluchtgruppe geschafft hatte, blickt nach Schlussrang 77 zufrieden zurück.
«Die Form ist noch ein wenig besser geworden», hat er festgestellt. «Und ich konnte einiges lernen.»
Ihn als Lehrling zu bezeichnen, wäre bei seinen Qualitäten zwar sprachlich übers Ziel hinausgeschossen. Gleichwohl sind die Erfahrungen von Kuhn im Peloton überschaubar.
Die Tour de la Mirabelle war nach der Türkei-Rundfahrt im April sein erst zweites Strassenrennen als Erwachsener. Denn der Schweizer Hoffnungsträger im Radquer, der bisher im Sommer jeweils aufs Mountainbike wechselte, steht in seiner ersten Strassensaison überhaupt.
Er habe nicht mit einem Aufgebot für die Tour de Suisse gerechnet, sagt Kuhn offen. «Umso mehr bin ich happy. Ich freue mich extrem auf dieses Erlebnis.»
Am eigenen Haus vorbei
Die zweite der acht Etappen mit Ziel in Lachen haben sich Kuhn und Rüegg in der Agenda dick angestrichen. Sie dürfte – bei all der harten Arbeit, die ihnen bevorsteht – ein besonderer Genuss werden.
Etwas mehr als 30 Kilometer führen am Montag durchs Oberland und Tösstal, wo das Duo jeden Meter kennt. Für Rüegg kommen die aussergewöhnlichen Momente bei Kilometer 101 mit der Durchfahrt in Hittnau.
«Ich weiss nicht, wie viele in einem Rennen schon am eigenen Haus vorbeifuhren.»
Kevin Kuhn
Er ist Mitglied im örtlichen Veloclub, hat im Dorf, aus dem seine Eltern stammen und die Grosseltern wohnen, die Lehre absolviert. Knapp 20 Kilometer danach ist Gibswil an der Reihe.
Und Kuhn sagt, gefolgt von einem Lachen: «Ich weiss nicht, wie viele in einem Rennen schon am eigenen Haus vorbeifuhren.»
Und was hat sich Kuhn sportlich vorgenommen? Er gibt sich zurückhaltend. Bei aller Vorfreude ist sich der 23-Jährige der Herausforderung bewusst, streicht heraus, er nehme die Aufgabe nicht auf die leichte Schulter.
«Ich muss mich konzentrieren.» Ein gutes Resultat sei sehr schwierig herauszufahren. «Wenn ich mich irgendwo zeigen kann, wäre ich zufrieden.»
«Ich will möglichst offensiv fahren, mich nicht im Feld verstecken.»
Lukas Rüegg
Rüegg gibt sich derweil etwas forscher. Er mag sich nicht «in etwas hineinsteigern», nur weil er erstmals auf höchster Stufe im Einsatz ist. Es gebe viele andere harte Velorennen ohne World-Tour-Status wie die Tour de Suisse, gibt er sich unbeeindruckt.
«Ich will möglichst offensiv fahren, mich nicht im Feld verstecken», sagt Rüegg. Und hofft dabei auch auf etwas Glück. «Es wäre schön, bei einer Etappe in die Top Ten zu fahren.»
