Auf der Flucht kann sie ihre Stärken ausspielen
Ende April gaben die Organisatoren und Swiss Cycling grünes Licht. Obwohl die Finanzierung noch nicht gesichert ist, findet im Juni die Tour de Suisse der Frauen in Frauenfeld statt.
Am Start der beiden Etappen werden wohl 17 Teams sein. Vier aus der World Tour sowie eine Auswahl des Schweizer Nationalteams.
Ob Nicole Hanselmann bei der Premiere dabei sein wird, die dem Frauenradsport in der Schweiz Auftrieb geben soll? «Ich denke, die Chance besteht durchaus», sagt die Fehraltorferin.
Sie gehört zwar weder dem Nationalteam noch dem A-Kader von Swiss Cycling an. Darum wird sie sicher nicht in der Schweizer Auswahl stehen. Laut ihren Informationen aber bemüht sich ihre Equipe um einen Startplatz.
«Es war ziemlich stressig, ein Team zu finden. Doch wer weiterkommen will, muss im Ausland fahren.»
Nicole Hanselmann
Seit dieser Saison steht die fünffache WM-Teilnehmerin bei der spanischen Equipe Women Cycling Team unter Vertrag. Drei internationale Rennen hat Hanselmann bisher für den Rennstall der zweithöchsten Stufe bestritten, der 2020 gegründet wurde und wegen ausbleibender Sponsorenzahlungen ein turbulentes Premierenjahr erlebte.
Bis Ende Mai sollen noch zwei Rundfahrten hinzukommen. In Spanien, wo sie seit Beginn des Jahrs immer mal wieder über längere Strecken weilt. Unweit von Burgos – die Stadt liegt 250 km nördlich von Madrid – teilt sie sich mit vier anderen Fahrerinnen eine Wohnung.
Hanselmann ist «sehr zufrieden» im Continental-Team von Inigo Cuesta, der in seiner Karriere 17-mal die Vuelta bestritt. Sie schätzt die Unterstützung der erfahrenen sportlichen Leitung. Und sagt: «Das Material ist super, im Staff sind alle motiviert.»
Besonders die gemeinsamen Radtrainings gefallen ihr, bei denen Ex-Profi Cuesta häufig dabei ist. «Das ist motivierender, als allein zu trainieren.»
«Ich stand auf der Strasse»
Die Geografiestudentin hat wieder Freude am Radsport, der ihren Alltag stark prägt. Vor wenigen Monaten hatte sich die zweifache Schweizer Meisterin noch gefragt: «Weshalb nehme ich all den Aufwand auf mich?»
Ihre sportliche Zukunft sah düster aus. Nachdem man der Oberländerin im Juni versprochen hatte, sie könne über die Saison hinaus bleiben, musste sie im Oktober das belgische Team Doltcini – Van Eyck Sport dennoch verlassen. «Ich stand auf der Strasse.»
Zu diesem Zeitpunkt war wie üblich ein Grossteil der Plätze weg. Anders als bei den Männern spielen Manager im Frauenradsport auf dem Transfermarkt eine untergeordnete Rolle. Gute Beziehungen sind zentral. Und es brauche viel Eigeninitiative, sagt sie.
«Es war ziemlich stressig, ein Team zu finden. Doch wer weiterkommen will, muss im Ausland fahren.»
2019 sorgte Nicole Hanselmann bei einem Rennen in Belgien für Aufsehen, als sie das vor den Frauen gestartete Männerfeld einholte und daraufhin von der Rennleitung gestoppt wurde. (Quelle: youtube)
Die 29-Jährige kennt die Szene gut. Sie bestreitet schon lange internationale Rennen, ist bisher in 21 Ländern gefahren – von China über Katar, Australien bis Aserbaidschan. Hanselmann erlebt die Entwicklung im Frauenradsport hautnah mit.
«Das Niveau ist gestiegen. Auch die Medienaufmerksamkeit.»
Nicole Hanselmann
2016 führte der internationale Radsportverband die diese Saison aus 25 Rennen bestehende Womens World Tour ein. Drei Jahre später verkündete die UCI, die Preisgelder bei Frauenrennen bis 2022 um zehn Prozent zu erhöhen. Und an die der Männer anzugleichen.
«Das Niveau ist gestiegen. Auch die Medienaufmerksamkeit», hat Hanselmann festgestellt. Es liegt dennoch ein weiter Weg vor den Frauen. Die mediale Abdeckung und die Saläre stehen immer noch in grosser Diskrepanz zu jenen der Radsport-Männer.
Statt Lohn gibt es Sackgeld
In den neun Teams der Königsklasse verdienen die Fahrerinnen, die Profis sein müssen, aktuell im Minimum lediglich rund 22 000 Franken pro Jahr. Auf der zweithöchsten Stufe – sie umfasst 50 Continental-Teams – ist gar kein Mindestgehalt festgelegt.
Im zwölfköpfigen Women Cycling Team von Hanselmann setzt nur ein Viertel der Frauen ausschliesslich aufs Velofahren. «Alle anderen sind Studentinnen.» Die Oberländerin bekommt das Material, die Reisekosten werden übernommen, und sie wohnt gratis. Dazu erhält sie «ein Sackgeld».
Bei dieser Aufzählung ist klar: Monetäre Gründe sind nicht Hanselmanns Antrieb. Es ist die Leidenschaft fürs Velofahren. Die ist nach dem schwierigen letzten Jahr, in dem sie sechs Monate lang kein Rennen im Ausland bestreiten konnte, vollends zurück.
«Ich will mich weiter steigern, nochmals etwas Neues erleben.» Sie ist überzeugt, den jüngeren Fahrerinnen im Team mit ihrer Erfahrung helfen zu können.
Hanselmanns einziger Sieg auf Profistufe liegt fünf Jahre zurück. 2016 setzte sie sich an der Tour of Norway in der 1. Etappe durch. Ein feiner Erfolg.
Hanselmann aber definiert sich nicht nur über Resultate. «Für mich ist wichtiger, wie ich das Rennen fahre.» Die Fehraltorferin mag wellige Strecken. Ideal ist für sie, wenn sie in einer Fluchtgruppe Unterschlupf findet. «Da kann ich meine Stärken ausspielen.»
Noch ist offen, welche Rennen sie im Juni und im Anschluss an die Rundfahrten in Spanien bestreitet. Klar ist: «Ein Start an der Tour de Suisse wäre besonders für mich.»
Nicht nur, weil das Rennen dem Frauenradsport in der Schweiz Aufmerksamkeit verschafft. Vor allem auch, weil sie das Terrain gut kennt. «Frauenfeld liegt in meinem Trainingsgebiet.»
