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Eine Topzeit soll zum Türöffner werden

Simon Tesfay hat eine schwierige Zeit hinter sich. Beim Marathon in Bern setzt der Athlet des LC Uster zum Befreiungsschlag an.

Rund fünf Monate nach seinem letzten Rennen ist Simon Tesfay beim Marathon in Bern im Wettkampfmodus zurück.

Foto: athletix.ch/Ulf Schiller

Eine Topzeit soll zum Türöffner werden

Andere in seiner Situation hätten den Bettel vielleicht längst hingeschmissen. Hätten das Kapitel Leistungssport nach dem geplatzten Olympiatraum und einem verletzungsbedingt verlorenen letzten Jahr beendet. Auch in Anbetracht des Alters.

36 ist Simon Tesfay kürzlich geworden. «Ich bin also nicht mehr jung.» Er lacht vergnügt über diese Feststellung. Das zeigt: Er hat die jüngste Enttäuschung – die Verschiebung des Marathons in Bern um rund drei Wochen – mittlerweile verdaut.

«Ich sehe nicht in allem, was schiefläuft, einen Nachteil. Vielleicht hat die Verschiebung auch einen Vorteil.»

Simon Tesfay

Die Eigenschaft, stets positiv zu denken, hat ihm geholfen. Der in Uster wohnende Langstrecken­spezialist lässt im Gespräch zwar irgendwann einmal den Satz fallen: «Seit einiger Zeit bin ich ein Pechvogel.» Es ist aber nicht mehr als eine simple Feststellung.

Denn der mit 1,92 m gross gewachsene Läufer sagt eben auch: «Ich sehe nicht in allem, was schiefläuft, einen Nachteil. Vielleicht hat die Verschiebung auch einen Vorteil.»

Jede Sekunde zählt

Eigentlich hätte der extra für ein kleines Feld von nationalen und internationalen Eliteläufern organisierte Marathon in Bern-Belp schon am 14. März stattfinden sollen. Weil die Wetterprognosen und damit die Aussichten auf Topzeiten damals schlecht waren, wurde er aber auf den Ostersamstag verlegt.

Das Wetter spielt dieses Mal mit. Wie gut Tesfay aber mit der mehrwöchigen ­«Ehrenrunde» klargekommen ist, die ihm bisweilen auf die Moral geschlagen hat, wird sich erst zeigen.

Klar ist: Es ist ein wegweisender Wettkampf – für ihn, aber auch zahlreiche andere.

Beispielsweise für Fabienne Schlumpf (siehe Box). Doch während die Wetzikerin in Bern die Olympialimite über 42,195 km unterbieten will, sieht Tesfay das Rennen als Türöffner.

Ein starker Auftritt soll ihm sportliche Perspektiven in Form von Ein­ladungen an internationale Rennen verschaffen. Er hofft zudem, den einen oder anderen Sponsor zu finden. Das würde ihm finanziell etwas Luft verschaffen.

Tesfay weiss: Er muss «einen raushauen», um auf sich aufmerksam zu machen. Darum gilt für ihn dasselbe wie für Schlumpf und andere Olympiakandidaten: «Jede Sekunde zählt.»

Der Eritreer hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Er will eineinhalb Minuten unter der Olympialimite bleiben. Das wiederum heisst: Tesfay peilt eine Zeit von 2:10 Stunden an.

Erst zwei Schweizer haben die 42,195 km überhaupt jemals schneller absolviert. Viktor Röthlin, der 2014 seine Karriere beendete. Sowie Tadesse Abraham, der sein Olym­piaticket bereits auf sicher hat und wie Tesfay für den LC ­Uster startet.

«Das ist unfassbar»

Abraham trainierte zuletzt länger in Äthiopien. Wie Tesfay. Drei Tage vor dem ursprünglichen Marathontermin traf der 36-Jährige wieder in der Schweiz ein.

Nach einem komplett selber finanzierten siebenwöchigen Höhenblock in Ostafrika. Mehrere tausend Franken hat er dafür investiert. Die Form passt danach. Er ist punktgenau vorbereitet – und kann dann vorerst trotzdem nicht starten.

Der erste Gedanke des Eritreers, als er von der Verschiebung hört: «Das ist unfassbar.»

Leichtathletik

Tesfays Reaktion ist verständlich. Es hat sich bei ihm einiges angesammelt. Von der Perspektive, den Olympiamarathon 2021 für die Schweiz laufen zu können, ist wegen des weiterhin hängigen Einbürgerungsverfahrens nichts mehr übrig.

Und auf sein starkes Marathondebüt 2019 in Zürich – 2:15:43 Stunden unter misslichen Bedingungen und ohne spezielle Vorbereitung – folgen bittere Momente.

Im Herbst desselben Jahrs ist Tesfay beim Berlin-Marathon zu einer Endzeit von 2:11:30 Stunden unterwegs. Doch rund 5 km vor dem Ziel blockiert der Rücken, er muss aufgeben. Die ganze Arbeit ist futsch.

«Ich glaube an mich.»
Simon Tesfay

Im Frühling 2020 nimmt der nun häufig von Blessuren geplagte Tesfay den nächsten Anlauf. Er bereitet sich in ­Afrika vor.

Eine Woche vor dem geplanten Marathon in Sevilla aber erleidet er eine Stressfraktur in der Ferse. Danach fällt er monatelang aus. «Das war ex­trem hart.»

Der gelungene Test

Nur einen einzigen Wettkampf kann Tesfay darum im letzten Jahr absolvieren. Im Oktober belegt er an der Halbmarathon-SM in Bern den auf den ersten Blick enttäuschenden 17. Rang. Auch die Zeit von 1:08:16 Stunden ist weit entfernt von seinem erstklassigen Bestwert (1:01 Stunden).

Die Erklärung dafür aber ist simpel: Tesfay startet spontan. Für ihn ist es ein Belastungstest. «Es war eine gute Entscheidung.»

Jetzt freut sich Tesfay auf die Rückkehr nach Bern. Und scheint mental bereit, die Herausforderung zu meistern. Er sagt: «Ich glaube an mich.»

Die lange Trainingspause und der langsame Aufbau danach haben positive Folgen gehabt. Der Athlet des LC Uster läuft wieder völlig schmerzlos.

Es ist eine erste Grund­voraussetzung, um überhaupt schnell sein zu können.

Schlumpfs spontaner Start gibt ihr zusätzliche Zuversicht

Für die Wetzikerin Fabienne Schlumpf ist der Marathon in Bern-Belp vom Ostersamstag die einzige Gelegenheit, die Olympialimite von 2:29:30 Stunden zu unterbieten. Bei ihrer Premiere über 42,195 km notabene. Schlumpf nutzte die Verschiebung spontan, um den Halbmarathon in Dresden zu laufen.

Sie verbesserte dabei ihren eigenen Landesrekord auf 1:08:27 Stunden. Ihr Fazit hernach: ein Bilderbuchrennen. Mit entsprechend viel Selbstvertrauen startet die 30-Jährige in Bern.

Fehlen wird da derweil Tadesse Abraham. Der bereits für Olympia qualifizierte Athlet des LC Uster bereitete sich in Äthiopien auf das Rennen vor, musste nach einem positiven Corona-Test kurz vor der Rückreise in die Schweiz aber seine Pläne anpassen. Abraham wollte stattdessen am 11. April am Marathon in Hamburg starten. Der Lauf fällt nun aber aus. Als neuer Termin ist der 18. April geplant – der Veranstaltungsort steht noch offen. (zo)

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