Der Exot unter den Elchen
Eine Handvoll Balten. Und Silvan Bolliger als einziger Schweizer. Bei den 14 Teams der höchsten finnischen Liga stehen nur wenige Ausländer unter Vertrag.
Warum kaum ambitionierte Spieler aus der Schweiz, Tschechien oder gar Schweden den Weg nach Finnland finden? Dafür gibt es keine plausible Erklärung.
Das Niveau in der F-Liiga ist hoch, die Infrastruktur der Vereine gut und die Liga top vermarktet. Ein Witz muss darum als Begründung herhalten. Es sei wegen der Kälte und Dunkelheit, sagen die Finnen.
«Ich bin megafroh, bin ich da.»
Silvan Bolliger
Die Tage werden jetzt zwar wieder heller. Kalt ist es aber noch immer im rund 270 km nördlich von Helsinki gelegenen Jyväskylä, wo Bolligers Klub Happee beheimatet ist. Die Temperaturen bewegen sich im zweistelligen Minusbereich. Es liegt viel Schnee.
Den unwirtlichen Bedingungen zum Trotz sagt Bolliger: «Ich bin megafroh, bin ich da.»
Der Egger ist zufrieden, wie sich sein Abenteuer im hohen Norden entwickelt hat. In allen Belangen. So wurde die Meisterschaft – im Gegensatz zur NLA – nie unterbrochen. Wenn auch seit Dezember keine Zuschauer mehr in den Hallen erlaubt sind.
Die etwas über 140 000 Einwohner zählende Stadt Jyväskylä gefällt Bolliger, im Team fühlt er sich wohl. Finnisch ist zwar schwierig. Der Oberländer aber sagt: «Es kommt immer besser.»
Fertige Sätze helfen weiter
Gut für ihn: Die Aussprache fällt ihm leicht. In der vom Klub zur Verfügung gestellten Wohnung hat er alle Alltagsgegenstände finnisch angeschrieben. Dazu lernte er bereits im Sommer «pfannenfertige Sätze», wie er sagt. «Mit diesen bin ich doch recht weit gekommen.»
Seine sprachlichen Fähigkeiten haben ihm die Integration erleichtert. Seit Mitte Juli weilt er ununterbrochen in Finnland. Nach einer kurzen Angewöhnungszeit ist der Flügelstürmer auch sportlich so richtig im Land des Unihockey-Weltmeisters angekommen.
Zuletzt fiel er zwar verletzt aus, 20 Meisterschaftsspiele hat der Flügelstürmer für Happee mittlerweile aber bestritten. Mit 15 Toren und 9 Assists steht er in der internen Skorerliste an vierter Stelle. Wie schätzt er seine Leistungen ein?
«Ich komme nicht drum herum, zufrieden zu sein.» Bolliger formuliert seine Zwischenbilanz absichtlich umständlich.
Nach zuletzt zwei sehr starken Jahren bei Floorball Köniz sah er die Gefahr, dass es nicht im selben Stil weitergehen würde. Bei all diesen Faktoren.
«In jeder Bar, in jedem Restaurant hängt ein Happee-Trikot. Das ist eindrücklich.»
Silvan Bolliger
Wie dem komplett neuen Umfeld. Einer fremden Liga. Und seiner Rolle als Ausländer. Wobei diese im Fall von Bolliger noch etwas spezieller ist. Happee Jyväskylä, der Verein mit dem wild schnaubenden roten Elch im Logo, nahm erstmals überhaupt einen Ausländer unter Vertrag.
Eine besondere Erwartungshaltung hat er deswegen vonseiten der Verantwortlichen nie gespürt. «Ich machte mir selber den Druck.»
«Fadegrad ehrlich»
Im Verlauf der Saison, und nachdem er sich etabliert hatte, fragte Bolliger dann seine Teamkollegen, was sie von ihm erwartet hätten. Er muss lachen, als er die Episode erzählt.
«Fadegrad ehrlich» sei ihre Antwort gewesen. Sie lautete: «Gar nichts.»
Es dürfte sich im Vorfeld der Saison also keiner der Happee-Spieler die Mühe gemacht haben, einen kurzen Blick auf Bolligers Statistiken zu werfen. Beim UHC Uster gehörte er zu den produktivsten Stürmern, skorte fünf Saisons hintereinander über 30 Punkte.
In drei Jahren bei Floorball Köniz gelangen dem Linksausleger dann 64 Tore und 42 Assists.
Im letzten Frühling war Bolliger auf dem Schweizer Transfermarkt ein gefragter Mann – und überraschte alle mit seinem Wechsel in den Norden. Eine wichtige Rolle übernahm dabei Jonne Junkkarinen, mit dem Bolliger in Köniz zusammengespielt hatte.
Der Verteidiger kehrte auf diese Saison hin zum Stammverein Happee zurück. Und machte da die Verantwortlichen auf den Oberländer aufmerksam.
Nur das Tor zählt
Bolliger ist froh, die Chance erhalten zu haben. Das Gesamtpaket passt. Sein 60-Prozent-Pensum bei einer Berner Firma kann er von Jyväskylä aus bewältigen.
Auch sportlich stimmt es. Happee liegt in der F-Liiga an fünfter Stelle – und zählt zu den wichtigsten Vereinen der Stadt.
«In jeder Bar, in jedem Restaurant hängt ein Happee-Trikot», hat Bolliger festgestellt. «Das ist eindrücklich.»
Das Klubumfeld ist professionell, die Qualität im Team hoch. Peter Kotilainen – einer der besten Stürmer der Welt – ist zwar der einzige Profi. Den Fokus auf den Sport haben aber auch die restlichen Spieler, sodass sie die Morgen- und Abendtrainings besuchen können.
«In den letzten drei, vier Spielen konnte ich nochmals eine Schippe drauflegen.»
Silvan Bolliger
Der Oberländer ist gefordert. Gegenüber der NLA ist die Passqualität besser, das Tempo höher, und die Finnen schiessen präziser und schärfer.
Am Anfang habe er sich gefragt: «Was will man von mir? Wann kann ich kreativ sein? Und wann muss ich taktische Anweisungen befolgen?» Längst hat es Klick gemacht.
Der Flügelstürmer hat die finnische Mentalität einverleibt, in der nur ein Tor wirklich zählt, ein schöner Pass hingegen nichts. Bald folgt der Höhepunkt der Saison – die Playoffs.
Das Nationalteam ist kein Thema
Bolliger scheint bereit dafür. «In den letzten drei, vier Spielen konnte ich nochmals eine Schippe drauflegen.»
Mit einem Aufgebot fürs Schweizer Nationalteam rechnet er trotz guten Leistungen nicht. Zu stark sei die Konkurrenz. Bolliger ist aber auch gar nicht nach Finnland, weil er sich dadurch grössere Chancen fürs Nationalteam ausgerechnet hat.
Seine Motivation: «Ich wollte einfach besser werden.»
