Das Wetterglück ebnet ihr den Weg
Sie ist für Natalie Maag nichts weniger als die schönste Bahn der Welt. Jede Rückkehr nach St. Moritz fühlt sich für die Wernetshauserin wie ein Heimkommen an.
Seit ihrer Jugend fährt Maag hier. Sie kennt alle an der Bahn. Und schwärmt: «Jeder Lauf ist ein Genuss.»
«Der Erfolg fühlt sich unwirklich an.»
Natalie Maag
Hunderte von Fahrten hat sie in der einzigen Naturbahn der Welt bereits absolviert. Dass ihr ausgerechnet im Engadin das wertvollste Resultat der Karriere gelingt, ist eine besondere schöne Geschichte. Die Liebe scheint gegenseitig zu sein.
Dritte wurde Maag am Sonntag beim Weltcup-Final in St. Moritz. Es war nicht nur ein Exploit, den man nach dem Verlauf der Saison nicht hatte erwarten können. Die 23-Jährige schreibt mit ihrer Rangierung gleich auch noch Rodelgeschichte.
Maag ist die erste Schweizerin, die im Weltcup aufs Podest gefahren ist. Die 2018 zurückgetretene Martina Kocher gewann zwar drei WM-Medaillen. Im Weltcup aber weist die Bernerin zwei 4. Plätze als Bestwert auf.
Maag tut sich derweil auch mit Abstand weiter schwer mit der Einordnung des Erfolgs. «Er fühlt sich unwirklich an.» Die Nacht auf Montag hat sie nicht gut geschlafen. «Ich hatte noch diese Unruhe in mir, die ganze Aufregung.»
Das Gefühl stimmt sofort
Maag packte beim neunten und letzten Einzel-Rennen des Weltcup-Winters die Gelegenheit beim Schopf. Sie nützte den Heimvorteil perfekt aus.
Dass sie im Gegensatz zum Grossteil der Konkurrenz – 2012 hatte letztmals ein Weltcup-Rennen in St. Moritz stattgefunden – mit der Bahn vertraut war, verlieh ihr Selbstvertrauen.
Das Gefühl stimmte von der ersten Sekunde an. «Ich lag diese Saison noch nie so gut auf dem Schlitten wie in St. Moritz.» Das allein hätte wohl zu einem guten Resultat geführt, «aber nicht zu einem Podestplatz», sagt Maag offen.
Die dem deutschen A-Kader angegliederte Oberländerin profitierte zugleich davon, dass der Schneefall für stark ungleiche Bedingungen sorgte. Sie sagt: «Ich hatte Schneeglück.»
Mit Nummer 13 brauste die Wernetshauserin im ersten Lauf auf den 3. Rang vor. Grosse Namen wie Gesamtweltcup-Siegerin Natalie Geisenberger (18.) oder die Russin Tatjana Iwanowa (24.) waren hingegen mit Abständen von über einer Sekunde abgeschlagen.
Die gute Ausgangslage führte bei Maag interessanterweise nicht für Nervosität. Im Gegenteil. Sie habe sich entspannt und mit einem Lachen im Gesicht auf den zweiten Lauf vorbereitet. «Ich dachte mir, dass es mich als drittletzte Startende sowieso nehmen würde.»
Das Klassement wurde tatsächlich durcheinander gewirbelt. Julia Taubitz (GER) stiess vom 9. auf den 2. Platz vor, die Lettin Elina Ieva Vitola machte einen Satz von Rang 5 an die Spitze und feierte ihren ersten Weltcup-Sieg.
Maag aber verteidigte ihren 3. Platz. Und sagt jetzt: «Das ist ein grosser Aufsteller.»
Die Zweifel vertrieben
Die einzige Schweizer Weltcup-Rodlerin hat einen schwierigen Winter hinter sich. Der 8. Platz in Winterberg im Dezember blieb das einzige Top-Ten-Resultat vor dem Ausrufezeichen in St. Moritz.
In vielen Rennen fehlte der Oberländerin der Speed, stimmten Gefühl und Zeiten nicht überein. Maag konnte ihren Platz in der zwölfköpfigen Gesetztengruppe nie nachhaltig verteidigen.
Sechsmal musste sie sich via Nationencup für die Weltcups qualifizieren. Sie sagt: «Ich habe manchmal gezweifelt.»
Ihre Erleichterung nach dem versöhnlichen Saisonabschluss ist darum gross. Motiviert packt Maag die nächste Etappe an. Drei Trainingswochen stehen für sie noch an. Ab Freitag in Oberhof, danach in Königssee.
Zum Abschluss kehrt sie nochmals ins Engadin zurück. Vielleicht denkt sie dann da auch schon ans nächste Jahr. Im Januar 2022 findet in St. Moritz die EM statt.
Für Maag könnte es keinen besseren Ort für ein wichtiges Rennen geben als «die schönste Bahn der Welt».
