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An die Krise zu denken, gehört dazu

Bei ihrem Marathon-Debüt in Bern-Belp peilt Fabienne Schlumpf die Olympialimite an. Es dürfte ihre einzige Chance sein.

Bern statt wie ursprünglich geplant Sevilla: Fabienne Schlumpf erlebt ihre Marathon-Premiere im März in der Schweiz.

Archivfoto: Christian Merz

An die Krise zu denken, gehört dazu

Sie hat sich nur kurz daheim in Wetzikon aufgehalten. Schuld daran ist der Schnee. Den mag Fabienne Schlumpf zwar. An effizientes Lauftraining ist bei den aktuellen Verhältnissen im Oberland allerdings nicht zu denken.

So reiste Schlumpf, die am Sonntag aus dem Ausland heimgekehrt war, zwei Tage später nach Tenero. Im Tessin hat sie sich eine Wohnung gemietet. Sie bleibt vorerst im Süden.

Die 30-Jährige steckt in der Vorbereitung auf ihr Marathon-­Debüt am 14. März. Rund sieben Wochen bleiben ihr bis dahin. Schlumpf sagt: «Die Vorfreude ist wahnsinnig gross.» Und kann zufrieden festhalten: Der Fahrplan stimmt.

«Marathon ist Marathon. Da kann vieles passieren.»

Fabienne Schlumpf

Seit Anfang November läuft Schlumpfs Countdown. Den Einstieg nach einer zweiwöchigen Pause bezeichnet die Athletin der TG Hütten zwar als «Geknorze».

In der Folge aber fand sie den Tritt wieder. Drei Wochen verbrachte Schlumpf zuletzt in Monte Gordo (POR) wie seit vielen Jahren.

Der Zeitpunkt war ideal. Den Wintereinbruch in der Schweiz konnte sie aus der Ferne verfolgen, wo sie von idealen Trainingsbedingungen profitierte. 

Die Läuferin legte pro Woche 200 km zurück. Insgesamt sammelte sie so viele Kilometer wie noch nie innerhalb von drei Wochen.

Im Sommer war Schlumpf im Training im Engadin wöchentlich 170 bis 180 km gelaufen. Die jetzige Umfangsteigerung hat sie problemlos weg­gesteckt. Ihr Fazit: «Es hat sich gut angefühlt.»

Der Wert der WM

Schlumpf hat im Trainingslager ihre eigenen Erwartungen übertroffen. Das nährt ihre Zuversicht. Und verschafft ihr zusätzliche Motivation für den verbleibenden Teil der Vorbereitung.

Mit dem Leistungssprung an der Halbmarathon-WM im letzten Oktober hat sie vor ihrem ersehnten ersten Marathon, an dem sie gleich die Olympianorm von 2:29:30 Stunden anpeilt, viel Selbstvertrauen getankt. Um fast zwei Minuten verbesserte sie mit ihrer Zeit von 68:38 Minuten den eigenen Bestwert und lief Schweizer Rekord. 

«Ich lerne auch aus jedem Wettkampf, kann Erfahrungen mitnehmen. Das hilft mir.»

Fabienne Schlumpf

Die frühere Steeple-Spezialistin sagt: «Ich weiss schon: Ein Halbmarathon ist kein Marathon. Aber die WM war wichtig.» Sie lieferte nicht nur die Bestätigung für einen gelungenen Aufbau.

«Ich lerne auch aus jedem Wettkampf, kann Erfahrungen mitnehmen. Das hilft mir.»

Die ideale Gelegenheit

Ursprünglich hatten Schlumpf und ihr Trainer und Freund ­Michi Rüegg den Marathon in ­ Sevilla am zweiten Februarwochenende ins Auge gefasst.

Das von Swiss Athletics organisierte Rennen in Bern-Belp scheint jetzt aber die ideale Gelegenheit, ihren ehrgeizigen Olympiaplan in die Tat umsetzen zu können. Die Anreise ist einfach, die Strecke beim Flugplatz ist flach, und Schlumpf kennt sie.

Läuft sie das Rennen fertig, ist der Marathon in Bern-Belp realistisch gesehen ihre einzige Chance, die Limite für die Sommerspiele in Tokio (23. Juli bis 8. August) zu knacken. Für einen zweiten Versuch dürfte schlicht die Zeit ­fehlen.

Die Qualifikationspe­riode im Marathon endet zwar erst am 31. Mai, der Schweizer Verband verbietet im Selektionskonzept aber Starts nach dem 2. Mai.

Wie stark fühlt sich Schlumpf durch diese Ausgangslage unter Druck? Sie merke ihn noch nicht. «Vielleicht aber kommt er später», sagt sie. Rund zwei Monate vor dem Wettkampf überwiegt die Lust auf die Herausforderung. Gepaart mit Respekt.

«Marathon ist Marathon. Es kann vieles passieren.» Auch die Spitzenläuferin wird die 42,195 km nicht absolvieren können, ohne physisch und mental an die Grenzen zu gelangen.

Das Rennen beginnt eigentlich erst ab Kilometer 30. Und Schlumpf fragt sich: «Wie fühlt sich das an?» Sie geht davon aus, eine Krise meistern zu müssen. «Darauf muss ich mich vorbereiten.»

Fortschritte beim Trinken

Noch bleibt ihr dafür genügend Zeit. Und es ist viel zu früh, um sich mit taktischen Fragen zu ­beschäftigen. Klar ist: Schlumpf ordnet dem Erreichen der Olympialimite alles unter.

Sie ist überzeugt, die Zeit in den Beinen zu haben. Jedes Detail zählt.

So absolviert Schlumpf ihre Longruns oder auch Intervalltrainings bewusst auf Asphalt, um sich auf die Schläge im Rennen einzustellen.

Und sie lernt, im Laufen zu trinken. «Das geht schon deutlich besser.» Am Anfang habe sie kaum etwas von der Flüssigkeit abgekriegt, sagt sie und lacht. Sitzt dieser Teil, wird sie üben, in hohem Tempo nach der Flasche zu greifen.

Eine wichtige Frage wiederum ist geklärt. Simon Stützel (35) wird Schlumpfs persönlicher Tempomacher in Bern sein.

Sie kennt den routinierten deutschen Langstreckenläufer, der sich via Instagram gleich selber anbot.

Er soll ihr auch helfen, den Marathon nicht zu schnell anzugehen. Denn am liebsten würde Schlumpf ohne Uhr laufen – wie an der Halbmarathon-WM.

Das Wetter spielt eine Hauptrolle

Ob sie sich das tatsächlich getraut, ist offen. Wie auch, wo die Oberländerin nach der Rückkehr aus dem Tessin trainiert.

Das Wetter spielt eine entschei­dende Rolle. Ein neuerlicher Abstecher nach Portugal ist eine Option. Die andere wäre, dass sich Schlumpf zu Hause wieder ein Höhenzimmer einrichtet und in Wetzikon bleibt.

Weg müsste dafür dann aber der Schnee sein.

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