Ihre Freude ist weiter ungebrochen
Eine kleine Unaufmerksamkeit – mehr nicht. Und doch mit fatalen Folgen. «Ich habe mich selbst ausgeknockt», sagt Isabel Derungs. Beim Aufwärmrun für das Europacup-Rennen auf dem Corvatsch von Ende Dezember verkantete sie nach einem Bremser im Anschluss eines Schanzensprungs und fiel unglücklich auf die rechte Schulter. Die bittere Diagnose: Schlüsselbeinbruch. «Der Herzschmerz ist am grössten», sagt die Riedikerin. Er ist wenig verwunderlich.
Nach über einem Jahr Babypause fühlte sich alles so gut an. Im Frühsommer die ersten Schneetrainings. Wochenenden in Saas Fee und Les Diablerets zur Vorbereitung der Saison. In den Waadtländer Alpen bestritt Isabel Derungs auch Ende November ihren ersten kleinen Fis-Slopestyle-Wettkampf. Und siegte sogleich.
Ein Familienprojekt
«Ich bin megahappy, meinen Traum nochmals ausleben zu dürfen», sagt die 33-Jährige. Überhaupt möglich wurde er durch eine für sie nahezu ideale Gesamtsituation. Derungs spricht von einem Familienprojekt, in dem ihr Freund Miro den Rücken freihält und ihre Mutter zur Betreuung von Söhnchen Teo oft mit dabei ist. Übernachtet wird dann im ausgebauten Bus auf einem Campingplatz. Den Winter verbringt Derungs grösstenteils in Siat GR, der Heimat ihres Vaters.
Ihre Karriere kann die zweifache Olympia-Teilnehmerin auch dank einer sportfreundlichen Arbeitgeberin fortsetzen. Derungs hat ihr Pensum bei einer Gesundheitsstiftung in Zürich nach dem Mutterschaftsurlaub von 60 auf 40 Prozent reduziert. Entgegen kommt ihr die Jahresarbeit, sodass sie ihre Aufgaben komprimiert in den Sommermonaten erledigen kann. Es ist ihr damit möglich, den ganz Fokus im Winter weiterhin aufs Snowboarden zu legen.
Das ist alles andere als selbstverständlich. In einem Beitrag des Schweizer Fernsehens (SRF) erzählt sie von einem «kleinen Schock». Die Schwangerschaft sei nicht geplant gewesen. Für mich war klar: «Ich kann nicht mehr weitermachen.» So stark war das gängige Bild vor Augen: Sportkarriere, Rücktritt, Familie. Sie dachte immer, diese Reihenfolge einhalten zu müssen.
Irritierende Formalitäten
Und dies ausgerechnet nach der erfolgreichsten Saison überhaupt. Auf der Seiser Alm feierte Derungs im Januar 2019 ihren ersten Weltcupsieg. Im Slopestyle-Gesamtklassement belegte sie Platz 3. Das Resultat allein ist es aber sowieso längst nicht mehr, was sie antreibt. «Ich bin eine Gefühlsfahrerin», betonte sie schon vor Jahren.
Das Training setzte die mittlerweile in Zürich lebende Riedikerin reduziert und angepasst selbst während der Schwangerschaft fort. Derungs löcherte ihre Ärztin ständig mit Fragen. Und je länger je mehr kam sie zur Überzeugung, dass eine sportliche Karriere mit Kind möglich ist.
Sportlichen Boden verlor sie durch ihre Auszeit ebenso nicht. Ihre Punkte im Ranking wurden eingefroren – wie bei einer Verletzung. Auffällig dabei ist, dass die schriftlichen Bestimmungen für einen solchen Fall noch überhaupt nicht vorhanden waren. Derungs musste nämlich ein Verletzungsformular ausfüllen. Mit Fragen wie: «Ort und Datum des Unfalls?»
Auch die Mutter des Teams
Sowieso ist der Weg von Isabel Derungs aussergewöhnlich. Mit Jahrgang 1987 ist sie die mittlerweile mit Abstand älteste Athletin im Kader der Schweizer Snowboard-Freestylerinnen. Sie hat ungebrochene Freude daran, Teil eines Teams zu sein und ihren Kolleginnen in ihrer Rolle etwas mitzugeben.
Dieses steht seit einiger Zeit etwas im Schatten der erfolgreicheren Männer. Nach einem personellen Umbruch hat derzeit keine einzige Frau den Nationalteam-Status. «Den Jungen fehlt es noch an Selbstvertrauen und Erfahrungen», sagt Derungs.
Sie selbst will sich auch von der neuerlichen Verletzung nicht unterkriegen lassen, wodurch ihr eigentlicher Saisonhöhepunkt von Ende Januar – das Laax Open – ohne sie über die Bühne geht.
Ganz ohne Schnee geht es für Derungs aber auch jetzt nicht. Sie hat ganz einfach aufs Splitboard umgestellt – einem in der Länge teilbares Snowboard. «Ich darf natürlich noch keine gewagten Abfahrten machen», sagt Derungs.
Und sie hofft sogar auf ein Wettkampf-Comeback im April. Dann findet ausgerechnet auf dem Corvatsch erneut ein Europacup statt, der gleichzeitig als Schweizer Meisterschaft gewertet wird. Der Knochen sollte bis dahin wieder stabil sein. Bedenken, bei einem Sturz erneut sich am Schlüsselbein zu verletzen, hat sie keine. «Darauf sollte man sowieso nicht fallen», sagt Derungs und lacht.
