Wenn die Einfachheit im Zentrum steht
Anzumerken ist ihm der Druck nicht. Gelassen gibt er Auskunft. Die Antworten: durchdacht und präzise ausformuliert, wie man es von ihm kennt.
Er sei überzeugt, «alles beieinander zu haben», was es brauche, sagt Gilles Roulin. «Ich bin gut dran.»
Besser jedenfalls als im Vorjahr, schiebt er nach. Das ist auch nötig. Der Grüninger muss liefern. Auf den letzten Weltcup-Winter reagieren.
Sein dritter kompletter auf höchster Stufe war der bisher schwächste gewesen. In die Top Ten fuhr Roulin nie, die Bestwerte in den Speed-Disziplinen sind ein 17. Platz im Super-G und ein 18. Rang in der Abfahrt.
Zugleich verpasste er aber siebenmal die Punkteränge – wie bei seiner letzten Abfahrt in Kvitfjell (NOR), wo Roulin 42. wurde.
«Auf höchsten Niveau ist Lockerheit einer der zentralsten Faktoren.»
Gilles Roulin
Neun Monate später macht sich der 26-Jährige am Wochenende auf zur Kurskorrektur. Ein gelungener Einstieg in die Speed-Saison in Val d’Isère würde ihm helfen, in den Weltcup-Startlisten nach vorne zu rücken. Und die nächsten Aufgaben mit einer gewissen Leichtigkeit anzupacken.
Diese ging ihm im vergangenen Winter ab, ist aber nötig, um schnell zu sein. «Auf höchsten Niveau ist Lockerheit einer der zentralsten Faktoren.»
Drei Punkte im Blickfeld
Roulin weiss, wie es sich anfühlt, auf der «Welle» zu surfen. Er will möglichst dahin zurück.
Der Gefahr, sich dabei zu verrennen, ist er sich bewusst. In der Vorbereitung hat er deswegen nicht jeden Stein umgedreht. Er probierte dafür, die Komplexität zu verringern. Ganz nach dem Motto: Weniger ist mehr.
Er fragte sich: Was ist wirklich wichtig? «Die Zeit, technisch gut zu fahren und cool zu bleiben, wenn es nicht läuft.»
«Man muss sich ständig beweisen. Das ist ein grosser Druck.»
Gilles Roulin
Roulin definierte die Grundessenz seiner Leistungsfähigkeit, konzentrierte sich daraufhin auf drei Punkte. Fit zu sein. Er hat seine Technik stabilisiert und will im entscheidenden Moment bereit sein.
Letzteres lässt sich im Training nicht simulieren. Darum sagt Roulin: «Der dritte Punkt ist jetzt dran.»
Ob der Oberländer aber im Super-G zum Einsatz kommt und in der auf Sonntag verschobenen Abfahrt überhaupt starten kann, ist offen. Sechs der acht Schweizer Abfahrtsplätze sind vergeben – an Beat Feuz, Carlo Janka, Mauro Caviezel, Nils Hintermann, Urs Kryenbühl und Marco Odermatt.
Roulin gehört einem Trio an, das sich um die verbliebenen Startplätze balgt.
Die Rennen vor dem Rennen
Die starke interne Konkurrenz treibe jeden an, ist Roulin überzeugt. «Man muss sich ständig beweisen.» Er sagt aber auch: «Das ist ein grosser Druck.»
In Val d’Isère kann er sich nicht etwa an die Piste herantasten, an die er «lediglich verschwommene Erinnerungen» aus seiner Zeit im Europacup hat. Stattdessen gilt es für ihn sofort Ernst.
Im ersten Training vom Donnerstag rührte Roulin kräftig die Werbetrommel für sich. Als Sechster ist er bester Schweizer. Am Freitag folgt das zweite Training. Auch für dieses gilt: «Man muss die Spannung und Nervosität wie im Rennen hinkriegen. Das ist Teil der Aufgabe.»
Weitere folgen. Konkrete Ziele wie etwa die Teilnahme an der WM in Cortina d’Ampezzo Anfang Februar hat sich Roulin für diese Saison nicht gesetzt. «Auch wenn ich mich natürlich nicht dagegen wehren würde, dabei zu sein.»
Sein Ansatz ist allgemeiner gehalten. Er wisse, das töne langweilig, sagt Roulin entschuldigend. «Ich möchte an jedem Rennen meine Leistungsfähigkeit abrufen. Ich hoffe dann, es reicht so weit nach vorne wie möglich.»
