Bei den «Grossen» angekommen
Sebastian Stalder ist in den letzten Jahren weit herumgekommen. Das bringt sein Beruf mit sich.
Finnland aber war für den Biathlonprofi bisher praktisch aussen vor. Mehr als eine Zwischenlandung in Helsinki konnte der Walder nicht vorweisen. Geschweige denn einen Wettkampfeinsatz.
Das dürfte sich ändern. Seit Mittwoch weilt Stalder in Kontiolahti, wo am Samstag die Weltcup-Saison mit einem Einzelrennen über 20 km beginnt.
Um in der Pandemie die Reisen zu minimieren, wird der Biathlon-Tross für zwei Wochen im Osten Finnlands bleiben. Und da das Programm zweier Weltcups absolvieren. Wie später auch in Hochfilzen, Oberhof, Nove Mesto und der WM in Pokljuka.
«Es wird ein zähes Programm.»
Sebastian Stalder
Dass Stalder in Kontiolahti zum fünfköpfigen Schweizer Männer-Aufgebot gehört, ist nicht selbstverständlich. Die interne Konkurrenz ist gross.
Aus neun Athleten besteht das Swiss-Ski-Männerteam. Ausser Niklas Hartweg (20) sind sie allesamt älter und erfahrener als Stalder.
Der 22-Jährige aber zeigte ebenso wie Jugend-Weltmeister (2019) Hartweg eine starke Vorbereitung. Die Belohnung dafür erhielt das Duo im Anschluss an die internen Testrennen vom Freitag und Samstag in Lenzerheide: Es gehört neben Teamleader Benjamin Weger (31), Eligius Tambornino (24) und Jeremy Finello (28) zum Aufgebot für den Weltcup-Auftakt.
Vier Startplätze stehen den Schweizern, die ihre enttäuschende letzte Saison vergessen machen wollen, pro Rennen zur Verfügung. Ein Athlet also ist jeweils überzählig. Wer dies zu Beginn sein wird, ist noch nicht entschieden.
Stalder hofft, in den fünf Rennen in Finnland möglichst häufig zum Einsatz zu kommen. Er sieht dennoch das grosse Bild. «Wir zwei Jungen werden uns wohl abwechseln», vermutet er.
Und ist überzeugt: Das wäre in Anbetracht der Strapazen sinnvoll. Er weiss: «Es wird ein zähes Programm.»
Zweimal zur Schnupperlehre
Stalder mag erstmals überhaupt in der Karriere in Finnland einen Wettkampf bestreiten. Seine Premiere auf höchster Stufe aber hat er seit längerem hinter sich.
2018 debütierte der Athlet des SC am Bachtel in Oslo im Weltcup. Er wurde 82. Im letzten Frühjahr durfte er in Nove Mesto (CZE) ein weiteres Einzelrennen (106.) sowie die Staffel (9.) bestreiten.
Stalder profitierte dabei jeweils von Abwesenheiten etablierter Schweizer in der Schlussphase der Saisons. Mit den Aufgeboten wurde er aber auch für die Leistungen im Nachwuchs belohnt.
Schon letzten Winter trainierte Stalder mit dem Männerteam. Die Ausgangslage vor der neuen Saison aber hat sich für ihn dennoch entscheidend verändert.
Seine dreijährige Juniorenzeit – er krönte sie im Januar mit WM-Bronze in Lenzerheide – ist zu Ende. Der junge Biathlet ist definitiv bei den «Grossen» angekommen.
Der Walder, der zuletzt mehrheitlich auf der zweithöchsten Stufe im IBU-Cup im Einsatz stand, sieht beim Kampf um Weltcupeinsätze Vorzüge in der neuen Position. «Wenn man sich von Anfang anbieten kann, ist das natürlich anders.»
Der B-Kader-Athlet ist überzeugt, einen Reifeprozess durchlaufen zu haben. Er packe Dinge «ruhiger und gelassener» an, sagt er. «Das habe ich von den Älteren gelernt.»
«Er ist ein Athlet, den sich jeder Trainer wünscht: Er kann alles.»
Cheftrainer Alexander Wolf
Unter dem neuen Cheftrainer Alexander Wolf und dessen Assistenten Daniel Hackhofer hat Stalder zudem in den zurückliegenden Monaten weitere Fortschritte erzielt, wie er findet. «Ich habe einen rechten «Gump» vorwärts gemacht. Vor allem im langlauftechnischen Bereich.»
Die Resultate an den deutschen Meisterschaften Anfang September waren noch zum Vergessen. Auch weil er kurz zuvor krank gewesen war. «Danach aber lief es perfekt.»
Ob am traditionellen Nordic Weekend von Swiss-Ski, den Laufbahntests, bei Intervalleinheiten in der Skihalle in Oberhof oder internen Testrennen – Stalder überzeugte bei allen Standortbestimmungen.
Er kletterte in der Team-Hierarchie nach oben. Cheftrainer Wolf schwärmte gegenüber SRF gar: «Er ist ein Athlet, den sich jeder Trainer wünscht: Er kann alles.»
Verlockende Perspektiven
Nun liegt es an Stalder, den Vorschusslorbeeren gerecht zu werden und sein Potenzial abzurufen. Bei den «Schnupper»-Einsätzen erhielt er einen Vorgeschmack, was ihn auf höchster Stufe erwartet.
Die Konkurrenz ist enorm gross. Im Kampf um Weltcup-Punkte. Und an der Spitze. Rund 40 Biathleten wird zugetraut, heuer aufs Podest laufen zu können.
Stalders Anspruch ist derweil, «so viel Erfahrungen wie möglich zu sammeln». Und sich im Schweizer Weltcup-Team zu behaupten.
Darüber hinaus hat er auch ambitioniertere Ziele. Er möchte an der WM teilnehmen. «Und das eine oder andere Mal in die Punkte zu laufen. Mit einem guten Rennen muss das möglich sein.»
Stalders Motivation ist gross. Auch aufgrund der langfristigen Perspektiven. Jüngst hat Lenzerheide die WM 2025 zugesprochen erhalten. Von einem «Riesenboost» spricht der unweit der Anlage in Lantsch/Lenz wohnende Stalder.
Seine Freude ist nachvollziehbar. In fünf Jahren ist er 27 – also im besten Biathlonalter.
Corona-Fälle in Kontiolahti
Kurz vor dem Biathlon-Saisonstart am Samstag im finnischen Kontiolahti sorgen weitere positive Coronavirus-Fälle für Probleme. Wie der Weltverband IBU mitteilte, wurden auch Teammitglieder aus Italien und Polen positiv getestet und müssen sich nun in Isolation begeben. Über weitere Schritte wird erst noch entschieden. Zudem ordneten die zuständigen finnischen Behörden nach Corona-Fällen Quarantäne für die gesamte rumänische Mannschaft und – mit nur einer Ausnahme – für das komplette Team aus Moldawien an.
Damit gibt es bereits positive Befunde aus mindestens acht Nationen, zu denen auch noch Russland, Lettland, Frankreich und die Slowakei gehören. Während die Slowaken aufgrund der Quarantäne-Regelungen gar nicht erst nach Kontiolahti anreisen konnten, verpassen die russischen Biathleten Anton Babikow und Jewgeni Garanitschew ebenfalls den Start an diesem Wochenende. Wie der russische Verband RBU mitteilte, sind nur diese beiden Athleten betroffen. Zu einer Isolation der gesamten Mannschaft komme es nicht. (sda)
