Der Spagat hat ein Ablaufdatum
Die erhoffte EM-Medaille hat er heimgebracht. Wenn auch nicht in jener Disziplin, in der sich Lukas Rüegg die grösseren Chancen ausgerechnet hatte.
Auf Platz 6 klassierte er sich im bulgarischen Plovdiv mit Tristan Marguet im Madison. «Wir fuhren nicht schlecht», urteilt er. «Aber das gewisse Etwas fehlte.»
«Die Medaille muss man trotzdem holen.»
Lukas Rüegg
Den Wettkampf hat der Madetswiler abgehakt. Länger haften bleibt ihm die Mannschaftsverfolgung – er gewann mit dem Schweizer Bahnvierer Bronze.
Am Start waren zwar nur sechs Equipen. Die Freude über den Podestplatz trübt das beim Oberländer nicht. «Die Medaille muss man trotzdem holen.»
Von der Zeit her schlossen die Schweizer derweil im vorgenommenen Rahmen ab. Im kleinen Final absolvierten sie die 4000 m in 3:55,051 Minuten.
Allein statt gemeinsam
Rüegg ist schon länger Teil des Bahn-Aushängeschilds von Swiss Cycling. Vergangenen Dezember gehörte er auch zum Schweizer Quartett in Neuseeland, das erstmals einen Weltcupsieg feierte. Und mit 3:49,982 Minuten einen Landesrekord aufstellte.
Von der damaligen Besetzung waren jetzt nur Rüegg und Claudio Imhof dabei, die schon 2019 an der EM und der WM gestartet waren. Neben den zwei arrivierten Bahnfahrern bestand das frisch formierte Quartett in Bulgarien aus den Neulingen Simon Vitzthum und Dominik Bieler.
Die Erwartungen waren entsprechend tief, sodass Rüegg über den 3. Platz sagt: «Er kam eher überraschend.»
Nicht nur der ungewohnten Besetzung wegen. Vor allem auch nach der schwierigen Vorbereitung. Statt sich wie üblich rund zwei Wochen lang auf der Bahn in Grenchen gemeinsam vorbereiten zu können, musste sich nach einem Coronafall im Team jeder alleine den Feinschliff besorgen.
«Es war schwierig, eine Empfehlung nach oben abzugeben.»
Lukas Rüegg
Auf dem Strassenvelo und der Rolle im eigenen Keller die 4-Minuten-Intervalle zu fahren, sei definitiv nicht dasselbe, gibt Rüegg zu Bedenken.
«Darum fehlte uns am Anfang auch das Gefühl für die Bahn.»
Der Rhythmus fehlt
Mit dem Gewinn von Bronze ist für den Strassen- und Bahnspezialisten ein schwieriges Sportjahr zumindest mit einem Erfolgserlebnis zu Ende gegangen. Rüegg sass extrem viel auf dem Velo, vor allem aber trainingshalber.
Die nationale Bahnsaison fiel abgesehen von der SM fast komplett aus. Weltcuprennen auf der Bahn finden diesen Winter keine statt (siehe Box unten).
Auf der Strasse kam der beim Contintental-Team Swiss Racing Academy unter Vertrag stehende Rüegg zudem nur auf zehn Rennen. Ein herausragendes Ergebnis gelang ihm dabei nicht.
Auch weil die Verteilung der Einsätze es ihm verunmöglichte, einen Rhythmus zu finden, wie er sagt. Er ist ein Fahrer, der sich üblicherweise mit den ersten Rennen in Form fährt.
«Wenn es mit Olympia nicht klappt, öffnet sich die Türe für die Strasse dafür schneller.»
Lukas Rüegg
«Das war heuer nicht möglich», bedauert er. «Es war schwierig, eine Empfehlung nach oben abzugeben.»
Genau das aber ist Rüeggs Plan. Bis spätestens in zwei Jahren will er den Schritt in eine höherklassiges Equipe – also zu einem Pro-Continental- oder World-Tour-Team – geschafft haben.
Die Auswahl ist gross
Es ist ein ehrgeiziges Ziel. Dafür muss er seine Kräfte bündeln. Zuletzt wurde es für den Madetswiler immer schwieriger, Bahn- und Strassenrennen unter einen Hut zu bringen. Den Spagat zwischen den Disziplinen will er darum nur noch ein weiteres halbes Jahr lang machen – bis Sommer 2021.
«Nach den Olympischen Spielen höre ich mit der Bahn auf», sagt er. Wie gross seine Chancen sind, in Tokio Teil des bereits für die Sommerspiele qualifizierten Bahnvierers zu sein, ist schwierig einzuschätzen. Die Auswahl an Kandidaten für die fünf Plätze ist gross.
Er dürfe sich nicht verkrampfen, spricht sich Rüegg selber Mut zu. In der Situation sieht er aber auch Positives. «Wenn es mit Olympia nicht klappt, öffnet sich die Türe für die Strasse dafür schneller.»
Alles neu im Bahnkalender
Der internationale Radsportverband (UCI) hat den Bahn-Kalender komplett umgebaut. Um das Profil zu schärfen, wie es heisst. So hat die UCI den aus sechs Wettbewerben bestehenden Weltcup gestrichen. Stattdessen gibt es nächstes Jahr den Nations Cup. Er besteht aus drei Stationen. Der Wettbewerb feiert Ende April 2021 seine Premiere in Wales (Newport). Mitte Mai folgen Wettkämpfe in Hongkong, Anfang Juni dann in Kolumbien (Cali).
Auf Ende 2021 führt man zugleich eine neue Rennserie ein – die Champions League. Sie ist an sechs aufeinanderfolgenenden Wochenenden im November und Dezember angesetzt. Dabei im Programm: Frauen- und Männerrennen in den Disziplinen Einzelsprint, Keirin, Ausscheidungsfahren und Scratch. Die WM findet derweil nicht mehr wie gewohnt im Februar, sondern neu im Herbst statt. 2021 hat sie die UCI nach Turkmenistan vergeben. (zo)
