Das Kraftpaket ist auf Kurs
Sie ist der Stolz der Wintersportnation Lettland – die Bob- und Rodelbahn von Sigulda. Schon den einen oder anderen WM-, EM- und Olympia-Medaillengewinner im Bob, Skeleton und Rodeln brachte der baltische Staat heraus. Dominik Schläpfer kannte den Eiskanal noch nicht.
Anfang Woche hat der Anschieber aus Wila dort die ersten Trainingsfahrten mit dem Zweierbob bestritten. Es ist eine spezielle Bahn – nur ein Kilometer lang, mit 16 engen Kurven bis zum Zielgelände. Gebaut wurde sie in den Achtziger Jahren noch in der UdSSR speziell für die Rodler. Es ist auch der Grund, weshalb in Sigulda nur Zweierbob-Rennen gefahren werden dürfen.
Aber: Viererbob-Weltcups werden bis Ende Jahr ohnehin wegen der Corona-Vorsichtsmassnahmen nicht durchgeführt. Dafür gleich je zwei Zweierbob-Rennen an diesem sowie am nächsten Wochenende in Sigulda.
So lohnt sich Schläpfers beschwerliche und vor allem lange Anreise mit dem Team von Pilot Simon Friedli – per Kleinbus über rund 1400 Kilometer. Die Flüge nach Riga waren aufgrund des Ausnahmezustands gestrichen worden. Rund 15 Stunden war die Crew deshalb vom Trainingsort Altenberg aus unterwegs – inklusive einer Übernachtung an der polnisch-litauischen Grenze. Von der Schweiz aus hätte die Fahrt nochmals einiges länger gedauert.
Olympiasieger als Förderer
Für Schläpfer sind es nicht die ersten Weltcup-Einsätze. Bereits im Januar kam er bei Cédric Follador zu einer Bewährungschance. Nur wenig später machte der Tösstaler als Anschieber des zurückgetretenen Beat Hefti Werbung in eigener Sache. Mit seinem Förderer und Olympiasieger von 2014 holte er sogleich SM-Gold im Zweierbob.
Es sind schon beachtliche Erfolge für Schläpfer.
«Die Auswahl an Anschiebern ist nicht so gross. Ich hatte mehrere Angebote.»
Dominik Schläpfer aus Wila
Erst im Juni 2018 war der Turner des TV Bauma mit dem Bobsport erstmals in Berührung gekommen. Schnell fand er Gefallen und setzte sich ohne festes Team bald die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2022 in Peking als Zielmarke. Dieser ist das Kraftpaket (1,80 m, 104 kg) bereits einen kleinen Schritt nähergekommen. Im April dieses Jahres verpflichtet ihn der Weltcup-erprobte Simon Friedli für seine Mannschaft. Schläpfer kennt seinen Wert. «Die Auswahl an Anschiebern ist nicht so gross. Ich hatte mehrere Angebote», sagt der 26-Jährige.
Dass er sich für Simon Friedli entschied, kommt wenig überraschend. Der Solothurner zählt in der einstigen Bobnation zur neuen aufstrebenden Generation an Schweizer Piloten.
Nach Jahren als Anschieber (WM-Bronze, Olympia-Vierter in Pyeongchang) bildete er ab 2018 als Pilot sein eigenes Zweierbob-Team. Der vorläufig grösste Erfolg gelingt ihm im Februar mit Platz 2 – ausgerechnet beim Weltcup in Sigulda, der gleichzeitig als Europameisterschaft gewertet wird.
Reichlich Konkurrenz in der Crew
Grund genug für ihn, mit Blick auf Olympia zu expandieren, also zusätzlich ein Viererbob-Team zusammenzustellen. Nebst seinem Stammanschieber Gregory Jones holte er sich neu Marco und Roger Leimgruber, Adrian Fässler sowie Dominik Schläpfer in die Crew.
In der Sommervorbereitung wird gemeinsam einmal pro Woche auf der Anschiebebahn in Emmen trainiert. Dazu kommen mehrere Trainingslager in Andermatt. Wegen des Olympia-Traums muss Schläpfers Studium zum Holzbauingenieur hintanstehen. Nicht zuletzt dank des reduzierten Pensums kann er gezielt fünfmal pro Woche Kraft- und Sprinteinheiten in einem Trainingszentrum in Winterthur bestreiten.
Und der Fahrplan stimmt: Bei Ausscheidungsrennen in Winterberg und Königssee schaffte es das Team Friedli im Gesamtklassement im Zweier- und Viererbob jeweils auf Platz zwei. Anschieber Schläpfer kam im grossen Schlitten zum Einsatz. Die Mannschaft qualifizierte sich dadurch mit der Crew von Michael Vogt für die erste Weltcup-Phase.
Teamkollege in Quarantäne
Bewähren kann sich der Tösstaler nun auch im Zweier. Mit Adrian Fässler ist nur ein zweiter Anschieber aus dem Team in Sigulda dabei, der zumindest am ersten Wochenende wegen Corona überhaupt nicht starten darf.
Nach einem positiven Test von Fässlers Zimmerkollegen musste sich der 28-Jährige am Montag in einem anderen Hotel in Quarantäne begeben. Fässler ist nicht der einzige Betroffene im Weltcup-Zirkus. Im Verlauf der Woche war es schon in einigen Nationen zu positiven Fällen gekommen.
Auch Friedli/Schläpfer haben erst nach einem weiteren Test am Freitag die Gewissheit, ob sie starten können. An Schläpfers Optimismus ändern die Umstände aber nichts. «Wir haben schnelles Material. Und Friedli hat die Bahn im Griff», sagt er.
