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Der ideale Zeitpunkt für den Höhepunkt

Nils Stump und Fabienne Kocher sind in Form. Dies wollen sie an der EM in Prag nutzen.

Vor Nils Stump (rechts) müssen sich die Gegner an der EM in Acht nehmen., Fabienne Kocher (links) packt den wichtigsten Wettkampf der Saison zuversichtlich an.

Foto: SJV/Paco Lozano

Der ideale Zeitpunkt für den Höhepunkt

Die Europameisterschaften in Prag sind der Höhepunkt. Und zugleich bereits wieder der letzte Wettkampf in diesem Jahr, nachdem die Saison erst Ende Oktober nach fast neunmonatiger Zwangspause wieder aufgenommen werden konnte.

Eigentlich hatte der internationale Verband darauf gehofft, nach der EM mit dem Grand Prix in Zagreb zumindest ein weiteres World-Tour-Turnier durchführen zu können. Vor wenigen Tagen aber musste er kapitulieren.

«Das ist schade», bedauert Nils Stump. Der Ustermer lässt sich die Enttäuschung nicht anmerken. «Dann absolvieren wir jetzt halt die EM und gehen danach zurück ins Training.»

«Es ist schon so, dass der Podestplatz das Ziel sein muss.»

Nils Stump

Stump hat allen Grund, gelassen zu sein. Stand jetzt wäre er in der Kategorie bis 73 kg für die Olympischen Spiele im nächsten Sommer qualifiziert. Und die am Donnerstag beginnende EM kommt für den 23-Jährigen zum richtigen Zeitpunkt.

Der beste Schweizer Judoka seiner Gewichtsklasse erfreut sich einer ausgezeichneten Form. Mindestens ebenso wichtig: Er hat zuletzt viel Selbstvertrauen getankt.

Wie Fabienne Kocher, seine Klubkollegin aus dem Judoclub Uster. Stump und die in der Kategorie bis 52 kg antretende Riedikerin brillierten kürzlich mit 2. Plätzen am Grand-Slam-Turnier in Budapest.

Für beide war es das Karriere-Bestresultat auf jener Stufe, die im Judo der Champions League entspricht.     

Stump hinterlässt Spuren

Entsprechend zuversichtlich bestiegen Kocher und Stump am Montag den Bus Richtung Prag. Sie teilen nicht nur den Optimismus. Die zwei Kämpfer des Schweizer Grand-Slam-Kaders haben sich für die kontinentalen Meisterschaften auch dasselbe vorgenommen.

Während Kocher sofort sagt, «eine EM-Medaille ist definitiv das Ziel», verwedelt Stump seinen Anspruch mithilfe einiger Allgemeinplätze zwar erst. «Voll parat sein» will er, «und ein gutes Turnier zeigen».

Schliesslich muss er ob seiner Taktik aber lachen. Und sagt: «Es ist schon so, dass der Podestplatz das Ziel sein muss.»

«Ich denke, sie werden diese Kämpfe in Erinnerung behalten.»

Nils Stump

Stumps Potenzial, aber auch seine Entwicklung, lassen keinen anderen Schluss zu. Jüngst bezwang er auf dem Weg in den Final von Budapest ein Trio aus den Top Ten der Weltrangliste.

Solche Siege sind nicht nur fürs Selbstvertrauen wichtig, sondern hinterlassen bei den Gegnern auch Spuren. «Ich denke, sie werden diese Kämpfe in Erinnerung behalten.»

An der EM gehört der Ustermer als Nummer 7 zu den acht Gesetzten seiner Kategorie. Das minimiert die Gefahr, in der in Prag am breitesten besetzten Gewichtsklasse gleich zum Auftakt auf einen Brocken zu treffen.

Kocher ist die Jägerin

Fabienne Kocher ist für den Wettkampf in der zuschauerlosen O2-Arena ebenfalls gesetzt. Die Konkurrenz aber ist gross. Die europäischen Topkämpferinnen ihrer Kategorie stehen bis auf zwei Ausnahmen geschlossen am Start.

Um in den Kampf um die Medaillen eingreifen zu können, müsse sie fokussiert sein und ihre taktische Linie durchziehen, sagt Kocher. «Ein wenig Losglück gehört ebenfalls dazu.»

Die an Nummer 8 geführte Riedikerin ist dank ihrem Exploit in Ungarn auf Platz 20 in der Weltrangliste hoch geklettert. Das hat ihre Olympia-Hoffnungen befeuert.

Um in Tokio dabei sein zu können, muss Kocher bei Abschluss der Qualifikationsphase Ende Juni 2021 im Olympia-Ranking zwei Bedingungen erfüllen: In den Top 18 liegen. Und die aktuell vor ihr auf Rang 10 klassierte Baselbieterin Evelyn Tschopp überholt haben, da es pro Nation nur ein einziges Ticket gibt.

«Ich muss liefern.»

Fabienne Kocher

340 Punkte machte Kocher (Rang 20) zuletzt gegenüber der zweifachen EM-Dritten Tschopp gut, jetzt bietet sich ihr die nächste Gelegenheit, ihr Konto aufzupeppen.

Die Rollen der zwei Schweizerinnen, die trotz der Konkurrenzsituation ein gutes Verhältnis untereinander haben, sind klar verteilt: Tschopp ist die Gejagte, Kocher die Jägerin.

«Ob das jetzt die bessere Ausgangslage ist, weiss ich nicht», sagt Kocher. «Aber ich muss liefern.»

«Es braucht einfach den einen Moment. Den muss man erwischen.»

Fabienne Kocher

Sie fühlt sich dafür gewappnet. Die jüngsten Erfolge gegen bessere klassierte Kämpferinnen haben ihr bestätigt, mit den Weltbesten mithalten zu können.

Auch die Finalgegnerin von Budapest, die französische Weltranglistenerste Amandine Buchard, liege nicht ausserhalb ihrer Reichweite, ist Kocher überzeugt.

«Eigentlich ist jeder schlagbar. Das ist das Schöne. Es braucht einfach den einen Moment. Den muss man erwischen.»

Kochers Finalkampf in Budapest gegen Amandine Buchard. (Quelle: Youtube)

Kocher und Stump sehen sich vor jedem Kampf Videosequenzen ihrer Gegner an. Wobei die Riedikerin findet, momentan müsse man nach dem Betrachten von älteren Turnieraufnahmen vorsichtig sein mit Rückschlüssen.

Der für Judo typische und auf diesem Niveau für Fortschritte nötige internationale Austausch in gemeinsamen Trainingslagern war lange Zeit nicht möglich. Und aufgrund eines einzigen Wettkampfs ein abschliessendes Fazit über Veränderungen bei der Konkurrenz zu ziehen, ist ebenfalls nicht möglich.

Kocher schliesst daraus: «In neun Monaten kann man sich technisch verändern. Es ist also besser, den Fokus aufs eigene Judo zu legen. Man weiss ja nicht, was auf einem zukommt.»

Der ungeliebte Begleiter

Die Ungewissheit ist seit Frühling in allen Bereichen ständiger Begleiter. Mehrfach mussten Wettkämpfe oder Trainingslager kurzfristig abgesagt werden. Auch die EM stand lange Zeit auf der Kippe.

Die im nationalen Leistungszentrum in Brugg trainierenden Kocher und Stump haben sich an den Zustand zwar gewöhnt. Sie finden das Auf und Ab mental dennoch anstrengend.

«Es war eine kurze Wettkampfsaison», sagt Stump, «aber sonst ein langes Jahr.»

Ein Topresultat an der EM in Prag würde die Beiden dafür entschädigen. Und wäre sicher hilfreich. Denn die kommenden Wochen bestehen wieder nur aus Training.

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