Wenn die Türe nur einen Spaltbreit offen ist
Siebter. Das ist besser als erwartet. Denn schon vorher war klar: Es wird schwierig. Weil Rhythmus und Härte fehlen.
Bei seinem erst dritten Renneinsatz innert sieben Monaten realisierte Patrick Schelling dann aber auch: Es würde nicht viel brauchen, um in Form zu kommen. Nützen tut ihm die Erkenntnis nichts – es folgen keine Rennen mehr.
«Die Geschichte mit der Sanktion war sicher nicht hilfreich. Das hatte auf meine Saison einen riesigen Einfluss.»
Patrick Schelling
«Jetzt ist halt fertig», sagt der in Rüti wohnende Profi nüchtern. Dabei war die Strassen-SM in Märwil nicht nur der Abschluss der Saison.
Sie könnte viel mehr sein – eine Zäsur in seinem bisher von Radsport dominierten Leben. Dem Kletterspezialisten, der sich nach mehreren Jahren bei einem drittklassigen Team auf die Saison 2020 hin auf die höchste Stufe zurückgekämpft hatte, droht das Karriereende.
Die Argumente fehlen
Die Türe für eine Verlängerung beim World-Tour-Team Israel Start-Up Nation ist zwar nicht zu. Aber halt auch nur noch einen Spalt breit offen.
Die Israeli haben aufgerüstet. Unter anderem verpflichteten sie den vierfachen Tour-de-France-Sieger Chris Froome. Bereits 26 Fahrer stehen bei ihnen offiziell unter Vertrag, deren 32 sind neuerdings maximal erlaubt.
Die Chance, auf höchster Stufe irgendwo anders Unterschlupf zu finden, schätzt Schelling als «nicht riesig» ein.
Der Markt ist hart umkämpft, die Plätze sind rar. Und sie könnten noch rarer werden. Der finanzielle Druck auf die Equipen hat wegen der Pandemie zugenommen.
Mehr als ein Viertel der 19 World-Tour-Rennställe kürzte die Löhne. Der früh im Jahr zu massiven Einsparungen gezwungene CCC-Rennstall wird aufgelöst, (wobei Circus-Wanty Gobert die World-Tour-Lizenz übernimmt), das südafrikanische Team NTT Pro Cycling steht nach dem Ausstieg des Hauptsponsor vor einer ungewissen Zukunft.
Wie Schelling. Auf seinem Arbeitspapier in diesem Jahr: Rund 28000 Kilometer im Training, lediglich deren 2500 in fünf internationalen Rennen.
Ihm fehlen darum die sportlichen Argumente. Er ist sich zudem bewusst: «Die Geschichte mit der Sanktion war sicher nicht hilfreich. Das hatte auf meine Saison einen riesigen Einfluss.»
«Dieser Fehler hätte nie passieren dürfen. Aber ich habe ihn gemacht. Dazu stehe ich.»
Patrick Schelling
Mitte Juli gerät Schellings Welt aus den Fugen. Just in dem Moment, als die seit Anfang März bestehende Rennpause bald einmal ein Ende finden könnte.
In einem Höhentrainingslager erhält der Rennfahrer vom internationalen Radsportverband den Bescheid, eine positive Dopingprobe abgeliefert zu haben.
«Damit konfrontiert zu werden, ist als Sportler der Worst Case. Ich bin mir zu jenem Zeitpunkt ja nicht bewusst gewesen, etwas falsch gemacht zu haben.»
Der doppelte Irrtum
Doch der Nebel lichtet sich rasch. Und Schelling sagt: «Dieser Fehler hätte nie passieren dürfen. Aber ich habe ihn gemacht. Dazu stehe ich.»
Eindrücke aus der Tour of Rwanda, die Schelling im Frühjahr bestritt. (Quelle: Youtube)
Dann erzählt er die Geschichte aus seiner Sicht. Am 24. Februar wird der Fahrer des Schweizer Nationalkaders getestet.
Zu diesem Zeitpunkt fährt er die Tour of Rwanda. Der Bergspezialist, der täglich einen erlaubten Asthmaspray verwendet, tut sich im ostafrikanischen Land mit der schlechten Luftqualität schwer.
Weil er am Tag der zweiten Etappe akute Atembeschwerden hat, greift er zusätzlich zu Bricanyl. Im irrtümlichen Glauben, das Mittel sei unbedenklich. Der Spray – vom langjährigen Lungenarzt des 30-Jährigen verschrieben – erhält allerdings die später festgestellte verbotene Substanz Terbutalin.
Schellings nachträglich eingereichtes Gesuch um eine Ausnahmegenehmigung wird abgelehnt, der Kletterspezialist danach rückwirkend vom 18. Mai an für vier Monate gesperrt.
«Diese Zeit möchte ich trotzdem nicht nochmals erleben.»
Patrick Schelling
Für «eine unabsichtliche Verletzung der Anti-Doping-Regeln», wie der internationale Radsportverband UCI schreibt. Sein Fall ähnelt stark jenem von Simon Yates, dem Vuelta-Sieger von 2018.
Der Brite wurde 2016 ebenfalls positiv auf Terbutalin getestet und für vier Monate gesperrt. Auch bei Yates ging die UCI nicht von Absicht aus.
Heftige Reaktionen bleiben aus
Das Wort «unabsichtlich» sei für ihn wichtig, sagt Schelling. Er spricht offen über die ganze Angelegenheit. Er habe schliesslich nichts zu verbergen, argumentiert der Rütner.
Zugleich weiss er: Nach den vielen Dopingfällen im Radsport in der Vergangenheit muss er damit klarkommen, als Sünder abgestempelt zu werden.
Heftige Reaktionen musste Schelling nach Bekanntwerden der positiven Probe nicht verarbeiten. Und sein Arbeitgeber liess ihn nicht fallen. «Diese Zeit möchte ich trotzdem nicht nochmals erleben.»
Lange kennt sowieso lediglich der Rennstall sowie sein engstes Umfeld den Sachverhalt. Erst am 8. September macht der internationale Radsportverband die Sanktion öffentlich, neun Tage vor Ablauf der Sperre.
Pandemiebedingt ist es im Prozess zu Verzögerungen gekommen – zu Ungunsten von Schelling. Dieser wäre von Israel Start-Up Nation als Helfer für den Giro d’Italia (ab 3. Oktober) gesetzt gewesen.
Doch die bis Mitte September laufende Strafe verhindert, dass er sich in Form fahren kann. «Ohne Vorbereitungsrennen kann man nicht an den Giro. Das leuchtet ein», sagt Schelling. Damit ist auch die Möglichkeit weg, auf sich aufmerksam machen zu können.
Keine Angst vor der Zukunft
Der 30-Jährige mag nicht über die Saison zum Vergessen hadern. Gerne aber würde er dafür nochmals zeigen, was in ihm steckt. Dass er bei einem drittklassigen Team unterschreibt, schliesst er aus.
Findet er bis Ende November auf den zwei höchsten Profistufen keinen Arbeitgeber, ist seine Zeit als Berufsfahrer vorbei. Von Zukunftsängsten ist bei Schelling allerdings nichts zu hören. Er ist überzeugt: «Kommt es so weit, tut sich ein anderer Weg auf.»
