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Hinschauen und die Probleme angehen

Gleich mehrere ehemalige Spitzenathletinnen des Schweizerischen Turnverbands erschüttern mit ihren Aussagen aus dem Trainingsalltag. Der Zürcher Kantonalverband und Vereine aus der Region fordern ein Umdenken.

Die Verfehlungen des Schweizerischen Turnverbands lassen auch die Vereine aus der Region nicht kalt., Die zurückgetretene Lynn Genhart wühlte mit erschütternden Aussagen aus dem Trainingsalltag auf., Auch die Ustermer Gymnastin Stephanie Kälin ging fünf Jahre nach ihrem Rücktritt an die Öffentlichkeit.

Foto: Archiv

Hinschauen und die Probleme angehen

Die Aussagen wühlen auf. «Magglingen kann von Glück reden, dass sich noch keine Turnerin das Leben genommen hat», sagt sogar eine Vereinstrainerin, die anonym bleiben möchte im «Magazin» vom letzten Samstag (siehe Box).

Mit dem Namen stehen hingegen acht zurückgetretene Athletinnen aus dem Kunstturnen und der Rhythmischen Gymnastik hin. Sie erzählen aus ihrem Alltag im Leistungszentrum des Schweizerischen Turnverbands (STV) in Magglingen. Darunter sind auch die Wangemer Kunstturnerin Lynn Genhart und die Ustermer Gymnastin Stephanie Kälin . Von Angst, Depressionen, Ess- und Belastungsstörungen ist die Rede.

Doch was lösen diese Schilderungen der ehemaligen Spitzenathletinnen an der Basis aus? «Wir sind erschüttert über das Ausmass. Gerade auch, weil der ZTV einige Turnerinnen und Turner in Magglingen stellt», sagt Reto Huber, Chef Spitzensport beim in Volketswil beheimateten Zürcher Turnverband. Es wurde deshalb Rücksprache mit ihnen genommen. «Sie sind wohlauf», betont Huber.

Rücksprache genommen

Auf allfällig aufgekommene Bedenken hat der Kantonalturnverband sofort reagiert. Mit E-Mails an die Eltern, alle Vereinspräsidenten, Informationen auf der Website – und natürlich persönlichen Gesprächen. Man pflege einen engen Austausch mit den Athletinnen, Eltern sowie Trainerinnen und Trainern, betont Huber weiter.

Dazu passt, dass sich der ZTV bereits seit 2013 eine Athletinnenbetreuerin leistet. Sie engagiert sich hauptberuflich um ein optimales Umfeld im Spannungsfeld zwischen Familie, Sport und Schule und ist damit die erste Ansprechperson für die jungen Turnerinnen.

«Die pädagogischen Fähigkeiten der Trainer sind zentral.»
Reto Huber, Chef Spitzensport ZTV

Und: Seit diesem Jahr wurde die Stelle des Geschäftsführers und die Stelle des Chef Spitzensport auf zwei vollamtliche Personen verteilt und somit um 100 Prozent aufgestockt. Dem auf Anfang Mai eingestellten Reto Huber obliegt dabei die operative Führung der verschiedenen regionalen Leistungszentren (RLZ) und kann so für nochmals optimiertere Rahmenbedingungen sorgen.

Die Betreuung der jungen Athletinnen durch den Kantonalverband beginnt aber sowieso weit vor dem möglichen Eintritt ins RLZ. Mit Elternabenden, Besuchen im Vereinstraining und Schnupperbesuchen in der neuen Umgebung.

In Ausbildung investieren

Im Zentrum der Angstkultur von Magglingen stehen die Methoden der Elite-Trainerinnen und -Trainer im Kunstturnen und in der Rhythmischen Gymnastik. Beim ZTV ist die Gesundheit die erste Priorität vor der Ausbildung. Der sportliche Erfolg kommt erst an dritter Stelle. «Die pädagogischen Fähigkeiten der Trainerinnen und Trainer sind ebenso zentral. Daneben achten wir auf die Teamzusammenstellung», sagt Huber zu den Kriterien bei der Wahl der passenden Trainer im ZTV.

Die Aus- und Weiterbildung der Trainer ist auch für Patricia Huber-Fischer vom Sportclub Satus Uster etwas vom Wichtigsten überhaupt. Sie amtet nicht nur als Vizepräsidentin im Verein, sondern bildet als Expertin für Jugend und Sport künftige Trainer aus. «Wir müssen sie besser vorbereiten und damit insgesamt mehr investieren», ist für Huber-Fischer klar.

«Es ist wichtig, nicht lange zu warten, wenn ein ungutes Gefühl besteht.»
Patricia Huber-Fischer, Vizepräsidentin Satus Uster

Im Zusammenhang mit den Verfehlungen des Schweizerischen Turnverbands zieren sich einige Vertreterinnen aus der Region um eine Aussage. Auch Huber-Fischer wägt ihre Worte genau ab. Offen und auf Augenhöhe kommunizieren ist für die Ustermerin der Schlüssel. «Hinschauen und die Probleme auch angehen. Es ist wichtig, nicht lange zu warten, wenn ein ungutes Gefühl besteht», sagt sie.

Im Satus Uster selbst pflegt man ein offenes Verhältnis untereinander. «Wir tauschen uns oft aus und geben uns so Feedback», sagt Huber-Fischer. Es sei allerdings auch nicht vergleichbar. «Wir haben ja keinen Druck und keine Vorschriften.» Für den Spitzensport hofft sie, dass der STV die Chance ergreift, um Veränderungen zuzulassen. «Die Gesellschaft hat sich gewandelt. Und auch die Art und Weise des Trainings», sagt Huber-Fischer.

Ein ständiger Spagat

Unmittelbare Reaktionen hat Huber-Fischer in den letzten Tagen von Eltern keine erhalten. Allerdings gebe es aufgrund der Corona-Situation auch derzeit kaum persönlichen Kontakt.

«Es beschäftigt einen. Ich habe ja selbst zwei Kinder im Turnsport.»
Jörg Müller, Präsident Turnsportriege Rüti

Bestätigung bekommt sie von Jörg Müller. «Mir wurden keine möglichen Ängste oder Bedenken zugetragen», sagt der Präsident der Turnsportriege im TV Rüti. Spurlos sind die Aussagen der Athletinnen an ihm aber nicht vorbeigezogen. «Es beschäftigt einen. Ich habe ja selbst zwei Kinder im Turnsport.»

Turnsport Rüti bietet Kunstturnen und Trampolinspringen seinen Mitgliedern als Leistungssport und leistet damit die Grundausbildung für das RLZ. Für Müller ist der Trainingsalltag ein ständiger Spagat zwischen Leistung und Erwartungshaltung in den einzelnen Riegen sowie bei den Eltern.

Umso wichtiger ist auch in Rüti eine offene Kommunikation. Bei Diskrepanzen steht das Wohl der Athleten im Vordergrund und es werden umgehende Lösungen innerhalb Trainingsgruppen und Trainerstaff gesucht.

Sorgen, dass die jüngsten Schlagzeilen rund um Trainingsmethodik und Umgang auf Elite-Stufe einen negativen Einfluss auf den Turnsport in Rüti hat, glaubt Müller indes nicht. «Wir überzeugen mit guter Arbeit und haben zurzeit im Frauen Kunstturnen auch keine Nachwuchsprobleme», sagt er.

Genhart, Kälin & Co. lösen interne Untersuchung aus
Die Vorwürfe sind happig. In einem im «Magazin» veröffentlichten Artikel, in dem acht ehemalige Athletinnen des Schweizerischen Turnverbands (STV) zu Wort kommen, prangert unter anderen die Wangemer Kunstturnerin Lynn Genhart die Trainings- und Umgangsmethoden im nationalen Sportzentrum in Magglingen an. Sie war im September 2019 aus dem Nationalkader zurückgetreten. Im Zentrum der Kritik steht Frauen-Nationaltrainer Fabien Martin, dessen Vertrag vom STV jüngst bis 2024 verlängert wurde. Von einer eigentlichen Angstkultur ist dabei die Rede. «Fabien hatte verschiedene Strategien, uns fertigzumachen», lässt sich Genhart zitieren. Eine davon seien Kommentare zum Essverhalten und zum Körpergewicht gewesen. Die Wangemerin ging bei Fragen von Eltern deshalb sogar noch weiter. «Wenn Ihr Eure Tochter so möchtet, wie sie ist, wenn Ihr sie glücklich möchtet – dann schickt Sie nicht.»

Zu Wort kommen neben Ariella Kaeslin, der Europameisterin von 2009, auch fünf ehemalige Gymnastinnen. Zu ihnen zählt die Ustermerin Stephanie Kälin, die erschütternde Aussagen zum psychischen Druck und zu ihrer Ernährung machte. «Ich ass jeden Tag genau dasselbe. Zum Zmorge nahm ich ein halbes Brötli und eine kalte Schoggi. Zum Zmittag Salat oder Schöggeli. Und zum Znacht ein halbes Joghurt. Auch trank ich extrem wenig. Sogar im Hochsommer trug ich zwei Pullis, um Gewicht rauszuschwitzen. Als meinen Gasteltern auffiel, wie wenig ich ass, riefen sie meine Eltern an. Das war lieb gemeint, aber ich hatte sofort Angst, man nimmt mich jetzt aus dem Team. Ich fing an, Brösmeli in den Teller zu legen, damit es so aussah, als hätte ich ein Brot gegessen.» Am Ende war für Kälin klar: «Ich musste aus Magglingen weg, um zu merken, dass das, was da geschieht, nicht normal ist.»

Bereits im Juni hatten sich einige Gymnastinnen an die Öffentlichkeit gewandt und von Verfehlungen, physischen und verbalen Übergriffen berichtet. Beim STV wird aufgrund der neuesten Entwicklung die eigentlich auf Anfang Januar offiziell ins Leben gerufene Ethikkommission vorzeitig aktiv. Das unabhängige Gremium soll nun die Vorwürfe gegen Fabien Martin, den Cheftrainer der Kunstturnerinnen, überprüfen. Diese Woche wurde ausserdem der Vertrag mit Felix Stingelin, dem Chef Spitzensport, bereits vorzeitig aufgelöst. Per sofort und im gegenseitigen Einvernehmen. Und Erwin Grossenbacher, Zentralpräsident beim STV, wendete sich am Freitag mit einem «offenen Brief» an seine Mitglieder und gelobt Besserung. «Wir haben verstanden! Wir müssen handeln», bekräftigt er. (zo)

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