Wenn das Resultat zur Nebensache wird
Sie ist eine der meistbesuchten Inseln der Azoren. Man sagt, nach Faial kommen die Reisenden vorwiegend, um die «lebendige Atmosphäre» in der Hauptstadt Horta zu geniessen, Wassersport zu treiben oder zur Walbeobachtung.
Stephan Wenk kann nicht von solchen Freizeitaktivitäten berichten. Der Bertschiker ist allerdings auch nicht als Tourist vor Ort gewesen, sondern aus sportlichen Gründen – wie über 100 andere Läuferinnen und Läufer.
«Die Azoren standen seit 20 Jahren auf meiner Liste.Es hat sich mega gelohnt.»
Stephan Wenk
Die fünftgrösste Insel der Gruppe im Atlantik ist durch die Golden-Trail-WM zuletzt einige Tage in den Fokus der Laufsportwelt gerückt. Das bestmögliche Resultat, das sich Wenk vorgenommen hatte, kann er nach seiner Rückkehr in die Schweiz zwar nicht vorweisen.
Der Oberländer hat die letzte der vier Etappen gar sausen lassen müssen. Deshalb taucht er in der Gesamtwertung nicht auf. Dennoch fällt seine Bilanz positiv aus – auch weil mit der Reise auf den zu Portugal gehörenden Archipel ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen ist.
«Die Azoren standen seit 20 Jahren auf meiner Liste», sagt Wenk. «Es hat sich mega gelohnt.»
Der Auftakt ist solid
Die Golden-Trail-WM ist der Höhepunkt einer für alle – ob Athleten oder Veranstalter – schwierigen Saison. In der Schweiz mussten zahlreiche Rennen abgesagt werden, sodass Wenks Programm kleiner ausfiel als erhofft.
Auch von den sechs Weltcups fanden lediglich deren zwei statt, je einer in den USA und Europa. Der Berglaufklassiker Sierre–Zinal allerdings in einer speziellen Form. Rund 30 Topläufer durften das Rennen gemeinsam bestreiten, alle anderen Teilnehmenden mussten es für sich alleine absolvieren.
Im Wallis erkämpfte sich Wenk im September mit einem starken Auftritt denn auch das Ticket für die WM.
An dieser läuft für ihn vorerst alles nach Plan. Nachdem es im Prolog vom Mittwoch lediglich um die Startposition gegangen ist und er entsprechend kräfteschonend antritt, gelingt Wenk auf der ersten Etappe über 25 km mit rund 1100 Höhenmetern eine solide Leistung.
Der nächste Woche 38 Jahre alt werdende Athlet beendet das über einen Krater führende, anspruchsvolle Teilstück mit teils starken Regenfällen, Wind und Nebel an 18. Stelle.
Er habe gar nicht erst versucht, weiter nach vorne zu laufen, sagt Wenk. «Bis in die Top 10 hätte es sowieso nicht gereicht.»
Seine Einschätzung fusst auf mehreren Gründen. Sie hat mit dem abwechslungsreichen Gelände inklusive schlammigen Trails und sehr technischen Teilen zu tun, in denen er seine Stärken nicht ausspielen kann.
Aber auch mit dem ungewohnten Format, bestreitet er sonst doch Eintages-Rennen. Sowie mit dem hohen Niveau der Konkurrenz. Ganz wenige bekannte Namen der Szene fehlen.
Kommt hinzu: Die letztlich den Titel unter sich ausmachenden Athleten sind grösstenteils Profisportler. Anders Wenk, er arbeitet als Osteopath. Der Bertschiker weiss, die Top Ten der Gesamtwertung wären für ihn auf den Azoren auch im Normalfall wohl unerreichbar gewesen.
Die besten Szenen der Trail-WM auf den Azoren. (Quelle: Youtube)
Gedanken darüber muss sich Wenk sowieso keine mehr machen. Auf der zweiten Etappe, die durch steiles und matschiges Terrain führt, stürzt er. Der frühere Duathlet zieht sich eine Wunde oberhalb des rechten Knies zu, die er nähen lassen muss.
«Das ist halt Teil des Sports», macht er kein grosses Aufheben. Trotz dem Sturz läuft er auf den 22. Rang.
Und hofft, seine Stärken auf der folgende Etappe ausspielen zu können. Die ist auf der Nachbarinsel Pico geplant, die vom gleichnamigen, 2351 m hohen Berg dominiert ist. Doch die Veranstalter entscheiden sich um.
Offiziell wegen dem schlechten Wetter. Es geht aber auch das Gerücht um, man habe auf Pico kein Corona-Risiko eingehen wollen und nicht über 100 Athletinnen und Athletinnen aus 32 verschiedenen Ländern auf der Insel haben wollen. Obwohl diese alle negativ getestet worden waren.
Auch die dritte Etappe findet also auf Faial statt. Wenk ist durch die Verletzung beeinträchtigt, wird 43. und beschliesst danach, zur Schlussetappe nicht mehr anzutreten.
Am letzten Wettkampftag steht er dafür an der Strecke, schiesst ein paar Fotos und feuert seine vormalige Konkurrenz an. Aussergewöhnlich? Eigentlich nicht.
«Das Fairplay ist meistens sehr gross. Das zeichnet die Szene aus.»
Stephan Wenk
Man kennt und schätzt sich. Wenk spricht von einem Gemeinschaftsgefühl. Das zeigt eine Szene aus der zweiten Etappe. In dieser stürmen die Spitzenläufer Elhousine Elazzaoui und Stian Angermund Richtung Ziel, als Angermund ausrutscht und stürzt.
Elazzaoui nützt dessen Missgeschick nicht etwa aus, sondern zieht ihn hoch. Danach laufen sie weiter. «Das Fairplay ist meistens sehr gross», sagt Wenk. «Das zeichnet die Szene aus.»
Dabei geht es auf den Azoren nicht nur um Ruhm und Ehre. 100 000 Euro Preisgeld werden ausgeschüttet. Die 6500 Euro für den Gesamtsieg streichen Bart Przedwojewski (POL) sowie die Westschweizerin Maude Mathys ein.
Wenk hingegen mag den Zahltag verpasst haben, belohnt wird er dennoch. Er hat einen seiner Sehnsuchtsorte genau so erlebt, wie er ihn sich vorgestellt hatte.
