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Wenn die Profis am Kinderstart sitzen

Es ist eine Anerkennung, «Versuchskaninchen» zu sein: Natalie Maag ist eine von nur zwei Einzel-Rodlerinnen mit einer speziellen Mission.

Neuland für Natalie Maag: Die Oberländer Rodlerin steht vor interessanten Tagen in China.

Archivfoto: Christian Merz

Wenn die Profis am Kinderstart sitzen

Es dürfte in jedem Fall ein unvergessliches Erlebnis werden. Gemixt aus ganz verschiedenen Zutaten. Dem Stolz, zu den wenigen Auserwählten zu gehören. Dem Respekt vor der anspruchsvollen Aufgabe, alles genau dokumentieren zu müssen. Aber auch der Anspannung bei den zahlreichen Fahrten.

Am Freitag ist Nathalie Maag nach China abgeflogen. Hat sich ins Abenteuer aufgemacht, zu dem sie nur der besonderen Umständen wegen kommt. Die Wernetshauserin sagt: «Mir bringt die Pandemie mehr Positives als ­Negatives.»

«Niemand kann dir sagen, wie man sie fährt.»

Natalie Maag

Eigentlich hätte der für die Olympischen Winterspiele 2022 neu gebaute Eiskanal nordöstlich von Peking schon letzten März auf seine Tauglichkeit geprüft werden sollen. Von je zehn Frauen und Männer im Einer sowie gleich vielen Doppel-Sitzern.

Der Testevent in Yanqing aber musste gestrichen werden. Jetzt wird er nächste Woche in abgespeckter Version durchgeführt.

Je zwei Männer und Frauen im Einzel und Doppel sind dabei, wobei man nur Athletinnen und Athleten aus dem Schengen-­Raum berücksichtigt hat. 

Alle Würfel fallen richtig

Aus 16 Kurven besteht die 1475 Meter lange Olympia-Bahn, die die kleine europäische Rodel-­Gruppe nun einweiht. Das besondere für Maag und Co.: «Niemand kann dir sagen, wie man sie fährt.»

Natürlich ist ein Bahnplan vorhanden. Mit dessen Hilfe wird sich Maag den Ablauf der Kurven einprägen können, bevor sich die Profisportlerin dann an die Begehung der Bahn macht. Danach werden sich die Rodlerinnen und Rodler langsam an den Eiskanal herantasten – vom Kinderstart aus beginnend, vermutet Maag, um die Geschwindigkeit noch tief halten zu können.

Schritt für Schritt wird die Testgruppe danach nach oben rutschen, insgesamt vier Fahr­tage sind letztlich vorgesehen.

Maag freut sich auf die reizvolle Aufgabe. Und sagt: «Es ist eine grosse Ehre, dafür ausgewählt worden zu sein.»

Um es in den erlesenen Zirkel zu schaffen, mussten einige Würfel mehr zugunsten Maags fallen, als nur jener, aus dem Schengen-Raum zu stammen. Es ist beispielsweise ihr Glück, dass Deutschland beide Plätze bei den Frauen stellen darf.

Erst dadurch ist die dem deutschen A-Kader und Stützpunkt in Oberhof angegliederte Oberländerin überhaupt in die engere Auswahl gekommen, um neben Gesamtweltcup-Siegerin Julia Taubitz als «Versuchskaninchen» hinzuhalten. 

China ist zu schwach

Werden sonst für solche Test­events Sportlerinnen und Sportler aus dem ganzen Leistungsspektrum hinzugezogen, wollte man für einmal nur fahrerisch starke Rodlerinnen dabei haben. Allein dieser Umstand sorgte dafür, dass niemand von Olympia-Ausrichter China infrage kam.

Die beste chinesische Frau schaffte es letzte Saison kein ­einziges Mal, sich für ein Weltcup-Rennen zu qualifizieren. Das mag mitunter auch noch an der fehlenden Erfahrung liegen, ist Peixuan Wang doch 20 Jahre alt.

«Ich fahre einfach. Mein Ziel ist immer, zwei solide Läufe zu zeigen.»

Natalie Maag

Maag wird im November erst 23. Sie feierte ihre Weltcup-­Premiere allerdings bereits vor fünf Jahren. 

Seither arbeitete sich die einzige Schweizer Rodlerin kon­tinuierlich nach vorne. Letzte ­Saison beendete sie im Gesamtweltcup als Elfte nur knapp ausserhalb der Top Ten. 

Bewusst schwammig

Maag spricht gleichwohl nicht davon, in der im November beginnenden Saison unbedingt den Sprung unter die besten zehn schaffen zu wollen. «Ich fahre einfach. Mein Ziel ist immer, zwei solide Läufe zu zeigen.»

Die wenig konkrete Formulierung hat nicht etwa mit fehlendem Ehrgeiz zu tun, sondern mit der Ausrichtung ihrer Arbeit. Diese ist konsequent auf den übernächsten Winter mit den Olympischen Spielen ausgerichtet.

Es sei nicht immer ganz einfach, so zu denken, gibt Maag zu. «Aber jetzt kommt eine Zwischensaison.» 

Die zwei traditionellen Rennen in Lake Placid (USA) und Whistler (CAN) sind gestrichen worden. Das Programm umfasst dennoch wie im Vorjahr neun Rennen.

Den Abschluss bildet der Wettkampf im chinesischen Yanqing im Februar 2021. Zusammen mit Julia Taubitz wird Maag dann einen Vorteil haben.

Sie müssen ihre Eindrücke aus den Testtagen zwar schriftlich festhalten. Das eine oder andere Detail dürften sie der Konkurrenz verständlicherweise aber verschweigen.

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