Bis nur noch einer übrig bleibt
Erstaunlich frisch sieht Karel Sabbe aus. Dabei hat der Belgier innerhalb von 75 Stunden über 500 km zu Fuss zurückgelegt. Auf immer derselben Runde.
Jetzt wartet der 30-jährige Ultraläufer geduldig auf Landsmann Merijn Geerts. Sein letzter verbliebener Konkurrent ist von den Strapazen gezeichnet. Er trifft zu spät ein, um die nächste Runde – es wäre Nummer 76 – rechtzeitig in Angriff nehmen zu können.
Damit bleibt lediglich Sabbe übrig. «That’s it», sagt er zufrieden. Ein weiteres Mal dürfte er laut Reglement zwar die Strecke noch absolvieren, doch Sabbe verzichtet darauf. Gewonnen hat er sowieso. Und mit 75 Runden an der Backyard-Ultra-WM auch einen Rekord aufgestellt.
«In ein oder zwei Wochen könnte ich zum nächsten Wettkampf antreten.»
Michael Kaufmann
Nicht wie die Jahre zuvor in Tennessee wird die WM heuer ausgetragen. Stattdessen beginnt sie Pandemie-bedingt am Samstagnachmittag zeitgleich in 21 Ländern, in denen jeweils maximal 15 Läuferinnen und Läufer starten können.
Bis Karel Sabbe als Sieger feststeht aber dauert es. Erst am späteren Dienstagnachmittag ist der Wettkampf zu Ende.
Zu diesem Zeitpunkt ist Michael Kaufmann nach seinem Einsatz längst zurück im Alltag. Mit einem Schlafmanko wegen der durchgelaufenen Nacht. Aber ohne Muskelkater und bereits wieder in so guter Verfassung, dass der erfahrene Oberdürntner Ultraläufer sagt: «In ein oder zwei Wochen könnte ich zum nächsten Wettkampf antreten.»
120 Kilometer hat Kaufmann bei seiner Backyard-Ultra-Premiere geschafft. Die Regeln solcher Rennen sind im Prinzip simpel. Zu jeder vollen Stunde müssen die Teilnehmenden dieselbe 6,706 Kilometer lange Strecke von Neuem laufen. Wer am längsten durchhält, gewinnt.
18 Runden schafft Kaufmann auf der Strecke in Witikon, die rund 100 Höhenmeter aufweist. Und realisiert dabei: «Ich habe unterschätzt, wie wenig Zeit man hat, bis man wieder am Start sein muss. Hat man ein Problem, lässt sich das nicht beheben.»
«Ich hatte Schiss, etwas kaputtzumachen.»
Michael Kaufmann
Genau das passiert Kaufmann am Sonntagvormittag. Wegen einer Oberschenkelverletzung muss er das Handtuch werfen. Die letzte Runde kann der Oberländer, der seit 2006 Ultraläufe absolviert, nur noch humpelnd zurücklegen.
So macht das Ganze keinen Sinn mehr. Er sagt: «Ich hatte Schiss, etwas kaputtzumachen.»
Der Appetit ist geweckt
Gerne wäre Kaufmann länger im Wettkampf verblieben. Und hätte mitgeholfen, das Schweizer Team, das mit 373 Runden auf Rang 14 abschliesst, weiter nach vorne zu bringen.
«24 Stunden wäre eine schöne Zahl gewesen. Das wäre auch für das Team eine gute Basis gewesen.»
Mit einer konkreten Stundenzahl im Kopf ist Kaufmann dennoch nicht angetreten. Weil er überzeugt ist: Hat man sein Ziel erreicht, ist es mental schwierig, die Spannung aufrechtzuhalten und Grenzen zu verschieben.
«Die Einstellung muss sein, immer noch eine Runde mehr absolvieren zu wollen.»
Kaufmanns Appetit auf weitere Backyard Ultras ist in jedem Fall geweckt. Dem erst wenige Wochen vor dem Wettkampf ins WM-Team gerutschten Oberdürntner gefällt, dass die Taktik eine wichtige Rolle spielt.
Und grundsätzlich gilt: «Man muss nicht der schnellste Läufer sein, um zu gewinnen.»
