Die Beine dafür hat sie
Ihre bisherige Bilanz? Überaus positiv. Und das in diesem schwierigen Jahr, in dem sich Negativmeldungen, Verschiebungen und Absagen jagen.
Vier weitere Meistertitel hat Fabienne Schlumpf ihrer beeindruckenden Sammlung von nationalen Titeln hinzugefügt. Über 1500, 5000 und 10000 m sowie Ende September über 10 km auf der Strasse.
«Es ging immer aufwärts. Diese Entwicklung zu sehen, ist cool.»
Fabienne Schlumpf
«Mega zufrieden» ist sie mit dieser Ausbeute. Die Erfolge haben die Wetzikerin motiviert.
Und haben ihre Erinnerungen an das wegen Verletzungen schwierige Jahr 2019 noch weiter verblassen lassen.
Seit Februar ist die 29-Jährige im Lauftraining schmerzfrei. «Ich hatte nie einen Rückschlag», freut sie sich.
Die Erleichterung darüber ist gross. Schlumpf ist wieder im Flow. Sie hat zu alter Stärke und Leichtigkeit zurückgefunden. «Es ging immer aufwärts. Diese Entwicklung zu sehen, ist cool.»
Entsprechend zuversichtlich ist Schlumpf am Donnerstag nach Gdynia gereist. In der Stadt an der polnischen Ostseeküste steht am Samstag mit der Halbmarathon-WM der einzige internationale Leichtathletik-Grossanlass der Saison an.
Premiere in Sevilla geplant
Vor zwei Jahren war Schlumpf schon einmal an einer Halbmarathon-WM gestartet. In Valencia klassierte sie sich in 1:10:36 Stunden auf Platz 16 – nie zuvor war eine Schweizerin über 21,095 km an einer WM so gut klassiert gewesen.
Schlumpf stellte mit ihrer Zeit zugleich einen Schweizer Rekord in einem reinen Frauenrennen auf. Trotz Magenproblemen notabene. Und damals war die Oberländerin auch noch Steeple-Spezialistin.
Dieses Kapitel hat sie nach dem Gewinn von EM-Silber beendet. Jetzt setzt Schlumpf auf die Langstrecke, will 2021 in Tokio im Olympia-Marathon antreten.
Auf ihrer Traumdistanz ist sie allerdings ohne Erfahrung, da die Premiere über die 42,195 km noch aussteht. Am zweiten Februarwochenende 2021 könnte sie erfolgen.
«Die langen Trainingsläufe aber sind halt noch etwas länger geworden.»
Fabienne Schlumpf
Das hoffen Schlumpf und Trainer Michael Rüegg zumindest, die dafür den Marathon in Sevilla auf dem Radar haben. «Er ist nicht riesig, die Strecke ist schnell und das Datum passt in meinen Aufbau», sagt Schlumpf zur Wahl.
Seit der mutigen Neuausrichtung hat sich ihr Training nicht grundlegend geändert, weil die vielseitige Läuferin schon vorher grosse Umfänge stemmte. «Die langen Trainingsläufe aber sind halt noch etwas länger geworden. Auch schneller oder mit schnellen Abschnitten dazwischen.»
Und ihre Arbeit in den vier Höhenblöcken im Engadin ist heuer – anders als beim letzten Mal – spezifisch auf die Halbmarathon-WM hin ausgerichtet gewesen.
Das verändert die Ausgangslage. Für Schlumpf ist die WM nicht nur der Saisonhöhepunkt, sondern mit einem Blick in die Zukunft auch ein aussagekräftiger Leistungstest.
Ein konkretes Rangziel hat sie sich dafür nicht vorgenommen. Auch weil dies bei der Grösse des Feldes von 126 Läuferinnen, von denen sie zahlreiche nicht kennt, keinen Sinn macht.
Der kurze Blich auf die Startliste
Mit der Startliste hat sich Schlumpf jedenfalls nicht lange aufgehalten. «Ich habe sie einmal kurz durchgesehen.»
Die Strecke, auf der vier Runden absolviert werden müssen, kennt sie nur auf dem Papier. Sie gilt als anspruchsvoll, enthält Steigungen, mehrere starke Kurven und führt teilweise am Meer entlang.
Das macht sie windanfällig. Schlumpf sagt: «Wie die Verhältnisse wirklich sind, werden wir erst vor Ort sehen.»
«Ich traue mir einen Schweizer Rekord zu.»
Fabienne Schlumpf
Klar ist: Das von der äthiopischen Weltrekordhalterin Ababael Yeshaneh angeführte Feld in Gdynia ist stark besetzt. Und Schlumpf in Topform. Das weckt Begehrlichkeiten.
«Ich traue mir einen Schweizer Rekord zu», sagt sie darum. Um die Solothurnerin Martina Strähl in der nationalen Bestenliste ablösen zu können, müsste Schlumpf unter 1:09:29 Stunden bleiben.
Die Wetzikerin peilt indes eine deutlich bessere Zeit an. Weil sie weiss: Sie hat die Qualität, an einem guten Tag eine Zeit von 1:08 Stunden hinzulegen. Oder wie Schlumpf sagt: «Die Beine dafür hätte ich.»
LCU-Läufer Abraham scheint in Form
Neben Fabienne Schlumpf sind mit Julien Wanders und Marathon-Rekordhalter Tadesse Abraham an der Halbmarathon-WM in Gdynia zwei Schweizer Männer am Start. Weil die Rennen in seiner Spezialdisziplin fast alle abgesagt wurden, fokussierte Abraham auf den Halbmarathon. Der Athlet des LC Uster scheint in Form, in 28:30 Minuten wurde der 38-Jährige vor zwei Wochen Meister über 10 km auf der Strasse – und verpasste seine Bestzeit von 2013 nur um wenige Sekunden. (mos)
