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«Okay, aber mit was verdienst du das Geld?»

Aus der beschaulichen heimischen Premium League nach Deutschland. Die Wetzikerin Kerstin Kündig hat als Profi beim Spitzenklub Thüringer HC schnell Fuss gefasst – und bereits eine tragende Rolle inne.

Die Wetzikerin Kerstin Kündig erreichte mit dem Thüringer HC im Spitzenduell gegen Bietigheim ein 29:29-Remis.

Foto: Marco Wolf

«Okay, aber mit was verdienst du das Geld?»

Viel Zeit zum Ausruhen gibt es nicht. Erst am Mittwoch war Kerstin Kündig mit dem Thüringer HC beim 36:28-Erfolg gegen HSG Blomberg-Lippe im Bundesliga-­Einsatz. Sieben Tore steuerte die Rückraumspielerin aus Wetzikon zum Heimsieg bei, und war damit die zweitbeste Skorerin überhaupt.

Ein Extralob gab es da gleich von Trainer Herbert Müller, der sie als «spielintelligente Regisseurin» herausstrich. Am Samstag ging für Kündig gleich mit dem Europacup-Hinspiel beim österreichischen Spitzenklub Atzgersdorf aus Wien weiter. 

Vor allem zeigt auch der jüngste Auftritt: Die Oberländerin hat sich in der neuen Umgebung bestens eingelebt. Mit dem Thüringer HC steht sie nicht nur nach fünf Runden an der Tabellenspitze (vier Siege, ein Remis). Kündig hat auch gleich viele Einsatzminuten erhalten und erzielte 3,4 Tore im Schnitt pro Spiel. Es ist nicht selbstverständlich – auch als beste Schweizer Handballerin, zu der sie letzte Saison gewählt worden war. 

Die nötige Anerkennung 

In eine ganz andere Handball-­Welt ist Kündig nach sechs Jahren beim Rekordmeister Brühl SG eingetaucht. Aus der Studentin ist ein Profi geworden. Fast täglich wird zweimal trainiert. Die Unterschiede sind frappant – im Training und Match. «Die Spielerinnen sind grösser und kräftiger», sagt sie. Sie hat gerade die ersten Wochen als «aufregend-spannend» erlebt. Ob ihr altes Team in der Bundesliga zumindest mithalten könnte, stellt die 27-Jährige infrage. «Eine gute Startsechs reicht hier nicht für 60 Minuten», sagt sie.

Kündig schätzt gerade die ganz andere Anerkennung als Spitzensportlerin im Vergleich zur Schweiz. «Okay, aber mit was verdienst du das Geld?», bekam sie oft zu Hause als Gegenfrage. In Erfurt ticken die Uhren anders – sämtliche Spielerinnen leben vom Handball. Kündig wurde eine Wohnung vom Verein zur Verfügung gestellt. Der Grossteil des Teams kommt nicht aus der Umgebung. «Wir unternehmen viel zusammen», sagt Kündig. Heimweh sei bei ihr noch nie aufgekommen. Sie fühlt sich auch neben der Halle wohl.

«Man ist schnell ersetzbar.»
Kerstin Kündig, Handballerin aus Wetzikon

Diese wurde übrigens gerade renoviert und erweitert. Inskünftig werden dort 2000 Zuschauer Platz haben, wenn sich die Corona-Lage normalisiert hat. «Selbst bei den Auswärtspartien reisen bis zu 600 Fans an», weiss Kündig.

Mehr Team, weniger Ego

Die Begeisterung ist also gross – doch der Konkurrenzkampf und der Anspruch auch. Im Team des Thüringer HC, dem Meister von 2011 bis 2016 sowie 2018, wimmelt es nur so von Nationalspielerinnen aus den verschiedensten Nationen. «Ich habe gleich Verantwortung erhalten», freut sich Kündig. Sie sagt aber auch: «Man ist schnell ersetzbar.»

Tatsächlich: Nach einem fünften Platz in der abgebrochenen Meisterschaft wurde im Erfurter Verein nicht lange gefackelt. «Die letzte Saison war enttäuschend, da braucht man nicht um den Brei reden», sprach Coach Müller Klartext. «In der Mannschaft hatten wir zu viele Spielerinnen, die nur auf das eigene Ego geguckt haben, der Teamgedanke hat gefehlt.»

Die Folge: Der grösste Umbruch im Kader seit 2010. Zehn Neue (davon acht Ausländerinnen) stehen sieben Abgängen gegenüber. «Wir versuchen eine Mannschaft zu formen, die diese Bezeichnung auch verdient», begründete Müller.

Als erste Zielmarke wurde der dritte Platz definiert – hinter Dortmund und Bietigheim. Letzterem Gegner trotzten die Erfurterinnen auswärts ein 29:29 ab. «Das war ein gutes Resultat», sagt Kündig.

An der Seite der Shooterin

Und der Match lieferte eine erste Bestätigung. Die Wetzikerin nimmt offensichtlich im Gefüge des Thüringen HC eine wichtige Rolle ein. «Kündigs Spielintelligenz, Engagement und Kampfgeist wird geschätzt», hat Steffen Ess festgestellt. Auch abseits des Feldes sei sie ein Gewinn, sagt er.

Ess verfolgt als Redaktor der «Thüringer Allgemeine» das Starensemble ganz genau. Und streicht insbesondere die Zusammenarbeit von Kündig und Marketa Jerabkova im Rückraum heraus. «Sie ergänzen sich bereits sehr gut», sagt er.

Jerabkova, tschechische Handballerin des Jahres 2020, zählt ebenso zu den zahlreichen Neuen. «Marketa ist eine klassische Shooterin, extrem torgefährlich», sagt Kündig, die an Jerabkovas Seite für das Planerische im Spiel zuständig ist, wie sie selbst sagt.

Ob der neue Thüringer HC in dieser Saison wieder über längere Frist reüssieren wird, ist noch nicht absehbar. «Wir sind individuell wesentlich schwächer besetzt», stapelte Trainer Müller im Vorfeld tief. Tatsächlich waren unter den Abgängen einige arrivierte Akteurinnen.

Und dennoch gibt es vielversprechende Tendenzen. «Das neuformierte Team ist weniger berechenbar», glaubt Lokaljournalist Ess. Es ist auch ein Verdienst von Kündig, die als Gestalterin auf der so wichtigen Rückraum-Position dem Thüringer Offensivspiel Struktur gibt.

Jud muss noch warten, Pellegrini in Form
Schon weitaus länger als die Wetzikerin Kerstin Kündig in Deutschland spielen Tim Jud und Fabian Pellegrini. Die beiden Ustermer starteten am letzten Wochenende in die Meisterschaft.

Der bereits seit 2015 bei der HSG Konstanz unter Vertrag stehende Jud erlebte seither zwei Aufstiege in die zweite Bundesliga – aber dazwischen auch ­einen Abstieg. Längst ist er am Bodensee zum Führungsspieler gereift und führt sein Team mittlerweile sogar als Captain aufs Feld. Beim misslungenen Saisonauftakt gegen den HC Elbflorenz Dresden (21:27) fehlte der Rückraumspieler allerdings noch wegen einer in der Vorbereitungsphase erlittenen Knöchelverletzung am Fuss. 
In der letzten Saison lag ­Konstanz vor dem Abbruch als 16. auf dem Barrageplatz. «Es wäre sicher wieder heiss geworden. Doch wir hatten zuvor wichtige Spiele gewonnen und waren gut drauf», sagt Jud. Entsprechend steht auch in der neuen Meisterschaft der Ligaerhalt als primäres Ziel im Vordergrund. Dabei muss die HSG auf ihren zu GC Amicitia Zürich gewechselten Topskorer Paul Kaletsch verzichten. Jud ist trotzdem aufgrund des breiteren Kaders zuversichtlich. «Die Verantwortung ist mittlerweile auf verschiedene Schultern verteilt, wodurch wir unberechenbarer sind», ist der 25-Jährige überzeugt.

Seine immerhin schon vierte Saison nimmt auch Fabian Pellegrini beim 1. VfL Potsdam in der 3. Bundesliga in Angriff. Der Ustermer teilt sich seit 2018 mit Jan Jochens die Goalieposition. «Wir harmonieren auf und neben dem Platz», sagt Pellegrini.  Beim 27:22-Auftakterfolg über Füchse Berlin 2 erhielt allerdings der 25-Jährige den Vorzug und rechtfertigte diesen mit einer starken Darbietung. Gleich 15 Paraden zeigte er und parierte dabei noch zwei Siebenmeter.
Potsdam will, wie eigentlich jedes Jahr, in der Staffel Nord-Ost ein ernsthaftes Wörtchen um den Aufstieg mitreden. Das unterstreicht auch Pellegrini, der nebst dem Handball Teilzeit als Informatiker arbeitet. «Ich möchte in ein, zwei Jahren in der 2. Bundesliga spielen.» (dsc)

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