Gmelins Kraftraum-Plan ist aufgegangen
Der Ort ist derselbe. Die Voraussetzungen aber haben sich fundamental geändert. Sie wolle sehen, wie gross der Abstand zur Spitze noch sei, sagte Jeannine Gmelin 2015 vor der EM im polnischen Posen. Um überraschend die Silbermedaille zu gewinnen.
Nun ist die Ustermer Skifferin als Titelkandidatin zurück am Ort ihres ersten grossen Erfolges, an dem von Freitag bis Sonntag zum vierten Mal Europameisterschaften ausgetragen werden. Gmelins Palmarès ist mittlerweile eindrücklich – auch in der Kurzversion. Olympia-Fünfte 2016, Weltmeisterin 2017, Europameisterin 2018. Zwischenzeitlich blieb sie 20 Rennen am Stück unbesiegt.
Ursprünglich hätte die EM Anfang Juni stattfinden sollen, sie stand aufgrund der Pandemie aber auch nach der Verschiebung bis zuletzt auf wackligen Füssen. Gmelin brachte das nicht aus dem Takt. Sie blendete die Unsicherheiten aus. Stattdessen konzentrierte sie sich auf das, was sie beeinflussen konnte – ihre Vorbereitung.
Den letzten Schliff verpasste sie sich in Varese. Jetzt freut sich die 30-Jährige auf die Regatta auf dem Maltasee, die ohne Zuschauer über die Bühne geht. Sie sagt: «Ich bin sehr positiv gestimmt, dass ich da eine gute Leistung zeigen kann.»
Der Grundrhythmus stimmt
Gmelins Zuversicht bestärkt haben die Eindrücke aus ihrem einzigen Vorbereitungsrennen vor der EM. Mitte September holte sie sich auf dem Rotsee den achten Schweizer-Meister-Titel. Es war ein Sieg mit Ansage, ist sie national doch konkurrenzlos. Wichtig für Gmelin war indes, dass sie mit der Leistung zufrieden sein konnte. «Ich erwischte ein gutes Rennen. Der Grundrhythmus stimmte vor allem im mittleren Teil schon sehr gut.»
Die Ustermerin realisierte: «Meine Arbeit im Kraftraum hat sich im Boot sozusagen widerspiegelt.» Zusammen mit Trainer Robin Dowell, mit dem Gmelin seit 2019 in einem Privatteam unterwegs ist, schaffte sie nach vielen Jahren mit konventionellem Krafttraining heuer neue Trainingsutensilien an, um Reize zu setzen. Der Plan ging auf. Jeannine Gmelins sagte schon vor der geglückten SM, sie sei schneller, stärker und effizienter geworden.
Die Profiruderin hat die lange Zeit ohne Wettkämpfe gut nutzen können. Obwohl sie bisweilen in rauem Wellengang unterwegs war. Das Trainingslager brach sie Anfang Januar wegen den Buschbränden ab, zweimal musste sie Hals über Kopf ihren Standort verlassen, um Grenzschliessungen in Italien und Deutschland zuvorzukommen. Den Lockdown verbrachte sie schliesslich in Slowenien. Mitte Juni kehrte sie dann in die Schweiz zurück, wo sie auf dem Rotsee trainierte.
Ausserhalb der Box
Haderten andere Spitzensportler mit ausgefallenen Wettkämpfen und schwierigen Trainingsbedingungen, zieht Gmelin ein positives Fazit. «Dass sich alles mal verlangsamt hat, ein Gang runtergeschaltet wurde, hat mir mental sehr gut getan.» Es habe ihr die Möglichkeit gegeben, «ausserhalb der Box» zu denken, sagt sie. Und es sei für ihre Zusammenarbeit mit Trainer Dowell befruchtend gewesen.
«Wir konnten uns Zeit nehmen, zu analysieren, uns zu informieren und weiterzubilden.» Zupass kam Gmelin, dass sie keine Zukunftsängste hatte. Alle Sponsoren verlängerten das Engagement, ihr Privatteam ist im Olympiajahr 2021 am Start.
«Ich fand wieder stärker zu meiner Freude am täglichen Training zurück.»
Jeannine Gmelin
Der wichtigste Punkt aber ist, dass Gmelin auch ohne Rennen keinerlei Motivationsprobleme hatte. Sie rückte noch konsequenter den Prozess ins Zentrum, arbeitete nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel. Das machte sich bezahlt. «Ich fand wieder stärker zu meiner Freude am täglichen Training zurück.»
Profitieren davon will die Schweizer EM-Medaillenhoffnung nun an ihrem einzigen internationalen Wettkampf der Saison. Die Konkurrenz aber ist beträchtlich. Aus 15 Ruderinnen besteht das von Titelverteidigerin Sanita Puspure (IRL) angeführte Feld. Vom A-Final der EM 2019 auf dem Rotsee fehlen in Polen nur zwei Ruderinnen. Die Tschechin Miroslava Topinkova (3.) ist zurückgetreten, die Holländerin Lisa Scheenaard (NED/6.) hat die Bootsklasse gewechselt.
