Darum muss er sich neu beweisen
Vor dem Rennen? Da hätte er für diese Platzierung unterschrieben. Aber dass er im Sprint um den 2. Platz dem Belgier Vincent Baestaens unterlag, das fuxte ihn dann doch.
Immerhin kann sich Kevin Kuhn mit etwas Abstand über die Erkenntnis freuen: «Ich bin schon recht gut in Form.»
Mit dem 3. Platz beim Crosstour-Rennen in Baden ist dem Gibswiler Mitte September der Auftakt zur Radquer-Saison geglückt. Es wird eine spezielle für ihn – eine mit zahlreichen Neuerungen.
«Es geht darum, den Anschluss zu finden.»
Kevin Kuhn
Die wichtigste vorneweg: Der bisherige U23-Athlet fährt neu im Elite-Weltcup. Ein leichtes Ziehen in der Magengegend oder gar Bauchweh verspürt Kuhn deswegen nicht.
Die Lockerheit zählt zu seinen Stärken. Und der Tösstaler ist nach der «Schnupperlehre» – er bestritt 2019 zwei Elite-Weltcups – davon überzeugt: «Das wird keine grosse Umstellung.»
Eine Sache der Einstellung
Kuhn kann die Herausforderung mit viel Selbstvertrauen anpacken. Er kennt seine Qualitäten. Im letzten U23-Jahr entwickelte sich der Tösstaler zu einem Siegfahrer – ohne das selber erwartet zu haben.
Als erster Schweizer gewann er den U23-Gesamtweltcup. Danach lieferte er auch an der Heim-WM in Dübendorf. Die Schweizer Erwartungen lasteten da auf ihm, der Druck war gross.
Doch Kuhn belohnte sich für die jahrelangen Anstrengungen mit dem Vizeweltmeistertitel. Es war der bisher grösste Moment seiner noch jungen Karriere.
Klar ist: Jetzt muss er sich neu beweisen. Probleme hat er damit keine. «Das ist Einstellungssache.»
Man müsse die Aufgabe einfach realistisch angehen, sagt Kuhn. «Es geht darum, den Anschluss zu finden.» Könne er in seinem Premierjahr im Elite-Weltcup auch ein paar gute Resultate herausfahren, «so um den 10. Platz, dann bin ich zufrieden».
«Ich mache meine Arbeit wie vorher, habe mich nicht anders vorbereitet.»
Kevin Kuhn
Es ist eine Ranglistengegend, in denen Fahrer aus der einstigen Radquer-Hochburg Schweiz im Weltcup zuletzt selten zu finden waren. In der Saison 2019/20 sorgte Timon Rüegg mit Platz 12 im tschechischen Namur für das Bestresultat von Swiss Cycling.
Rüegg (24) und Kuhn (22) gehören nach dem Rücktritt von arrivierten Fahrern wie dem Dürntner Simon Zahner trotz ihres jungen Alters zu den Zugpferden. Kuhn ist sich dessen bewusst. Beirren lässt er sich dadurch nicht.
«Ich mache meine Arbeit wie vorher, habe mich nicht anders vorbereitet», sagt er. Dann schiebt er nach: «Einfach noch professioneller.»
Der Umzug nach Belgien
Nach den Erfolgen in der U23 hat Kuhn sein Glück selber in die Hände genommen. Er fragte sich: Wie muss mein nächster Schritt aussehen?
Und machte sich auf die Suche nach einem ambitionierten Rennstall. Fündig geworden ist Kuhn bei «Tormans Cyclo Cross Team».
Die belgische Equipe ist ein Ableger des Pro-Continental-Strassenteams Circus Wanty-Gobert. Zwei Fahrer aus den Top Ten der Quer-Weltrangliste stehen unter Vertrag, Quinten Hermans und Corné van Kessel.
Nun auch Kuhn, der sich seither Profi nennen kann. Letzten Winter hatte er lediglich eine Auszeit als Elektroinstallateur genommen. Jetzt setzt er auf den Sport.
Reich wird er damit nicht. Aber sein Vertrag garantiert ihm ein Fixum. Zudem übernehmen die Belgier einen Grossteil der Kosten und stellen ihm eine Wohnung zur Verfügung. In Geel ist sie, um die 50 Kilometer östlich von Antwerpen.
«Ich muss mal ausprobieren, wie viel ich vertrage.»
Kevin Kuhn
Von Oktober bis Ende März wird Kuhn in Belgien leben, wo die Begeisterung für den Quersport enorm ist. Der Umzug bringt ihm einige Vorteile. Er kann Trainings mit Teamkollegen bestreiten.
Das hat ihm in jüngster Vergangenheit gefehlt, wie er sagt. «Man kann sich gegenseitig pushen oder gemeinsam an der Technik feilen», nennt er zwei Vorzüge.
Ein Pluspunkt ist sein temporärer Wohnort auch mit einem Blick auf den Rennkalender. Mehr als die Hälfte der Weltcup-Anlässe findet in Belgien statt. Für Kuhn verkürzen sich die Anfahrtswege dadurch deutlich.
Ab Oktober im Dauereinsatz
Die nächsten Monate werden für den Oberländer streng. Er wird im Oktober drei Quer bestreiten, am 1. November beginnt mit dem Rennen in Overijse (BEL) dann der Weltcup.
Danach geht es Schlag auf Schlag weiter. Elf Weltcups stehen an, dazu die EM sowie die WM Ende Januar im belgischen Ostende. Einzelne Einsätze in der Superprestige-Serie hat der Gibswiler ebenfalls auf seinem Wunschzettel.
Es ist ein Mammutprogramm, das in dieser Form natürlich nicht in Stein gemeisselt ist. «Ich muss mal ausprobieren, wie viel ich vertrage», sagt Kuhn dazu.
An Möglichkeiten, den verlorenen Sprint von Baden aus dem Gedächtnis zu verbannen, mangelt es ihm jedenfalls definitiv nicht.
