Selbst für die Helfer zu schnell
Es sind die besten Momente des Rennens für Stephan Wenk. Nach etwas mehr als einem Viertel der Strecke hat der Bergläufer aus Bertschikon beim 67 km langen Swiss Alpine Marathon in Davos bereits einen beträchtlichen Vorsprung auf seinen ersten Verfolger T-Roy Brown und die restliche Konkurrenz herausgeholt.
Wenk läuft ein gutes Tempo. Und kann bei idealen Bedingungen das machen, was er sich vorgenommen hat: Das Geschehen von der Spitze aus kontrollieren.
«Grundsätzlich ist der Läufer selber verantwortlich. Man geht aber bei einem solchen Rennen auch davon aus, dass die neuralgischen Punkte ausgesteckt sind.»
Stephan Wenk
Fünfmal hat der Oberländer schon am Klassiker mit Start und Ziel in Davos teilgenommen. Zuletzt gewann der erfahrene Athlet dreimal hintereinander über die zweitlängste Distanz.
Heuer nun hat sich Wenk erstmals an die Hauptdistanz gewagt. Anstatt wie zuletzt 88 km ist sie «nur» noch 67 km lang. Und liegt damit «im Rahmen», wie er sagt. Der 37-Jährige hat sich den Sieg zum Ziel gesetzt.
Im Rennen mit den vier Pässen, acht Tälern und 2600 Meter Höhendifferenz ist er nach dem verheissungsvollen Beginn auf gutem Weg dazu.
Doch kurz nach dem Scalettapass folgt jene verhängnisvolle Szene, die den Favoriten den obersten Platz auf dem Podest kosten wird.
Plötzlich im Juhe
Wenk läuft talwärts, statt auf den Panoramatrail einzubiegen. Er ist so schnell unterwegs gewesen, dass der Streckenposten den Wettkampfparcours an dieser Stelle noch gar nicht ausgesteckt hat.
«Grundsätzlich ist der Läufer selber verantwortlich», nimmt Wenk sich in die Pflicht. «Man geht aber bei einem solchen Rennen auch davon aus, dass die neuralgischen Punkte ausgesteckt sind.»
Es dauert einige Zeit, bis der Führende realisiert, dass er nicht mehr auf dem richtigen Kurs ist. «Ich war im Juhe draussen. Jetzt ging es um Schadensbegrenzung.»
«Ich versuchte, mich damit abzufinden.»
Stephan Wenk
Zweimal hält er an, spielt seine Optionen durch. Auf dem Weg wieder zurück laufen? Oder sich doch lieber querfeldein nach oben kämpfen? Wenk entscheidet sich für Letzteres, hat im Nachhinein aber das Gefühl, es sei die schlechtere Option gewesen.
Auswirkungen hat seine Wahl auch auf Verfolger T-Roy Brown. Der US-Amerikaner ist ebenfalls auf den falschen Weg geraten. Weil er den rechts über ihm hochsteigenden Wenk nicht sieht, bemerkt er seinen Irrtum nicht, läuft weiter Richtung Bergün – und gibt letztlich entnervt auf.
Jeder Schritt schmerzt
Wenk denkt derweil nicht daran, das Handtuch zu werfen. «Abhaken. Das Rennen geht noch lange», spricht er sich Mut zu. Statt einen Vorsprung zu verwalten, muss er allerdings plötzlich einen Rückstand aufholen.
Die Informationen darüber, wie gross dieser ist, sind widersprüchlich. Es dürften aber fast sieben Minuten sein. Bis zur Fanezzfurgga und nach knapp Hälfte der Distanz hat Wenk dennoch wieder zur Spitze aufgeschlossen.
Es kommt gar noch besser. Hinter Monstein übernimmt der Oberländer die Führung wieder, erarbeitet sich etwa eine Minute Vorsprung. Um die 25 Kilometer verbleiben zu diesem Zeitpunkt noch bis ins Ziel.
Die beeindruckende Aufholjagd hat ihn aber viel Kraft gekostet. Zu viel, wie sich bald erweist.
Plötzlich ist die Energie weg. Wenks Beine werden schwer. Jeder Schritt schmerzt. Er fällt aus der Entscheidung.
Über acht Minuten nach Gewinner Riccardo Montani erreicht der Oberländer das Ziel als Dritter. Seine Gefühlslage dabei? Grundsätzlich gefasst. «Ich versuchte, mich damit abzufinden.»
Montani wird später erzählen, auch er sei an besagter Stelle falsch abgebogen. Doch der Italiener wird bald einmal von einem Zuschauer auf den Fehler aufmerksam gemacht. Der Zeitverlust ist gering.
Wie auch jener von Frauensiegerin Marcela Vasinova. Die Tschechin nimmt ebenfalls erst den Weg Richtung Tal, ehe sie den Lapsus dank ihrer GPS-Uhr schnell bemerkt.
Die «schöne Geste» der Jury
So viel Glück hat Wenk nicht. Er schätzt, durch seinen Umweg fast 20 Minuten verloren zu haben. Der ungewöhnliche Zwischenfall gibt danach zu reden. Und lässt die Rennjury handeln.
Das Resultat nachträglich korrigieren kann sie zwar nicht. Sie erklärt Wenk aber zum «moralischen Sieger». Und richtet ihm wie Montani die Siegprämie von 2000 Franken aus. «Eine sehr schöne Geste», sagt der Oberländer.
Den Podestplatz sieht er trotz seinen Ambitionen nicht als Selbstverständlichkeit. Denn die unmittelbare Vorbereitung auf den Swiss Alpine Marathon verlief alles andere als ideal.
Eine Achillessehnenentzündung zwang ihn zu einem dreiwöchigen Laufpause. In den Tagen vor dem Start konnte er nur 22 Laufkilometer sammeln.
Der Start mit der Maske
Von Frust ist bei Wenk mit etwas Abstand jedenfalls nichts mehr zu spüren. Viel mehr freut er sich darüber, nach der pandemiebedingten Absagewelle endlich wieder einmal einen prestigeträchtigen Wettkampf in den Beinen zu haben.
Der Swiss Alpine Marathon ist denn auch die erste grosse Laufveranstaltung des Jahres, die durchgeführt worden ist.
Mit zahlreichen Schutzmassnahmen. So müssen die Läuferinnen und Läufer beispielsweise beim Start auf dem Gelände des Davoser Eisstadions eine Maske tragen.
«Die konnte man nach 200 m bereits wegwerfen», will Wenk kein Aufheben darum machen. Er sagt, der Rest sei wie bei einem ganz normalen Lauf gewesen. Das Rennen dürfte dennoch einen speziellen Platz in seinen Erinnerungen erhalten.
