Leichtfüssig durch die Unwägbarkeiten
Viel ist Anfang Juli nicht mehr übrig nach dem Streichkonzert. Zwei Rennen der Swiss Series. Einige Anlässe im grenznahen Ausland. Und die Langdistanz-WM in Zofingen im September.
Doch der Wettkampf, an dem Jens-Michael Gossauer vor einem Jahr aus dem Nichts mit seinem 2. Platz gross auftrumpfte, ist stark gefährdet – und fällt vergangenen Freitag über die Klippe.
Die Veranstalter haben sich entschieden, die Titelkämpfe auf den 30. Mai 2021 zu verschieben.
«Durch die Absage kann ich nun noch mehr machen, worauf ich Lust habe.»
Jens-Michael Gossauer
Gossauer lässt sich weder davon, noch von den Unsicherheiten die Laune verderben. Mit der Situation zu hadern überlässt er der Konkurrenz. Motivationsschwierigkeiten kennt er keine. Trotz der aussergewöhnlichen Situation hat er den Frühling genossen.
«Ich hatte immer Spass», sagt der in Bäretswil wohnende Duathlet. Die WM-Absage bedauert er logischerweise. Im Training ändert sich für ihn dadurch aber nichts.
«Und durch die Absage kann ich nun noch mehr machen, worauf ich Lust habe», sagt er und denkt über Trailrunning, Velorennen oder einen Wettkampf über 5000 m auf der Bahn nach.
Instinkt ist gefragt
Die Leichtigkeit passt gut zu Gossauers Einstellung. Er packt seine sportlichen Projekte mit der nötigen Ernsthaftigkeit, aber nicht verbissen an. Natürlich erstellte auch er vor der Saison eine Grobplanung, die er Nationaltrainer Cameron Lamont vorlegte.
Der 26-Jährige aber trainiert weder strikt nach genauen Plänen, noch schenkt er Leistungswerten übermässig viel Aufmerksamkeit. Er vertraut im Aufbau dafür umso mehr seinem Gefühl.
So hat er heuer nach einem sehr intensiven Frühjahr auf dem Velo auch ohne Blick auf die gesammelten Daten realisiert, dass er den Umfang reduzieren muss, um nicht auszubrennen.
Durch die Herangehensweise kennt das Mitglied der Duathlon-Nationalkaders seinen Körper wohl genauer als mancher Gegner.
Er ist überzeugt: Das hilft in Langdistanz-Rennen, in den kaum eines mit dem anderen vergleichbar ist.
«Meine grösste Stärke ist, dass ich mehr leiden kann als andere.»
Jens-Michael Gossauer
Zurechtgelegte Taktiken können schnell Makulatur werden. Man muss in der Lage sein, den Wettkampf instinktiv gestalten zu können. Letztlich spielt das Mentale eine entscheidende Rolle.
Er gehöre rein vom Talent her nicht zu den Spitzenathleten, sagt der Oberländer offen. «Meine grösste Stärke ist, dass ich mehr leiden kann als andere.»
Der Mittagsschlaf hilft
Einer seiner weiteren Trümpfe kann er derweil heuer nicht mehr ausspielen. Unter dem Radar der Gegner zu agieren wird nicht mehr möglich sein.
«Sie werden mich besser im Auge behalten», ist sich Gossauer bewusst. Es macht ihm nichts aus. «Das pusht mich eher.»
Vor dem WM-Rennen 2019 hatte sich der Oberländer selber zwar den Sprung aufs Podest zugetraut. Die Konkurrenz aber kaum. Was man ihr auch nicht verübeln kann, feierte der ehemalige Läufer, dessen Palette Distanzen bis zum Halbmarathon umfasste, seine Duathlon-Feuertaufe doch erst vor zwei Jahren.
Der Aufstieg in die internationale Spitze verlief danach steil. Schon im dritten Rennen an einem internationalen Grossanlass feierte er den Vizeweltmeistertitel. Es soll nicht der letzte Erfolg für den Schweizer Duathleten des Jahres 2019 werden.
Da er den schulischen Teil seiner Ausbildung zum Physiotherapeuten abgeschlossen hat und erst Ende September mit eine dreimonatigen Praktikum am Spital Wetzikon beginnt, ist Gossauer nun mehrere Wochen lang Profi.
Den Trainingsumfang erhöht er deshalb nicht. Er profitiert aber davon, mehr Zeit für die Erholung zu haben. «Nur schon jeden Tag einen Mittagsschlaf machen zu können, bringt extrem viel.»
Auf dem Velo ist Gossauer in den letzten Monaten ein weiterer Leistungssprung gelungen. «Ich kann immer mehr drücken», sagt er und meint damit die Kraft, die er auf die Pedale bringt.
Der Entwicklungsschub ist auch messbar. Durch die Bestenlisten auf der Plattform Strava kann Gossauer seine Leistungen mit jenen von Veloprofis vergleichen.
Auf richtigen Pässen hätte er gegen Kletterer zwar weiterhin keine Chance, auf coupierten Strecken, wie sie im Oberland so häufig anzutreffen sind, ist er ihnen aber näher gerückt. «Ein cooles Gefühl. Das gibt Selbstvertrauen.»
Eine positive Zwangspause
Die Fortschritte spornen Gossauer an. Sie motivieren ihn im Training, in dem er in den letzten Monaten zu einigen Umstellungen gezwungen war. Denn seit der WM 2019 lief nicht alles reibungslos.
Im Herbst brach sich Gossauer bei einem Sturz mit dem Mountainbike das Schlüsselbein. Anfang Februar übertrat er sich dann einen Fuss. Das hatte einen dreimonatigen Laufstopp zur Folge.
Was auf den ersten Blick negativ tönt, hatte auch positive Auswirkungen. Gossauers langwierige Achillessehnenprobleme sind durch die Pause verschwunden.
Auch die lange anhaltenden Schmerzen nach dem komplizierten Schlüsselbeinbruch sind mittlerweile weg. Einzig die Platte, die man ihm damals bei der Operation einsetzte, ist noch da.
Wann Gossauer sie entfernen lässt, hängt vom Wettkampf-Programm ab. Ursprünglich hatte er geplant, am 16. August das Swiss-Series-Rennen in Uri zu bestreiten, Ende August dann einen zweiten Wettkampf.
Das hätte an Testrennen gereicht, um an der Langdistanz-WM in Zofingen bereit zu sein, glaubt Gossauer. Seit Freitag muss er sich keine Gedanken mehr über die ideale Vorbereitung für die Titelkämpfe machen.
Dafür umso mehr darauf hoffen, dass die vom ihm nun anvisierten Duathlons – einer Ende August in Frankreich, einer im Oktober im Fürstentum Liechtenstein – tatsächlich stattfinden.
