Weit mehr als nur ein Altherrensport
Die Faustballer als Vorreiter in der Coronavirus-Krise? Tatsächlich startete die Nationalliga bereits Ende Juni mit einer verkürzten Meisterschaft in die Saison.
Zwei von vier Spieltagen wurden seither bestritten – und diese hätten für den Rütner Jan Meier nicht besser verlaufen können. Sein Team Widnau konnte sämtliche vier NLA-Partien für sich entscheiden.
Für Meier ist es keine Selbstverständlichkeit – nicht zuletzt wegen des Rücktritts von Mario Koller zum Ende der letzten Saison, einer Rheintaler Faustball-Legende mit zahlreichen Erfolgen.
«Die Jungen haben ihren Job sensationell gemacht», lobt Meier den nachrückenden Nachwuchs.
Der 24-Jährige nimmt als Schlagmann eine wichtige Rolle bei Widnau ein. Im Spätherbst 2014 war er vom eben in die Nationalliga B abgestiegenen Rüti ins Rheintal gezogen. Seither wurde Meier Meister, Cup-Sieger und auf internationaler Ebene sogar Weltpokal- sowie EFA-Pokal-Sieger.
Der Oberländer ist längst im Grenzort heimisch geworden. Er absolvierte eine zweite Ausbildung zum Zimmermann und ist mittlerweile zweifacher Familienvater. Die Belastung im Beruf und die private Situation waren es auch, weshalb er für einige Zeit in der Nationalmannschaft pausierte.
Comeback im Nationalteam
Erst auf die WM vor einem Jahr in Winterthur hin gab er sein Comeback. «Ich will die zehn besten Faustballer der Schweiz dabeihaben, und da gehört Jan ganz klar dazu», begründete damals Nationalcoach Oliver Lang dessen Nomination.
Für Meier lohnte sich die Rückkehr. Er nahm nicht nur sogleich wieder eine zentrale Rolle ein – sondern erlebte eine einmalige Begeisterung. Insgesamt 30 000 Zuschauer besuchten die Spiele auf der Schützenwiese während einer Woche. Allein am Finaltag kamen 5800 Fans ins Stadion. «Das ist sensationell für einen Nischensport», sagt Max Meili.
Er muss es wissen. Seit Jahrzehnten ist der Dürntner dem Faustballsport verbunden – derzeit als Verantwortlicher Marketing und Kommunikation im Zentralvorstand von Swiss Faustball. Für Meili war es die beste WM überhaupt – von den Zuschauern und der Organisation her. «Da wurde die Latte ganz hoch gehängt.»
WM der Superlative
Entsprechend gespannt ist er auf die nächste Endrunde beim Serien-Weltmeister Deutschland (12 Titel) 2023. Und dieser lässt sich nicht lumpen.
12 000 Besucher fasst die Multifunktionsarena in Mannheim, in der sonst die örtlichen Rhein-Neckar Löwen (Handball) und Adler (Eishockey) auflaufen. Für die WM-Spiele wird extra ein Naturrasen in die Halle verlegt.
Doch was bleibt von der Heim-Weltmeisterschaft in Winterthur? Ist seither gar eine Aufbruchstimmung zu spüren? Meili spricht von einem Dilemma. Selbst die führenden Klubs seien mit ihren Strukturen überfordert, eine Meisterschaftsrunde im Format einer WM durchzuführen.
Und dennoch betont Meili: «Faustball ist auf diesem Niveau attraktiv. Doch eben nicht zu vergleichen mit dem Faustball in der Männerriege.»
Und dort hat der Sport seine Wurzeln. Der Dachverband Swiss Faustball wird noch immer vom Turnverband und von den Breitensportverbänden Sport Union Schweiz und Satus getragen.
Die Verbundenheit zu den Turnern ist für Meili auch Stärke und Schwäche zugleich. «Der Turnsport bringt mit seiner Polysportivität, die Koordination und Beweglichkeit fördert, viel mit», sagt er. Andererseits haftet der Disziplin insbesondere wegen der Männerriege-Faustballer seit je der Stempel eines Altherrensports an.
«Faustball kann man von Kindesbeinen bis ins Rentenalter spielen . »
Max Meili, Verantwortlicher Marketing und Kommunikation
Soll dieser endlich weggekriegt werden? Meili spricht in bestem Marketing-Ton von einem «anderen Approach». «Nein, davon ist man weggekommen. Faustball kann man von Kindesbeinen bis ins Rentenalter spielen», findet er und zieht den Vergleich zum populären Tennis.
Tatsächlich wird in den Turnvereinen der Sport noch immer zum Ausgleich regelmässig ausgeübt. Doch die Zahlen sind vor allem im Meisterschaftsbetrieb rückläufig – auch in der Region. Laut Meili gab es im Zürcher Oberland vor 30 Jahren doppelt so viele Faustballer, die in Wettkampfform spielten.
Dazu passt, dass es immer mehr weisse Flecken auf der Faustball-Landkarte gibt. Stellvertretend dafür steht die Männer-NLA, die fast ausschliesslich von Klubs aus der Ostschweiz geprägt wird.
Unihockey als Vorbild
Was also tun? Als Orientierungspunkt dient das Beispiel Unihockey. «Der Verband konnte dort schon früh einen Titelsponsor gewinnen. Das hatte einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung», ist Meili überzeugt.
Als die entscheidenden Erfolgsfaktoren nennt er eine starke Elite auf Vereins- und Nationalteamebene, intensive Nachwuchsarbeit und entsprechende Öffentlichkeitsarbeit. «Unsere Vereine, die in die Schulen gehen, sind auch erfolgreich», sagt Meili.
Er wünscht sich ausserdem Spielerpersönlichkeiten, die wie in anderen Sportarten öffentlich wahrgenommen werden. «Die Jungen brauchen Vorbilder», hält er fest.
Helfen soll diesbezüglich das jüngst aufgefrischte Projekt «Kids Future». Eine wichtige Stellung nehmen hier die extra eingesetzten Botschafter ein, die in den einzelnen Regionen aktiv auf die Vereine zugehen sollen.
Auch für Jan Meier, der bereits als Vierjähriger durch seinen Vater zum Faustball kam, ist eine gezielte Nachwuchsförderung entscheidend für die Zukunft des Sports. Damit die Kinder nicht gleich wieder aufhören.
In der Faustball-Hochburg Widnau selbst sind die Begeisterung und der Erfolgshunger sowieso unentwegt gross. Nach dem letzten Meistertitel im Jahr 2015 zogen die Rheintaler mit Meier jedoch jedes Mal im Finalturnier den Kürzeren.
Die nächste Ausgabe wird nun Anfang September ausgerechnet in Widnau ausgetragen. «Den Titel daheim feiern zu können, wäre natürlich etwas Spezielles», sagt der Oberländer.
Zwei Oberländer im Kreis des Nationalteams
Die Europameisterschaft in Kaltern (ITA) ist längst abgesagt. Dennoch bestreitet das Schweizer Nationalteam am 4. und 5. August in Wigoltingen und Elgg zwei Länderspiele gegen den WM-Zweiten Österreich. «Wir hatten nach der letzten WM einige Rücktritte. Unsere Aufgabe ist es nun, ein neues Team für die Zukunft aufzubauen», sagt Nationalcoach Oliver Lang. Zum 19-köpfigen Sichtungskader für die EM vom kommenden Jahr zählen auch zwei Oberländer. Jan Meier aus Rüti dürfte gegen Österreich voraussichtlich zum Einsatz kommen. Der für Elgg-Ettenhausen spielende Christoph Mächler (Rüti) fehlt allerdings aus privaten Gründen. (zo)
