Wenn der Rekord nur der Aufgalopp ist
Von Winterthur nach Rapperswil führt er. In vier Etappen. Die offiziell angegebene Wanderzeit für den 76 km langen Züri-Oberland-Höhenweg, auf dem es 2900 Höhenmeter zu bewältigen gibt: über 22 Stunden.
Stephan Wenk hat den Höhenweg am Samstag vor einer Woche absolviert. Der einstige Spitzenduathlet, der seit Jahren zu den arriviertesten Schweizer Bergläufern zählt, brauchte dafür 6 Stunden, 29 Minuten und 33 Sekunden.
Mit dieser Zeit blieb der Bertschiker unter seiner Vorgabe. Und er war 45 Minuten schneller als Peter van der Zon, der auf der Website fastestknowntime.com (siehe Box) bisher als Rekordhalter eingetragen war.
Allein gegen die Uhr
Die Idee ist simpel: Man legt eine definierte Route wie beispielsweise den Züri-Oberland-Höhenweg möglichst schnell zurück – rennend oder wandernd. Drei verschiedene Kategorien gibt es. Sie unterscheiden sich dadurch, ob und in welcher Form man Hilfe von Drittpersonen in Anspruch nimmt.
Um danach auf der Website fastestknowntime.com gewertet zu werden, muss man die ganze Strecke als GPS-Datei einreichen. Das Portal, das eine umfangreiche Datenbank mit absolvierten Strecken aus der ganzen Welt unterhält, ist nicht etwa wegen der Pandemie entstanden. Die beiden US-Amerikaner Buzz Burrell und Peter Bakwin lösten die sogenannte FKT-Bewegung bereits 2000 aus. (zo)
Bis vor wenigen Monaten wusste Wenk nicht einmal von der Existenz des Züri-Oberland-Höhenwegs. Ehe ihn ein Kollege darauf aufmerksam machte. Und ihm auch gleich vorschlug, einen Rekordversuch zu wagen.
Auf Begeisterung stiess er beim Athleten, der letzte Saison an der Berglauf-WM in Patagonien teilgenommen hatte und am berühmten Jungfrau-Marathon als Sechster bester Schweizer gewesen war, damit allerdings nicht.
«Das ist im Rahmen und für mich gut machbar.»
Stephan Wenk über die Hauptdistanz am Swiss Alpine Marathon
Doch nachdem der Gedanke «etwas eingewirkt hatte», wie Wenk sagt, sah er den Rekordversuch als Herausforderung.
Er lief Passagen ab, um Auffälligkeiten im Gelände kennenzulernen, und fand etwa heraus, wo er an Brunnen seine Wasserflasche wieder füllen konnte.
Trotz aller Akribie war der Rekordlauf für Wenk vor allem auch eines – die ideale Vorbereitung auf den Swiss Alpine Marathon in Davos vom 25. Juli.
Fünfmal hat der Oberländer am Bergmarathon-Klassiker im Bündnerland bereits teilgenommen. Sein Vater war einst bei der Premiere 1986 am Start. Wenk sagt über den Lauf, diesen würden «nur die ganz Verrückten» absolvieren.
Hauptdistanz als Premiere
Zuletzt gewann er dreimal hintereinander das Rennen über die zweitlängste Strecke. Heuer nun wagt sich der 38-Jährige an die Hauptdistanz.
«Das war immer das Ziel.» Zupass kommt ihm: Statt 88 km wie zuletzt gilt es «nur» 68 km (und 2600 Höhenmeter) zu absolvieren. «Das ist im Rahmen und für mich gut machbar.»
Lediglich durchkommen aber ist nicht sein Anspruch bei der Premiere über die Hauptdistanz, bei der in diesem Jahr vier Pässe überwunden werden müssen. «Ich will gewinnen.»
Um sich den letzten Schliff für den Ultramarathon in Davos zu besorgen, startet der Oberländer zuvor am 11. Juli auch am 42,2 km langen Rheinquelletrail in Sedrun. Die weitere Saisonplanung weist derweil noch viele Fragezeichen auf.
Das lässt Wenk immerhin Spielraum, um in unbekanntem Territorium neue Akzente zu setzen – jenen mit dem Höhenweg beispielsweise.
«Mein wichtigster Wettkampf des Jahres ist also nicht mehr da.»
Stephan Wenk
Zahlreiche traditionelle Wettkämpfe sind abgesagt worden. Wie der Jungfrau-Marathon. Oder werden nicht in ihrer ursprünglichen Form durchgeführt. Wie der Berglauf-Klassiker Sierre–Zinal.
Er findet, über einen Monat verteilt, vom 17. August bis 18. September statt. Jeder Teilnehmer kann sich einen Tag aussuchen, um, mit einem Chip ausgestattet, den Lauf zu absolvieren.
Offener Weg an die WM
Das Walliser Rennen stand ganz zuoberst auf Wenks Liste. Nachdem der Veranstalter nun definitiv nicht auf einen der möglichen Alternativtermine setzte (9. August/13. September), muss Wenk nüchtern feststellen: «Mein wichtigster Wettkampf des Jahres ist also nicht mehr da.»
Zumindest ein attraktives sportliches Ziel im zweiten Halbjahr hat er ausgemacht: die Golden-Trail-Weltmeisterschaften.
Wenk hat sich vorgenommen, an der aus vier Rennen bestehenden WM (29. Oktober bis 1. November) auf den Azoren (POR) dabei sein zu können. Eine Teilnahme wäre nicht nur sportlich attraktiv, sondern kann sich auch finanziell lohnen. 100 000 Euro Preisgelder werden verteilt.
Noch aber ist aus seiner Sicht nicht ganz klar, wie er sich ein Ticket sichern kann. Allenfalls reicht es, dass er sich 2018 in den aus sechs Rennen bestehenden Golden Trail Series für den grossen Final der zehn besten Läufer in Südafrika qualifiziert hatte. Wenn nicht, liegen fünf Startplätze bei Sierre–Zinal bereit.
Wie es sich anfühlt, statt in einem Pulk von Gegnern ganz allein unterwegs zu sein, weiss Wenk ja spätestens seit seinem Rekordlauf durchs Oberland.
