Wenn die Einsamkeit vergoldet wird
Es sind die ersten nationalen Titelkämpfe nach dem wochenlangem Stillstand. Der Run auf die Startplätze am Laufsportabend Uster ist darum gross, in dessen Rahmen die SM 10000 und Steeple stattfindet.
So gross gar, dass man sich am Freitag wegen der zahlreichen Rennen bis zum wichtigsten Wettkampf des Abends lange gedulden muss. Erst kurz nach 22.00 Uhr nimmt das wohl beste Männerfeld der letzten Jahre in dieser Disziplin sein Pensum über die 25 Runden im Buchholz in Angriff.
Nicht nur aus nationaler Sicht ist alles da, «was Rang und Namen hat», wie OK-Chef Marco Eggs im Vorfeld erfreut festgehalten hat.
Auch dank einem ausländischen Trio mit Bestzeiten unter 29 Minuten kündigt sich ein schnelles Rennen an. Ideal ist zudem die Temperatur, dafür hatte am späteren Nachmittag ein Gewitter gesorgt.
Zwei Eisen im Feuer
Perfekt für den veranstaltenden LC Uster: Er hat mit Tadesse Abraham und Eric Rüttimann gleich zwei heisse Eisen im Feuer im Kampf um die SM-Goldmedaille.
Titelverteidiger Rüttimann hat sich viel vorgenommen. Er zieht aber einen für ihn enttäuschenden Abend ein. Nach drei Runden muss er bereits das Tempo drosseln. In der Hoffnung, doch noch seinen Rhythmus zu finden.
«Das war ein Nuller.»
Eric Rüttimann
Doch er erlebt das «volle Programm», wie er hinterher sagt, wird von zahlreichen Gegnern «eingesammelt». Der 27-Jährige quält sich alleine durch das Rennen – es muss sich wie eine Strafaufgabe anfühlen.
Klubkollege Abraham hat sein Pensum mit einem herzhaften Spurt bereits beendet, da packt Rüttimann erst seine letzte Runde an. «Das war ein Nuller», sagt der enttäuschte Ostschweizer über seinen 21. Rang.
Ein ebenfalls einsames Rennen läuft Abraham. Dem Tempo des ausländischen Toptrios mag er nicht ganz folgen. Der Österreicher Andreas Vojta gewinnt schliesslich – mit 28:90 Minuten stellt er auch gleich noch eine europäische Saisonbestleistung auf.
«Hier hat alles angefangen. Es ist eine besondere Bahn.»
Tadesse Abraham
Abraham läuft derweil als Vierter souverän zu SM-Gold. Er spricht hinterher von einem «sehr guten Lauf», den er gezeigt habe. 37 ist er mittlerweile. Und hat mit dem Olympia-Diplom im Marathon, EM-Silber über dieselbe Distanz und dem Europameistertitel im Halbmarathon in der jüngeren Vergangenheit für manches internationales Glanzlicht gesorgt.
2014 holte der gebürtige Eritreer nur wenige Tage nach der Einbürgerung seinen ersten SM-Titel – über 10000 m in Uster. «Hier hat alles angefangen», sagt er. «Es ist eine besondere Bahn. Ich habe immer Freude, hierher zu kommen.»
Schlumpf sofort hellwach
Unmittelbar vor dem Tageshöhepunkt tragen die Frauen – in einem mit den langsameren Männern gemischten Feld – ebenfalls ihr Meisterschaftsrennen über 10000 m aus. Der Startschuss fällt um 21.15 Uhr.
Und damit im Prinzip von der Uhrzeit her gerade noch rechtzeitig für die Favoritin auf den Meistertitel. Denn um 22.00 Uhr ist bei Fabienne Schlumpf üblicherweise Lichterlöschen.
Im Rennen zeigt sich die wegen ihrer Grösse nicht zu übersehende Läuferin dann aber von Anfang hellwach. «Spass haben, wieder Wettkampfroutine holen», hat sie sich für den Auftritt unweit ihres Wohnorts Wetzikon vorgenommen. Ambitionslos tritt sie dennoch nicht an. «Gold wäre natürlich ein cooles Erfolgserlebnis.»
Es ist ein Ziel, das sie souverän erfüllt. Schlumpf und die nicht titelberechtigte, für Stade Genève laufende Äthiopierin Helen Bekele, setzen sich von den restlichen Frauen schnell ab und laufen in der Folge ein einsames Rennen.
«Ich bin sehr zufrieden.»
Fabienne Schlumpf
Zwei Runden vor Schluss verschärft Schlumpf das Tempo, nachdem sie zuvor Bekele die Führungsarbeit überlassen hat. Letztere aber kann kontern und gewinnt.
Schlumpf strahlt hinterher trotzdem. «Ich bin sehr zufrieden.» Anders als vor zehn Tage am Meeting in Wetzikon stimmt ihr Laufgefühl von Anfang. «Es waren Welten», schwärmt sie.
Und freut sich über ihren 18. Elite-Meistertitel. Den ersten über 10000 m. Die Athletin der TG Hütten weiss zwar, wie es sich anfühlt, 10 km zu laufen. Schon dreimal hat sie sich auf der Strasse über diese Distanz den Meistertitel geholt. Auf der Bahn aber ist es ihr erstes Rennen über 25 Bahnrunden überhaupt.
