So hat Jeannine Gmelin ihre Zeit im Exil erlebt
Sie hat in den letzten drei Jahren zahlreiche Erfolge gefeiert. War Skiff-Weltmeisterin, auch Europameisterin und liess sich als Gesamtweltcup-Siegerin feiern.
Zur Krönung ihrer Karriere peilt die beste Schweizer Ruderin an den Olympischen Spielen in Tokio die Goldmedaille an – jetzt halt ein Jahr später als ursprünglich gedacht.
Dafür geht Jeannine Gmelin kompromisslos ihren Weg. Seit 2019 arbeitet die Ustermerin ausserhalb der Verbandsstrukturen an ihrem grossen Ziel, mit Robin Dowell als Privattrainer.
Buschfeuer und Grenzschliessungen
Die beiden haben intensive Monate hinter sich. Den Aufenthalt in Australien brachen sie im Januar wegen der Buschfeuer ab, dislozierten danach nach Italien. Anfang März mussten sie das Land nach den angekündigten Grenzschliessungen kurzfristig verlassen.
Dasselbe passierte ihnen daraufhin auch in Deutschland, als sie in München an den Trials des Schweizerischen Ruderverbands waren.
Gmelin und Dowell schafften es rechtzeitig nach Slowenien, wo sie einen Trainingsblock auf dem Bohinj-See geplant hatten, ehe das Reisen durch die Coronavirus-Krise unmöglich wurde. Und da sind sie noch immer.
Sie trainieren seit fast drei Monaten in Slowenien. Die Gegend um den Bohinj-See ist wunderschön, im Mietshaus richteten Sie sich einen kleinen Fitnessraum ein. Was fehlt zum totalen sportlichen Glück?
Jeannine Gmelin: Nicht viel. Es wäre toll gewesen, hätte mein Trainingspartner Mark Shimmin kommen können. Vor allem für die Einheiten auf dem Wasser. Sonst aber bin ich happy mit meinem Set-up.
Hat es sich zwischendurch trotzdem wie eine Art goldener Käfig angefühlt, da Sie nicht ausreisen durften?
Nein, nie. Klar, ich merke mit zunehmender Dauer, dass ich die Schweiz vermisse. Aber ich habe mich nie eingesperrt gefühlt. Nachdem feststand, dass die Olympischen Spiele verschoben werden, war ich aber eine Zeit lang wie in einem Vakuum. Viele meiner Entscheidungen waren abhängig von solchen anderer. Diese Ungewissheit auszuhalten, fand ich schwierig. Weil ich jemand bin, der sich festhält an einem nächsten Ziel. Egal, ob auf sportlicher Ebene oder im Alltag.
Was löste der Olympia-Beschluss bei Ihnen aus?
Die Erleichterung war gross. Ich hatte zuvor probiert, das Beste aus meinen Möglichkeiten herauszuholen. Trotzdem wusste ich: Es ist nicht das Maximum.
Welche Folgen hat die Olympia-Verschiebung ins Jahr 2021?
Es kamen Fragen von grosser Tragweite auf. Sind die Sponsoren dabei? Macht mein Coach mit? Mache ich das ein weiteres Jahr? Für mich selber war sofort klar: Ja, es geht weiter. Sonst wäre mein Projekt nicht abgeschlossen gewesen. Der Weg hat sich verändert, das Ziel bleibt aber dasselbe.
Wie weit sind die Planungen für die nächste Saison denn schon fortgeschritten?
Ich bin bereits gestartet mit meiner Reise ins zusätzliche Jahr. Die Zusage der Sponsoren und jene von Robin habe ich relativ schnell erhalten.
«Wenn man gut miteinander kommuniziert, hilft das, eine andere Perspektive zu erhalten.»
Jeannine Gmelin
Wie einfach war es, den Trainer für eine weitere Zusammenarbeit zu gewinnen?
Ich weiss nicht, ob man das in die Kategorien einfach oder schwierig einteilen kann. Ich hätte es verstanden, wenn er gesagt hätte, es sei nicht mehr möglich. Gleichzeitig kenne ich ihn gut genug. Ich ging davon aus, dass er so nicht aufhören kann und will.
Sie sind nun über einen sehr langen Zeitraum ständig mit Ihrem Coach unterwegs, mussten mit speziellen Situationen klarkommen und mehrmals die Planung anpassen. Das tönt nach Konfliktpotenzial.
Grundsätzlich bin ich erstaunt, wie reibungslos wir das gemeistert haben. Ich denke, es kam extrem stark zum Tragen, dass wir sehr gut miteinander kommunizieren. Wir scheuen nicht davor zurück, dem anderen die Bedenken, Ängste oder auch positive Dinge offenzulegen. Das war der Anker. Wenn man gut miteinander kommuniziert, hilft das, eine andere Perspektive zu erhalten. Das relativiert manchmal die Dinge. Wir sind oft gleicher Meinung, dennoch sehen wir nicht immer alles gleich.
Wie schwierig war es, Ihre Familie monatelang lediglich auf Bildschirmen zu sehen?
Einerseits habe ich mich hier sehr wohl gefühlt. Die Umgebung ist extrem schön. Es machte es somit sicher nicht zu einer Tortur, nicht zu Hause zu sein. Andererseits sind die Möglichkeiten der heutigen Technologie, etwa zu fünft zu telefonieren, extrem hilfreich. Zudem bin ich es gewohnt, meine Familie über längere Zeit nicht zu sehen.
Vor Ihrer Ankunft am Bohinj-See erlebten Sie turbulente Tage. Sie mussten Italien und Deutschland kurzfristig verlassen. Wie gut gelang es Ihnen, die Umstände auszublenden und den sportlichen Fokus zu behalten?
Ich habe das Gefühl: gut. Grundsätzlich probiere ich, mich nicht allzu häufig mit den Medien zu befassen. Im Zuge dieser ganzen Situation hatte ich keine andere Wahl. Das war logischerweise eine Ablenkung. Aber alle meine Handlungen waren nach wie vor ausgerichtet auf mein grosses Ziel. So war der Fokus immer da.
«Ich bin mir bewusst geworden, dass ich mir mehr Zeit nehmen muss für mich selber.»
Jeannine Gmelin
Slowenien hat seit dem 15. Mai die Pandemie für beendet erklärt. Wie hat sich das auf das öffentliche Leben ausgewirkt?
Als ich Mitte März ankam, herrschte bereits nicht mehr Normalität. Ich habe also keinen genauen Vergleich. Man sieht aber: Auf den Strassen ist jetzt wieder mehr los. Restaurants und Läden sind offen. Die Leute sind draussen, die Lebendigkeit ist zurück.
Was hat Sie im Zusammenhang mit der Coronavirus-Krise am meisten beschäftigt?
Die übergeordneten Fragen, die ich immer mit mir rumtrage. Beispielsweise nach dem Sinn des Lebens. Sie rückten wieder in den Vordergrund. Ich habe im Gegensatz zu anderen, die viel stärker betroffen waren, diese Coronavirus-Krise nur am Rande erlebt. Das erlaubte es mir, durchzuschnaufen und mir Gedanken zu machen. Man konnte nicht shoppen, nicht auswärts einen Kaffee trinken oder ein Glace essen. Ich merkte, dass man vieles von dem gar nicht braucht, um happy zu sein. Irgendwann dürfte die Normalität zurück sein. Aber was ist denn normal? Ist es das, was ich vorhin hatte? Zusammengefasst gesagt: Ich bin mir bewusst geworden, dass ich mir mehr Zeit nehmen muss für mich selber.
Ist Ihnen das in den letzten Wochen schon gelungen?
Ja. Hier ist das Ablenkungspotenzial aber auch kleiner als in der Schweiz. Die Challenge dürfte sein, das Ganze daheim umzusetzen, es im Alltag zu implementieren.
Dieser Alltag findet ab nächster Woche wieder in der Schweiz statt. Wie sehen Ihre nächsten Schritte aus?
Ich weiss lediglich, dass ich zu Hause weiter trainiere, einen Teil davon in Uster. Für das ruderspezifische Training stellt mir der Verband die Infrastruktur auf dem Rotsee kostenlos zur Verfügung. Da werde ich meine Hauptbasis für die nächsten Monate haben. Und vielleicht gibt es Europameisterschaften. Sie sind provisorisch Mitte Oktober angesetzt. Ob sie tatsächlich stattfinden, wird Ende Juli entschieden.
Es könnte also sein, dass Sie ein komplettes Jahr ohne einen Wettkampf bleiben. Wie sehr würde Sie das schmerzen?
Wenn der Vergleich mit den anderen wegfällt, ist das für mich als Sportlerin weder gut noch wünschenswert. Diese Krise unterstrich für mich aber auch: Ich fahre gerne Wettkämpfe. Gleichzeitig ist das Training für mich der grössere und wichtigere Teil. Ich trainiere extrem gerne. Dieser ganze Prozess, der dahintersteckt, auf physischer und mentaler Ebene, gefällt mir enorm. Weil ich den immer hatte, bin ich vielleicht auch nicht ganz so traurig, wenn dieses Jahr keine Wettkämpfe stattfinden.
