Zwei Seen zur Vorspeise, einer als Hauptgang
Es ist ein eindrückliches Zeichen zu Coronavirus-Zeiten. Mit dem «OneMillionRun» wurde die Schweiz am letzten Wochenende symbolisch aus dem Stillstand geholt. Über 80 000 Läuferinnen und Läufer legten innerhalb von 48 Stunden fast 1,25 Millionen Kilometer zurück (siehe blaue Box, unten).
Daran beteiligte sich auch Ruben Welsch. «Es war ein relativ spontaner Entscheid. Doch nachdem in diesem Frühjahr alle Wettkämpfe abgesagt worden waren, war es für mich ein schöner Anlass, um auszupowern», sagt der bald 43-Jährige aus Greifensee.
Und Welsch zählte nicht nur zu den besonders fleissigen, sondern auch innovativen Läufern. Sein Plan: gleich die drei grössten Seen des Kantons Zürich zu umlaufen.
Den Samstagvormittag nutzte er zunächst für die rund 10 km rund um den Pfäffikersee, ehe er nach einem kurzen Stopp mit seiner Frau Athena und Kollegin Katrin Ruckstuhl die etwa doppelt so lange Strecke rund um den Greifensee in Angriff nahm.
Etwas mehr als drei Stunden war Welsch dafür total unterwegs – für den früheren Leistungssportler nicht mehr als ein leichtes Warm-up.
Länderkämpfe in der Jugend
Als Nachwuchskader-Athlet nahm er, auf Mittelstrecken (800 bis 3000 m, Cross, Steeple) spezialisiert, einst für Deutschland sogar an U-18-Länderkämpfen teil, ehe er mit Beginn seines Studiums schon bald zum Marathon wechselte. Welsch lief die 42,2 km in rund zweieinhalb Stunden und zählte damit zu den 25 schnellsten Deutschen über diese Distanz.
Deutlich zurückstecken musste der gebürtige Hesse ab 2007, als nach einem Schwächeanfall während eines Marathons ein angeborener Herzklappenfehler bei ihm entdeckt wurde. Jährliche Checks beim Kardiologen standen fortan an. Welsch folgte dem Rat der Ärzte, lief nicht nur kürzere Strecken, sondern auch langsamer und nicht mehr leistungsorientiert – obwohl weitere Zwischenausfälle ausblieben.
«Ich kam bei allem aus der Puste, auch im Alltag.»
Ruben Welsch aus Greifensee
Doch ab 2012 verschlechterte sich seine Leistungsfähigkeit weiter. «Ich kam bei allem aus der Puste, auch im Alltag», erinnert er sich. Die neuesten Untersuchungen zeigten: Es floss zu viel Blut in die Herzkammer zurück statt in den Körper – und zu wenig Sauerstoff gelangte in den Kreislauf.
Mit einer geflickten Herzklappe
Die Lösung dafür: Die Rekonstruktion der eigenen Herzklappe, um eine lebenslange Kunstklappe mit vielen Medikamenten zu vermeiden.
«Die Operation war langfristig geplant. So konnte ich mich mental darauf vorbereiten, auch bewusst mit der Familie», sagt der zweifache Vater. Der Eingriff verlief ohne Zwischenfälle, und Welsch begab sich nach dem Spitalaufenthalt für fast einen Monat in eine auf Sportmedizin spezialisierte Reha-Klinik in Seewis GR. «Ich wollte unbedingt wieder fit für den Alltag werden, vor allem für meine beiden Jungs», sagt er.
Über fünf Jahre sind seither vergangen. Und tatsächlich fand Welsch schnell zurück – sein Herz ist wieder voll funktionsfähig. Rund 50 bis 60 km läuft er regelmässig pro Woche – und bestreitet auch wieder Wettkämpfe.
Deutscher Meister über 100 km
Zu welchen Leistungen der Wahl-Greifenseer mittlerweile wieder fähig ist, zeigte er im letzten Herbst an den Deutschen Meisterschaften in Kandel über 100 km.
Nach zwei Verletzungen (Skiunfall mit Schulterbruch, Muskelfaserriss) und dem entsprechenden Trainingsrückstand holte er sich dort in der Kategorie M 40 den Titel. Mit einer Zeit von 7:52,16 Stunden war er zudem der fünftschnellste Deutsche in der jährlichen Rangliste über 100 km.
Welsch ist noch voller Pläne. Er hofft, alsbald einen 24-Stunden-Lauf bestreiten zu können, und hat fürs nächste Jahr die Bieler Lauftage im Blickfeld, wo er über die 100-km-Distanz starten würde. Dafür will Welsch noch spezifischer trainieren.
«Das war schon eine anständige Zeit.»
Ruben Welsch
So überrascht es auch nicht, dass er im Rahmen des «OneMillionRun» zum Abschluss gleich den ganzen Zürichsee umlief. «Diese Idee hatte ich schon einige Jahre im Kopf», sagt Welsch.
Für die rund 98,4 km benötigte er 8:45 Stunden, was einen Kilometerschnitt von 5:20 Minuten bedeutet. «Das war schon eine anständige Zeit», freut er sich. Vor allem, weil er sich auf der Strecke bei Bäch SZ noch verlief.
Die nächsten Tage will er nun zur Regeneration nutzen. «Ich merke es schon etwas in den Beinen», sagt Welsch und lacht.
Eine Million für den Sport
Eine Million Laufkilometer in nur zwei Tagen zurücklegen. Ob laufen, wandern, joggen, walken, spazieren oder im Rollstuhl fahren – alles war möglich. Auch die Distanz blieb jedem einzelnen Teilnehmer selbst überlassen. Besonders auch: Der «OneMillionRun» ging am letzten Wochenende schweizweit ortsunabhängig über die Bühne, da die Kilometer über eine App erfasst wurden. Um mitmachen zu können, war einzig vorgängig eine (kostenlose) Regristrierung im Internet nötig.
Prominente Unterstützung
Und das ambitionierte Ziel wurde am Ende deutlich übertroffen. Nicht zuletzt dank zahlreicher prominenter Unterstützung. Selbst Sportministerin Viola Amherd liess es sich nicht nehmen, im Wallis eine Strecke von 10,9 km zu bewältigen. Aus regionaler Sicht zählte die Para-Leichtathletin Abassia Rahmani aus Wila zum Kreis der Ambassadoren. Ihren Beitrag zum Erfolg leisteten zudem die Oberländer Aushängeschilder Fabienne Schlumpf (Wetzikon) und Tadesse Abraham (LC Uster).
Die Aktion, eine der Initianten war Weltklasse Zürich, brachte mehr als eine Millionen Franken zu Gunsten der Schweizer Sporthilfe ein. (zo)