Wenn der Plan B zum Antreiber wird
Sie warf das Handtuch schon vor dem offiziellen Aus. Im Wissen um den enormen Aufwand, den sie seit vergangenem Herbst für ihr Vorhaben betrieben hatte. Und trotz ihrer Top-Form.
Doch Nicole Reist und ihr Team kamen mit ihrer Verzichtsentscheidung nur dem Entschluss des Veranstalters zuvor, der das Race Across America (RAAM) kurz darauf Anfang April absagte.
«Mein Team und ich haben schon im Frühstadium von Corona angefangen, ‹Was wäre, wenn›-Szenarien durchzuspielen. Als die Absage dann ja nicht gerade überraschend kam, stand Plan B bereits.»
Nicole Reist
Im Juni hätte die Weisslingerin am härtesten Nonstop-Rennen der Welt Grosses vorgehabt. Sie wollte zum dritten Mal bei den Frauen gewinnen. Wollte die knapp 5000 Kilometer und 50 000 Höhenmeter schneller bewältigen als bei ihrem Triumph vor zwei Jahren. Und im Gesamtklassement ganz vorne mitfahren.
Das RAAM hätte nicht der Höhepunkt der Saison, sondern der ihrer Karriere werden sollen, in der sie unter anderem schon viermal Weltmeisterin geworden ist. Hätte Reist das Kunststück tatsächlich geschafft, auch sämtliche männlichen Solofahrer hinter sich zu lassen – es wäre eine Sensation gewesen.
7000 einbeinige Kniebeugen
Ihr Angriff auf die Rekordbücher muss warten. Und man könnte meinen: Wer so viel investiert und zahlreiche Entbehrungen in Kauf nimmt, um mit dieser Konsequenz den Zielen nachzujagen, braucht nun etwas Zeit, um sich aufzurappeln. Und hat allenfalls vorerst kaum Lust, das happige Trainingspensum weiter zu stemmen.
Nur: Auf Nicole Reist trifft diese Annahme nicht zu. Die Vollzeit als Hochbautechnikerin arbeitende Ultracyclerin sagt, die Enttäuschung sei nur von kurzer Dauer gewesen.
«Mein Team und ich haben schon im Frühstadium von Corona angefangen, ‹Was wäre, wenn›-Szenarien durchzuspielen. Als die Absage dann ja nicht gerade überraschend kam, stand Plan B bereits.»
Aus diesem Grund war es für Reist möglich, ihren Fokus rasch zu verschieben und sich wieder für das Training zu motivieren. In ihrem Fall heisst das: Bevor sie ins Büro fährt, steigt sie frühmorgens in den Keller und spult da lange Einheiten auf der Rolle ab. Nach Feierabend, wenn andere Leute es sich auf dem Sofa gemütlich machen, absolviert die 35-Jährige ihre zweite Einheit.
Ist sie an einem schönen Wochenende jeweils draussen unterwegs, kommt sie mit ihrem Rennrad weit herum. Dann führt sie eine Tour von Weisslingen aus durchaus mehrere Male über die Ibergeregg oder den Klausenpass – um Höhenmeter zu sammeln. Und für eine Einheit auf flachem Terrain fährt Reist schon einmal um den Bodensee. Allein auf dem offiziellen Seeradweg sind das 260 Kilometer.
«Um auf meinem Niveau das Trainingspensum zu absolvieren, das nötig ist, um die Leistungsgrenzen weiter zu verschieben und regelmässig die Komfortzone zu verlassen, brauche ich ein Ziel.»
Nicole Reist
Nach dem Motto «Für aussergewöhnliche Leistungen braucht es aussergewöhnliche Trainingsformen» kann die Tagesaufgabe ihres Coachs auch sein, 7000 einbeinige Kniebeugen machen zu müssen.
Reist gibt zu: Ohne entsprechende Perspektive könnte nicht einmal sie sich motivieren. «Um auf meinem Niveau das Trainingspensum zu absolvieren, das nötig ist, um die Leistungsgrenzen weiter zu verschieben und regelmässig die Komfortzone zu verlassen, brauche ich ein Ziel.»
Der Entscheid muss warten
Darum also dieser Plan B. Er sieht vor, dass Reist im Spätsommer zwei europäische Ultracycling-Rennen koppelt. Mit der angedachten Kombination will sie die Grenzen erneut verschieben. Wie 2019.
In der von ihr als «Zwischenjahr» deklarierten letzten Saison gewann die Oberländerin das Race Across France (2600 km/45 000 Höhenmeter) sowie das Race Around Austria (2200 km/30 000 Höhenmeter) – notabene im Abstand von lediglich rund einer Woche.
Zwei so strapaziöse Rennen ohne grosse Erholungszeit dazwischen für sich zu entscheiden, hatte vor ihr noch nie jemand geschafft. Und das galt im Ultracycling eigentlich als unmöglich.
«Meine Crew steht voll und ganz hinter mir und ist auch für das Race Across America 2021 dabei.»
Nicole Reist
Welche zwei Langdistanz-Rennen sie heuer kurz hintereinander anpacken will, hält Reist noch unter Verschluss. Einerseits, weil die Durchführungen nicht definitiv bestätigt sind. Aber auch aus taktischen Gründen, um die Konkurrenz im Ungewissen zu lassen.
Reist ist trotz einigen offenen Fragen überzeugt, dass es sich lohnt, weiter fokussiert zu arbeiten. «Ich bin zuversichtlich, dass ich meine Leistung dieses Jahr auf den Asphalt bringen kann.»
Und ihre Ziele im Zusammenhang mit dem RAAM? Die hat sie sich fürs nächste Jahr aufgehoben. Selbstverständlich ist das nicht. Reist hatte mit dem Gedanken gespielt, nach der Saison 2020 sportlich deutlich kürzertreten zu wollen. Doch diese Entscheidung ist vertagt.
«Meine Crew steht voll und ganz hinter mir und ist auch für das Race Across America 2021 dabei», sagt sie. «Nur schon ihr bin ich es schuldig, nochmals ein Jahr auf diesem Niveau weiter zu trainieren.»
