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Ideenreich nicht nur auf der Judomatte

Für die Ustermer Olympia-Kandidaten Fabienne Kocher und Nils Stump ist der nächste Wettkampf weit weg. Es hindert sie aber nicht, den Trainingsalltag kreativ zu bestreiten.

Eine sich im Umbau befindende Wohnung als Dojo: Fabienne Kocher weiss sich zu helfen., Nils Stump hat gute Chancen an den Olympischen Spielen in Tokio teilnehmen zu können., Fabienne Kocher blieb im letzten Jahr gänzlich verletzungsfrei., Fabienne Kocher gewann 2013 an der Junioren-EM die Goldmedaille., Nils Stump (in blau) im Jahr 2018 bei den Schweizer Mannschaftsmeisterschaften.

Foto: PD

Ideenreich nicht nur auf der Judomatte

Sie machte aus der Not eine Tugend. Kurz vor dem schweizweiten Corona-Lockdown konnte sich Fabienne Kocher rechtzeitig mit Utensilien aus dem Kraftraum ihres Klubs JC Uster für zu Hause eindecken.

Doch ist überhaupt der nötige Platz in den eigenen vier Wänden vorhanden, um trainieren zu können?

Tatsächlich spielte ein glücklicher Zufall der 26-Jährigen in die Karten. In ihrem Haus im aargauischen Stilli wurde eine Wohnung umgebaut, die sie aufgrund der gestoppten Arbeiten nach Rückfrage mit dem Vermieter nutzen konnte. Und so durfte sich die Riedikerin für die Ausnahmezeit temporär ihr eigenes Dojo einrichten.

Freund und Eishockeyspieler als Kampfpartner

«Kraftmässig ist so fast alles möglich. Man muss nur etwas kreativ sein», sagt Kocher. Regelmässig als Kampfpartner herhalten musste sogar ihr Freund – ein Erstliga-Eishockeyspieler. «Er konnte damit seine Skills verbessern», sagt sie und lacht.

Seither trainiert sie wie alle weitgehend isoliert. «Es ist nicht immer einfach. Doch die Liebe zum Sport hilft bei der Motivation», sagt Kocher. Fehlen tun aber je länger, je mehr die Judokolleginnen. «Manchmal ist es schwierig, unter diesen Umständen ans Limit zu gehen», gibt sie zu verstehen.

«Ich setzte das Programm der Trainer so gut es halt geht zu Hause um.»
Nils Stump, Ustermer Judoka

Nils Stump, dem zweiten Ustermer Judoka mit dem höchsten Kader-Status, geht es da nicht anders. Er muss genauso improvisieren. «Ich setze das vorgegebene Programm der Trainer so gut es halt geht zu Hause um», sagt Stump. Kraft und Ausdauer steht bei ihm seither im Zentrum.

Zum Training ins Tessin

Immerhin: Mit den jüngst angekündigten Lockerungen kehrt nun alsbald ein Stück weit Normalität in den Alltag der Sportlerinnen und Sportler ein.

Doch weil es trotz dem vom Bund angenommenen Schutzkonzept noch einige Zeit bis zur Freigabe des nationalen Leistungszentrums Mülimatt der Elite-Athleten in Windisch gedauert hätte, suchten und fanden die besten Schweizer Judokas eine alternative Lösung.

Das Grand-Slam-Kader mit Kocher und Stump reist nämlich nach einer selbst verordneten Quarantänephase am Sonntag für zwei Wochen ins Tessin. Mit Fokus auf Technik und Kraft wird dann im Haus der Familie des Teamkollegen Otto Imala gelebt und trainiert.

Es bringt nicht nur die nötige Grösse, sondern auch die Infrastruktur mit. «Hinterher ist dann zuerst Regeneration angesagt. Bis dann hat sich auch die Situation hoffentlich weiter verbessert», sagt Kocher.

Gerade mal zwei internationale Wettkämpfe hatten die beiden Ustermer Judokas noch zu Anfang Jahr bestreiten können. Das beste Ergebnis gelang Nils Stump mit einem dritten Platz am Grand Prix von Tel Aviv.

Absagen kurz vor der Abreise

Die beiden anschliessend geplanten Wettkämpfe fielen auf fast dramatische Weise am Abend vor der Abreise aufgrund der sich zuspitzenden Coronavirus-Lage zum Opfer. Für den überhaupt kurzfristig ins Programm aufgenommenen Grand Slam in Ekaterinburg (RUS) waren durch einen besonderen Effort Visa eingeholt worden. Vergebens.

Und jetzt? Wann Kocher und Stump wieder Wettkämpfe bestreiten dürfen, steht in den Sternen. Just am letzten Wochenende hätte die Europameisterschaft in Prag stattfinden sollen. Sie soll nun gleichenorts im November stattfinden.

Bei Nils Stump hält sich der Optimismus bezüglich der Rückkehr in den Wettkampfalltag allerdings in Grenzen. «Die Kontaktsportarten kommen wohl als Letztes dran», sagt er.

Die EM könnten zumindest ein nächster Zwischenschritt in Richtung der um ein Jahr verschobenen Olympischen Spiele von Tokio sein. Auf Kurs war gerade Stump, selbst wenn er mit seinen Resultaten im letzten Jahr nicht restlos zufrieden ist.

«Es hat immer knapp etwas gefehlt», sagt er. Und dennoch: National ist er in seiner Gewichtsklasse bis 73 kg ohne Konkurrenz. In der Weltrangliste hat er sich auf Platz 27 vorgearbeitet.

«Ich kämpfe mittlerweile international mit den Besten auf Augenhöhe.»
Fabienne Kocher, Judoka aus Riedikon

Weitgehend zufrieden mit dem Erreichten ist Fabienne Kocher. Sie sicherte sich letztes Jahr zwei Grand-Prix-Medaillen, bestritt ihre erste EM in der Elite und wurde Schweizer Meisterin. Der Titel hat einen besonderen Stellenwert, weil sie erstmals überhaupt nach fünf Jahren an den nationalen Titelkämpfen teilnehmen konnte.

Und es gibt einen weiteren Grund zur Freude: Die schon mehrfach am Knie operierte Kocher blieb 2019 erstmals seit langer Zeit verletzungsfrei. Für sie ist klar: «Ich kämpfe mittlerweile international mit den Besten auf Augenhöhe.»

Die zweite Olympia-Chance

Mit Blick auf Olympia bleibt sie aber dennoch Realistin. «Es wäre schwierig geworden, Evelyn noch einzuholen», ist für Kocher klar. Gemeint ist Evelyn Tschopp, ihre direkte Konkurrentin in der Klasse bis 52 kg.

Die Krux: In jeder Kategorie gibt es nur einen Quotenplatz pro Land. Und Tschopp ist nicht nur Olympiateilnehmerin und zweifache EM-Medaillengewinnerin. Die Weltnummer 11 hat, obwohl sie zwischenzeitlich aufgrund eines Wadenbeinbruchs länger ausfiel, noch immer ein schönes Punktepolster auf Kocher.

Für die Riedikerin, wie Stump derzeit auf Platz 27 geführt, ist die Verschiebung der Olympischen Spiele also ein Vorteil. Die besten sechs Resultate im letzten Qualifikationsjahr zählen bis zum neuen Stichtag 28. Juni 2021 voll. Die Wettkämpfe davor nur zu 50 Prozent. «Ich erhalte eine zweite Chance, die ich nutzen will», sagt Kocher.

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