Auf der Kippe
Einen einzigen Wettkampf hat Gian Sutter im letzten Winter absolviert. Beim Heimweltcup in Laax verpasste der Oberländer Freestyle-Boarder im Slopestyle den Vorstoss in den Halbfinal. Schlussrang 41 steht für ihn da zu Buche.
Und sonst? Nichts. Das Wort «mager» ist diesem Zusammenhang darum nicht einmal übertrieben. «Wenn man das so hört, tönt es krass», sagt Sutter. Die nackten Zahlen stimmen mit seinen Empfindungen allerdings nicht überein. «Es fühlte sich gar nicht gross falsch an.»
«Plötzlich fielen alle Wettkämpfe weg, alle Skigebiete gingen zu. Das war ein Schock.»
Gian Sutter
Und es gibt selbstverständlich auch Gründe für diesen «kurzen Winter», wie ihn der Pfäffiker nennt. Da wäre beispielsweise die Knieverletzung aus dem Frühling 2019, die der 21-Jährige durch den Sommer schleppte. Sie sorgte dafür, dass er im Herbst statt mit den Teamkollegen auf dem Gletscher in Saas Fee trainieren zu können in der Reha weilte.
Der Verzicht
Anfang Dezember kehrte Sutter aufs Brett zurück. Die Zeit aber war für den Slopestyle-Spezialisten zu knapp, um gut vorbereitet in die Saison zu steigen. So war der Weltcup in Laax am 13. Januar nicht mehr als ein Trainingswettkampf.
Sutter hätte auch eine Woche später auf der Seiser Alm einen Weltcup-Startplatz erhalten. Das ist bei der grossen internen Konkurrenz im Schweizer Team keine Selbstverständlichkeit.
Doch weil sich der junge Oberländer nicht auf dem nötigen Niveau sah, um sich mit den Weltbesten messen zu können, verzichtete er. «Ich wollte kein Risiko eingehen.»
Gerne hätte Sutter stattdessen über einen längeren Zeitraum an Tricks und dem Schneegefühl gefeilt, um danach im letzten Teil der Saison, den er sehr mag, «Gas zu geben».
Etwa an grösseren Europacup-Stationen wie in Livigno (24./25. März). Doch Mitte März war abrupt Schluss. «Wahnsinnig, wie schnell das alles ablief», sagt Sutter zur Coronavirus-Krise. «Plötzlich fielen alle Wettkämpfe weg, alle Skigebiete gingen zu. Das war ein Schock.»
Die Gründe für die Leere
Vor ein paar Tagen hat Sutter endgültig einen Schlusspunkt hinter den Winter gesetzt – indem er die restlichen Gegenstände aus der mit anderen Boardern bis Ende April in Laax gemieteten Wohnung zurück ins Oberland zügelte.
Mehr als einen Monat ist es derweil her, seit er letztmals auf seinem Brett stand. An einem Ort, den man nicht mit Snowboarden in Verbindung bringt – die Lofoten. Sutter weilte zusammen mit zwei weiteren Fahrern und einem Kameramann für Filmaufnahmen in Norwegens Norden.
Die kleine Crew drehte nicht etwa im freien Gelände, sondern in Ortschaften, wo die Boarder ihre Fertigkeiten beim Befahren von Hindernisse zeigten.
«Die Konkurrenz entwickelt sich ständig weiter. Das führt dazu, dass man ebenfalls liefern muss.»
Gian Sutter
Es ist eines von mehreren Videoprojekten, in das Sutter in den letzten Monaten involviert war. Neben der Verletzung und dem Ausfall zahlreicher Wettkämpfe ist sein grosses Interesse am Filmen der Grund am fast blanken Resultatblatt.
Die Konsequenz aus all dem: Sutter wurde vom Schweizer Verband zurückgestuft. Nun gehört er wieder dem Challenger-Kader an – es ist die dritthöchste Stufe.
Der Reiz der Wettkämpfe
Die Enttäuschung darüber hält sich in Grenzen. Sutter bezeichnet die Auswirkungen seiner speziellen Saison als logisch. Und sagt, auf seinen Trainingsalltag habe die Abstufung keine Auswirkung.
Allenfalls spielt der Kaderstatus sowieso bald keine Rolle mehr. Denn der Europacup-Gesamtsieger im Slopestyle von 2018 steht vor einer wegweisenden Entscheidung.
Bringt er Wettkämpfe und Videoprojekte gemeinsam unter einen Hut? Oder konzentriert er sich zukünftig aufs Filmen?
«Es ist eine spannende Phase. Ich muss spüren, wie es weitergehen soll.»
Gian Sutter
Sutter steckt viel Energie in die Filmprojekte. Er würde im Prinzip gerne aber auch weiterhin Wettkämpfe bestreiten. Weil in diesen der Druck vorhanden ist, an die Grenzen gehen zu müssen. Und er den Vergleich mit anderen Athleten mag.
«Die Konkurrenz entwickelt sich ständig weiter. Das führt dazu, dass man ebenfalls liefern muss.»
Zwischen Wettkämpfen und der Arbeit für Filmaufnahmen sieht er durchaus Gemeinsamkeiten. Immer wieder ist Überwindung gefragt. Und die Tricks müssen jeweils möglichst spektakulär aussehen und sauber ausgeführt sein.
Mühe mit der Haltung
Der Schweizer Verband will die zwei Bereiche – hier der Sport, da Filmen und Fotografieren – strikt trennen. Der Oberländer tut sich schwer, diese Haltung zu verstehen. «Ich sehe bei anderen Fahrern, dass beides möglich wäre», argumentiert er.
Es gibt allerdings auch Gegenbeispiele. Die Bündner Freestylerin Sina Candrian etwa. Die zweifache WM-Medaillengewinnerin im Slopestyle beabsichtigt zwar, weiterhin an einigen Wettbewerben teilzunehmen. Sie wird kommende Saison aber ohne offiziellen Kader-Status in Angriff nehmen, da sich ihr Fokus Richtung Filmen und Fotografieren verschoben hat.
Bis zum Anfang der Saison – sie startet traditionell Anfang August in Neuseeland – will Sutter zusammen mit dem Verband seine Zukunft geklärt haben. Der Profi-Snowboarder sagt: «Es ist eine spannende Phase. Ich muss spüren, wie es weitergehen soll.»
Zumindest eine Tendenz hat er längst ausgemacht. «Mein Herz, meine Leidenschaft geht mehr Richtung Filmen», sagt Sutter. Diese Aussage zeigt: Es ist gut möglich, dass der einzige Wettkampf des vergangenen Winters zugleich der letzte seiner Karriere gewesen ist.
