Der Ballvirtuose an der Konsole
Keine A-Länderspiele, dafür eLänderspiele: Die Coronavirus-Krise macht es möglich. Ende März wurden erstmals zwei Testpartien des neu gegründeten e-Football-Nationalteams mit Livekommentar auf dem Twitch-Kanal des Schweizerischen Fussballverbands (SFV) übertragen.
Sprich: Statt dem echten Breel Embolo reihte sich auf dem Game Fifa 20 eine virtuelle Version des Schalke-Profis bei der 3:4-Niederlage gegen Portugal unter die Torschützen ein.
Überschaubar ist im Vergleich zur echten Landesauswahl das Kader. Nur vier Spieler zählt die erste Schweizer e-Nationalmannschaft. Mehr sind nicht nötig, da die jeweiligen Duelle in einem 1:1-Modus ausgetragen werden.
Besonders daran: Mit dem Weisslinger Fabio Pechlaner, Stefan Beer aus Russikon und dem Fehraltorfer Luca Boller kommen drei Viertel des Aufgebots aus dem Zürcher Oberland.
Für Captain Boller keine Überraschung: «In Fehraltorf haben schon einige bedeutende Turniere stattgefunden», sagt er. Dazu passt: Bis vor Kurzem trainierte Boller mehrere Stunden täglich in seinem eigenen Spielbüro in einem Industriebau in Fehraltorf. Er bezeichnet die Gemeinde sogar als Schweizer «Mekka des Fifa-Spiels».
Den Bankjob aufgegeben
Mittlerweile wohnt der 25-Jährige allerdings aufgrund einer Weiterbildung im Bereich Marketing und Kommunikation in Luzern. Überhaupt hat sich bei ihm einiges verändert. Seine Stelle im Büro einer Bank hat er längst gekündigt. Und fürs Fussballspielen auf dem Rasen mit der zweiten Russiker Mannschaft bleibt auch keine Zeit mehr.
Seit Mai 2017 steht Boller als E-Gamer beim FC Basel unter Vertrag. Mit dem Lohn kann er gut leben, er ist etwa gleich hoch wie bei seinem früheren Arbeitgeber.
Vor allem hatte Boller beim Entscheid ein gutes Händchen. Der FC Luzern beerdigte sein E-Sports-Projekt noch vor dem Start. Der FC St. Gallen, Ende 2016 der erste Schweizer Fussballklub mit einem Fifa-Pro, hat sich längst von seinen E-Sportlern wieder getrennt. Die Euphorie sei verflogen, begründete der Ostschweizer Klub seinen Rückzug.
«Der FCB legte ein sauberes Konzept vor. Bei anderen war es eher ein Marketing-Gag»
Luca Boller
Boller hatte dazumal auch Angebote von anderen Vereinen. Er spürte bei den Gesprächen mit möglichen Interessenten aber schnell heraus, in welche Richtung es zielte. «Der FCB legte ein sauberes Konzept vor. Bei anderen war es eher ein Marketing-Gag», sagt er.
Vier Spieler zählt das Basler Esports-Team – darunter ist auch der Argentinier Nicolás Villalba, den Boller als «virtuellen Messi» bezeichnet. Sein Potenzial liess es jüngst an der Klub-WM in Mailand aufblitzen, wo erst Sporting Lissabon in den Achtelfinals die Endstation bedeutete.
Und trotz solchen Erfolgen – zur grossen Liebe ist das neue Business der Klubs unter den Fans bisher nicht geworden. Nach anfänglichen öffentlichen Protesten (u. a. mit Flugblättern, «Hallo Kommerz, adieu Romantik») ist es zumindest ruhiger geworden. «Ich nehme den Leuten die Vorbehalte nicht übel. Ich versuche ihnen aber auch tagtäglich zu zeigen, dass eSports vielmehr als ein paar Knöpfe drücken ist», sagt Boller.
Guter Draht zu FCB-Stars
Keine Berührungsängste gibt es dafür zwischen ihm und den Fussballern des FCB, die er auch schon im Trainingslager besuchte. Nicht wenige spielen ebenso regelmässig an der Konsole und holen sich Tipps von Boller. Und mit dem mittlerweile nach Salzburg gewechselten Noah Okafor ist sogar eine Freundschaft entstanden.
Trotzdem: Die skeptische Grundhaltung gegenüber eSports ist insbesondere bei den Profivereinen im Raum Zürich weiterhin allgegenwärtig. Weder der FCZ noch GC engagierten sich bisher in diesem Bereich. Und auch der Ende November 2018 erste vorgestellte Spieler des FC Winterthur trägt längst nicht mehr das Trikot des Challenge-League-Klubs.
Sehnsucht nach eigener Liga
Einen Schritt weiter sind da Lausanne, Servette oder Sion. Bei den Wallisern ist auch der Oberländer Fabio Pechlaner engagiert. Nationalteamkollege Boller wünscht sich nicht von ungefähr endlich eine eigene offizielle Schweizer Liga. «Das Potenzial dafür ist da», sagt er.
Weiter ist man in anderen europäischen Ländern. So gibt es in Deutschland die Virtual Bundesliga (VBL). Doch selbst diese ist von der aktuellen Coronvirus-Situation nicht gefeit. Die zentral ausgetragenen VBL-Finals mussten nämlich abgesagt werden.
Luca Boller ist deshalb hin- und hergerissen. So bedauert er ebenso die fehlenden Anlässe. Auch der anstehende eNationscup in Kopenhagen vom 22. bis 24. Mai dürfte abgesagt werden.
Rückenwind gibt es für Bolller & Co dafür durch den SFV. Der Verband nutzt die Gunst der Stunde, um Werbung für sein neues eFootball-Nationalteam zu machen. Und damit neue Zielgruppen zu erreichen.
«Wir betrachten diesen Schritt zunächst einmal als Test und wollen in erster Linie – auch im Austausch mit anderen nationalen Verbänden – konkrete Erfahrungen im Bereich eFootball sammeln», sagt Projektleiter René Merkli.
Wohin der Trend geht, zeigte der Final des letzten Fifa E-Worldcups, der von 1700 Fans live in der Londoner O2-Arena verfolgt wurde. Besonders eindrücklich sind die 47 Millionen Views über die Stream-Plattformen.
Um dahin zu gelangen, ist es wie im realen Fussball: «Es sind die kleinen Dinge, die den Unterschied machen. Auch ich kann noch viel lernen», sagt Captain Boller und ortet die Schweizer Defizite gerade im mentalen Bereich.
Und der Oberländer denkt, obwohl mit 25 schon ein Routinier im eSport, nicht ans Aufhören. Er kann sich vorstellen, seinen im September auslaufenden Vertrag beim FCB erneut zu verlängern.
