Der Hoffnungsträger ist die Ruhe selbst
Die grosse Arbeit ist längst getan. In den letzten Tagen vor der WM ist es für Kevin Kuhn nur noch darum gegangen, «die Ruhe zu finden», wie er sagt. Ist ihm das gelungen? «Ich denke schon», sagt Kuhn und lacht vergnügt.
Zwei Tage vor seinem Saisonhöhepunkt sitzt er entspannt in einem Dübendorfer Hotel, hat die Beine ausgestreckt und beantwortet Fragen. Mit viel Schalk und so unaufgeregt, als ob er täglich Medienrunden absolvieren würde. Nervosität ist bei ihm jedenfalls keine zu spüren.
«Ich traue ihm alles zu.»
Simon Zahner über Kevin Kuhn
Dabei ist Kuhn an der Heim-WM auf dem Flugplatzgelände in Dübendorf neben Junior Dario Lillo und Loris Rouiller (U23) jener Fahrer, auf dem die Schweizer Medaillenhoffnungen ruhen. Der Druck ist hoch. Das ist sich Kuhn bewusst. Die Erwartungshaltung sei eine neue Erfahrung für ihn, gibt der U23-Fahrer zu. Er glaubt aber: «Bis jetzt habe ich damit gut umgehen können.»
«Es liegt etwas drin»
Es kommt nicht von ungefähr, dass Kuhn vor seinem Einsatz am Samstag im Fokus steht. Als erster Schweizer überhaupt gewann er diese Saison den U23-Gesamtweltcup. Seine Konstanz war eindrücklich. In fünf von sieben Weltcups fuhr er aufs Podest. Dreimal triumphierte Kuhn, wobei er die Erfolge auf ganz verschiedene Arten realisierte.
Nationaltrainer Bruno Diethelm schwärmt von den Fortschritten. Und sagt: «Passt alles zusammen, ist ein Weltmeistertitel möglich.» Direkt vom WM-Titel als Ziel spricht Kuhn zwar nicht. Sich selber kleinreden ist aber auch nicht seine Art. Er weiss: «Es liegt etwas drin.»
Das sehen nicht nur der 21-jährige Gibswiler und Nationaltrainer Diethelm so, sondern auch seine Weggefährten. Beispielsweise Simon Zahner, mit dem sich Kuhn immer wieder austauscht und auch trainiert. Der Dürntner mit der enormen Erfahrung hat über 150 internationale Querrennen in den Beinen, es ist Elite-WM Nummer 13 für ihn. Und zugleich definitiv die letzte. Am Freitag hat Zahners langjähriger Sponsor dessen Karriereende verkündet. Darüber reden mag der 36-Jährige vor seiner Derniere nicht, zu emotional ist das Ganze.
Simon Zahner tritt ab
31.01.2020

Dürntner beendet Karriere
Am Sonntag startet Simon Zahner an der Radquer-WM in Dübendorf – es ist das finale Rennen seiner Beitrag in Merkliste speichern Gerne spricht Zahner dafür über Kuhn. Er schwärmt davon, mit welcher Freude und Leidenschaft der Nachwuchsmann den Quersport betreibt. Er sei fahrerisch «wahnsinnig» komplett, findet der Routinier zudem und sieht die Lockerheit des 15 Jahre jüngeren Oberländers als grosse Stärke. Zahner folgert aus all dem: «Ihm traue ich alles zu.»
«Er packt alles topseriös an.»
Felix Stehli über Kevin Kuhn
Genau denselben Satz verwendet Felix Stehli. Der 19-Jährige hat sich in seinem zweiten U23-Jahr mit dem Start an der WM vor der Haustüre ein grosses Ziel erfüllt und hofft nun darauf, am Samstag «das beste Rennen der Saison zu zeigen».
Wie Kuhn wohnt er in Gibswil. Obwohl die zwei Tösstaler nicht allzu häufig zusammen trainieren, kennen sie sich gut. Stehli findet, Kuhn zeichne sich durch sein Selbstbewusstsein aus. «Und er packt alles topseriös an.»
Den Supertag im Visier
In dieses Bild passt, dass der Schweizer Hoffnungsträger diese Saison «eine Auszeit von der Arbeit nahm», wie Kuhn es selber grinsend nennt – um sich auf den Sport konzentrieren zu können. Und er ist überzeugt: Die dadurch verbesserten Trainingsbedingungen mit mehr Erholungszeit haben zur Leistungssteigerung beigetragen.
Ab Mitte Februar arbeitet der Elektroinstallateur wieder. Finanziell lukrativ war seine Zeit als Profi sowieso nicht, die Preisgelder in der U23 sind mager, Kuhn musste sein Erspartes anzapfen. Es ist ohnehin nicht der finanzielle Aspekt, der ihn antreibt, sondern die Freude am Quersport.
«Ich möchte mir einen Supertag ermöglichen, um später bei der Analyse überall Häkchen setzen zu können.»
Simon Zahner
Gross ist auch Kuhns Vorfreude auf den Wettkampf. Der Gibswiler spricht von einer einmaligen Chance, mit dieser guten Ausgangslage eine WM im eigenen Land bestreiten zu können. Er erwartet ein spannendes Rennen und räumt zahlreichen Fahrern Podestchancen ein.
Die 3,2 km lange Strecke ohne lange Aufstiege und technische Abfahren sagt ihm zu. Die Kritik an ihr versteht er nicht. «So ist Radquer heute. In Belgien hat es auch Strecken, die topfeben sind.»
Zahner hat beim Streckenentwurf mitgearbeitet. «Es macht mich trotzdem keine Sekunden schneller.» Der Dürntner wird unter ganz anderen Voraussetzungen als Kuhn ins Rennen steigen. Die Belgier und Holländer dürften einmal mehr dominieren.
Dreimal fuhr Zahner in seiner Karriere an einer Elite-WM in die Top 10, letztmals 2017. In Dübendorf muss er sich wohl weiter hinten einreihen. An einen bestimmten Rang denkt er aber sowieso nicht. Vorgenommen hat er sich für sein in mehrfacher Hinsicht spezielles Rennen nur etwas: «Ich möchte mir einen Supertag ermöglichen, um später bei der Analyse überall Häkchen setzen zu können.»
Das Radsportmultitalent ist der grosse Gejagte
Nach 25 Jahren findet der Höhepunkt der Radquer-Saison wieder einmal in der Schweiz statt. Rund 300 Athletinnen und Athleten sind am Samstag und Sonntag in den Kategorien Junioren, U23 und in der Elite auf dem Flugplatzareal in Dübendorf im Einsatz, darunter eine 21-köpfige Schweizer Delegation. Im Elite-Rennen der Männer dürften die Schweizer allerdings kaum für die Musik sorgen, zu dominant sind die Fahrer aus Belgien und Holland. Titelverteidiger und Radsport-Multitalent Mathieu van der Poel (NED) ist dabei der grosse Gejagte. Van der Poel hat in diesem Winter kaum Schwächen gezeigt und seinen Status als Nummer 1 zementiert. Sein grösster Herausforderer dürfte der Belgier Toon Aerts sein, der Gewinner der Weltcup-Gesamtwertung. Der dreimalige Weltmeister Wout Van Aert (BEL) sieht sich derweil nach seinem schweren Sturz in der Tour de France und der danach folgenden monatelangen Pause lediglich als Edelhelfer seiner Teamkollegen.
Neben Simon Zahner, Kevin Kuhn und Felix Stehli (siehe Haupttext) startet mit Lara Krähemann auch eine junge Oberländerin – in der U23. Ihre Form sei von Rennen zu Rennen besser geworden, sagt die 20-jährige Eggerin. Ein konkretes Ziel hat sie sich gleichwohl nicht gesetzt. «Ich messe mich nicht an meinem Rang, sondern an der Leistung.» (ome)
