Wenn fast alles neu ist
Wer will, kann Patrick Schelling jeden Tag bei der Arbeit zuschauen. Auf dem Strava-Profil des Radprofis lässt sich genau verfolgen, wie viele Kilometer er abspult und welche Route er einschlägt. Mit «Climbs next to home» beschriftete der 29-Jährige in der vergangenen Woche eines seiner Trainings.
Die dazugehörige Karte zeigt eine verästelte Route im Zürcher Oberland – ausgehend von seinem Wohnort Rüti. Die milden Bedingungen erleichterten ihm die Trainings. Und halfen, den grossen Temperatursprung abzufedern.
«Irgendwann hat man genug trainiert.»
Patrick Schelling
Seit Anfang der Woche verpasst sich Schelling in Argentinien bei über 30 Grad den Feinschliff für die Saison. Mit dem Mehretappen-Rennen Vuelta a San Juan Internacional nimmt er sie am Sonntag so früh wie seit fünf Jahren nicht mehr in Angriff.
Er ist froh, dass es losgeht. «Irgendwann hat man genug trainiert.» 4500 Kilometer hat er in den vergangenen Monaten abgespult. Bis auf eine Handvoll Ergometer-Einheiten absolvierte er alles auf dem Velo – weil der Winter bisher keiner war. Letzteres ist positiv für ihn, denn Schelling verträgt die Kälte nicht.
Die Temperaturfrage stellt sich die nächsten vier Wochen nicht mehr. Nach dem Saisonauftakt in Argentinien stehen für ihn auch noch die Kolumbien-Rundfahrt sowie ab dem 23. Februar die Tour of Rwanda an.
Schelling mag das Programm, da er Etappenrennen bevorzugt. Der Veloprofi hat allerdings wenig Ahnung, was in nächster Zeit auf ihn zukommt. «Das ist alles komplettes Neuland für mich.»
Ein Team als Botschafter
Für Schelling sind nicht nur Renneneinsätze in Südamerika und Afrika neu, sondern viel mehr. Darunter auch Elementares. Er hat auf 2020 hin den lang erhofften grossen Sprung von der dritten in die erste Kategorie zurück geschafft, in der er letztmals 2015 fuhr – für die nunmehr aufgelöste Equipe IAM.
Der Kletterspezialist hat heuer zudem eine andere Rolle inne. War er zuletzt im drittklassigen Team Vorarlberg einer der Leader, verpflichtete ihn der World-Tour-Rennstall Israel Start-Up Nation als Helfer.
Die 2014 gegründete Mannschaft – sie trat bisher unter dem Namen Israel Cycling Academy auf – hat Grosses vor. Auf diese Saison hin kaufte sie die Lizenz des World-Tour-Rennstalls Katuscha. Nun hofft man bei den Israeli auf einen Erfolg an einem der Klassiker und Etappensiege an den traditionsreichen Rundfahrten.
Unternehmer Sylvan Adams, die treibende Kraft hinter dem Projekt, will mit dem Rennstall nicht etwa ein Produkt oder eine einzelne Firma bewerben. Sein Hauptmotiv: ein positives Bild von Israel in die Welt transportieren. «Ich möchte, dass die gesamte Welt Israel als eine weltoffene, demokratische und friedliche Gesellschaft kennenlernt», sagte er an der Teampräsentation in Tel Aviv.
Der interessante Fahrermix
«Es wurde eine Euphorie entfacht, alle Israeli unterstützen dieses Projekt», hat Schelling bei seinem Aufenthalt im Land festgestellt. Im Dezember weilte er erstmals zwei Wochen in Israel. Er hat die Teampräsentation ebenso in positiver Erinnerung wie die Trainings. Vier Tage verbrachte das Team gemeinsam in der Wüste Negev. Schelling spricht von einem besonderen Spirit, der herrschte. «Es wird Wert auf Toleranz gelegt. Man ist weltoffen.»
«Ich bin wohl der typische Schweizer. Pünktlich, korrekt und etwas zurückhaltend.»
Patrick Schelling
Das lässt sich auch bei einem Blick auf die Liste der wichtigsten Angestellten feststellen. Die 30 Fahrer stammen aus 16 verschiedenen Ländern und drei Kontinenten. Die grösste Fraktion stellen die Israeli (vier), mit Rick Zabel, André Greipel und Nils Politt stehen auch drei Deutsche unter Vertrag.
Schelling ist überzeugt: Bei einem solchen Mix ist die Gefahr von Grüppchenbildungen kaum vorhanden. Jeder könne etwas Landestypisches ins Team einfliessen lassen, sagt er.
Auf seinen Beitrag angesprochen, muss Schelling lachen. «Ich bin wohl der typische Schweizer. Pünktlich, korrekt und etwas zurückhaltend.»
Die Chance auf Argumente
Schelling freut sich auf die Herausforderung, erstmals wieder eine komplette Saison auf höchster Stufe absolvieren zu können. «Ich habe die Hoffnung, mit dem höheren Rennrhythmus weitere Fortschritte erzielen zu können», sagt er.
An der Vuelta a San Juan Internacional besteht das sechsköpfige Aufgebot von Israel Start-Up Nation aus einem starken Sprintzug. Schelling ist derweil der Mann fürs Gesamtklassement. Die Form beurteilt er als durchaus gut. Unter Druck, ein bestimmtes Resultat abzuliefern, ist er derweil nicht.
«Könnte ich den Giro fahren, wäre das natürlich top.»
Patrick Schelling
Schaden aber kann es auf keinen Fall, früh gute Argumente zu sammeln, die ihm Aufgebote für attraktive Rennen verschaffen dürften. Sein Favorit: Der Giro d’Italia vom 9. Mai bis 31. Mai. Schelling steht auf der teaminternen Longlist für das zweitwichtigste Etappenrennen der Welt.
«Könnte ich den Giro fahren, wäre das natürlich top.» Man könnte Schelling dann wieder jeden Tag bei der Arbeit zuschauen. Und zwar nicht nur auf Strava, sondern im Fernsehen.
