«Da war etwas im Kopf, das mich ablenkte»
Rücktritt statt Wettkampf. Eigentlich hätte Kai Mahler am letzten Wochenende beim Weltcup auf der Seiser Alm (ITA) starten sollen.
Stattdessen gab der Fischenthaler in einem emotionalen Instagram-Post seinen sofortigen Abschied bekannt.
Das Echo ist beachtlich. «Du bisch de Boss!», schreibt der zweimalige X-Games-Gewinner Alexander Hall in schweizerdeutsch. Der Amerikaner ist nur einer unter Hunderten aus der Szene, der mit persönlichen Worten auf die Nachricht reagierte.
24-jährig ist Mahler erst. Und doch bewegte sich der Tösstaler bereits eine halbe Ewigkeit im bunten Freeskier-Zirkus. Mit gerade mal 15 debütiert er im Weltcup.
«Kai-Light» und Goldjunge
Bei den ersten olympischen Jugend-Winterspielen überhaupt gewinnt er Gold. Podestplätze an den X-Games in Aspen (USA) und dem mittlerweile eingestellten Freestyle.ch auf der Zürcher Landiwiese schüren die Erwartungen weiter.
Der «Blick» schreibt von einem «Kai-Light» und bezeichnet ihn als der nächste Goldjungen aus Fischenthal, das schon die Olympiahelden Simon und Philipp Schoch hervorbrachte.
Tatsächlich schafft es Mahler 2014 nach Sotschi. Doch der Auftritt im Slopestyle-Wettbewerb wird zur grossen Enttäuschung – für ihn und seine Teamkollegen.
An den nächsten Olympischen Spielen 2022 in Tokio wäre Mahler, der in seiner Karriere zwei Weltcups für sich entschied, gerne nochmals gestartet. «Das Potenzial für eine Qualifikation wäre da gewesen», glaubt er. Den Beweis dazu wird der Oberländer aber nicht mehr erbringen.
Kai Mahler, ein Rücktritt mitten in der Saison ist eher ungewöhnlich.
Kai Mahler: Ja, für Aussenstehende kommt er wohl überraschend. Doch mich beschäftigte schon länger die Frage, ob ich weitermachen soll.
Weshalb?
Ich konnte mich nicht mehr ganz aufs Skifahren konzentrieren. Es gelang mir nicht mehr, meine Leistung in den Wettkämpfen abzurufen. Da war etwas im Kopf, das mich ablenkte. Deshalb habe ich mir auch Hilfe von einem Mentalcoach geholt.
«Der Spass war wieder da da. Leider aber nicht für lange.»
Er konnte Ihnen helfen?
Auf jeden Fall. Ich habe viel über meine Gefühle herausgefunden – so quasi, was mir Körper und Hirn sagen möchten. Ich bin auch gut in die Saison gestartet. Der Spass war wieder da. Leider aber nicht für lange. Vor dem dritten Wettkampf wollte ich schon nicht mehr ins Training. Ich war also wieder am selben Punkt wie vor einem Jahr. Zuerst dachte ich: Vielleicht ist es der Jetlag, wir waren ja viel herumgeflogen. Doch auf der Seiser Alm war erneut dieses Gefühl da.
Aber weshalb hat es denn zu Beginn funktioniert?
Ich denke, in Italien und China hat einfach die Tagesform gestimmt, weil ich die richtigen Leute um mich herum hatte und mich gut fühlte.
Welchen Einfluss hatten die Resultate auf Ihren Entscheid?
Sie sind sicher ein Faktor. Wenn du nicht mehr vorne mitfährst macht es auch weniger Spass. Aber der Hauptgrund ist, dass ich mich nicht mehr gleich fokussieren kann. Irgendwann kann es bei einem Sturz Folgen haben. Das wollte ich nicht riskieren.
Im Hinblick auf eine Olympia-Qualifikation wären nicht nur gute Ergebnisse im Big Air nötig gewesen, sondern auch im Slopestyle. Deshalb bestritten Sie auch mehr Wettkämpfe. Hatte diese Mehrbelastung auch eine negative Wirkung?
Nein. Das hat keine grosse Rolle gespielt. Ich habe beide Disziplinen gerne gefahren. Im Big Air ist es mir einfach besser gelaufen.
«Jeder Trip mit unserem Team ist auf seine Art einzigartig gewesen.»
Und was bleibt in besonderer Erinnerung, wenn Sie auf das letzte Jahrzehnt zurückblicken?
Sehr viel. Jeder Trip mit unserem Team ist auf seine Art einzigartig gewesen. Ich bin zufrieden mit meiner Karriere und meinen Resultaten. Auch wenn ich etwas früher als geplant aufhöre.
Seit Ihren Anfängen ist in Ihrem Sport einiges passiert.
Die grösste Veränderung ist, dass es aus finanziellen Gründen fast keine Events mit eigenen Namen und Sponsoren mehr gibt. Darum hat auch die Fis alles übernommen. Als ich begann, gab es in Zürich noch das freestyle.ch sowie Big Airs in London, Budapest und Schweden.
Und vom Niveau her?
Ich dachte schon vor zehn Jahren, dass wir uns am oberen Limit bewegen. Doch die Entwicklung ist immer weiter gegangen. Ich bin gespannt, ob dieser Trend weiter anhält. Nur schon, weil ich in Zukunft im Coachingbereich tätig sein will. Ich habe letztes Jahr die Trainerausbildung begonnen und aus dem Team gutes Feedback auf meine Inputs erhalten.
Und nebst dem Trainerbereich? Was haben Sie weiter vor?
Fotografieren und Filmen. Früher hatten wir auf dem Berg immer eine Kamera dabei. Dann haben wir am Ende des Tages drei- bis vier minütige Filmschnitts gemacht. Das habe ich zuletzt vermisst. Weil wir so viel unterwegs waren, blieb kaum Zeit fürs freie Skifahren und filmen.
Gibt es da schon Pläne?
Im Februar gehe ich für zwei Wochen mit meinem Sponsor nach Österreich für Filmaufnahmen. Was nachher kommt, ist noch offen. Ich werde sicher viel Zeit in Laax verbringen. Vielleicht ergibt sich auch etwas mit meinem Freeskier-Kollegen Daniel Loosli, der selbst filmt und fotografiert.
Hat ihr Rücktritt eigentlich keine finanziellen Konsequenzen?
Das weiss ich noch nicht so genau. Bei meinem Skisponsor denke ich nicht, da er ebenso aufs Filmen eingestellt ist. Und mit Swiss-Ski werde ich sowieso weiterarbeiten. Daher denke ich nicht, dass sich etwas verändert.
